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Einrad-Fahrer Sebastian Niedner : „Der langsamste Mann mit Weltmeistertitel“

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Ein Weltmeister auf dem Einrad: Sebastian Niedner Bild: Privat

Sebastian Niedner ist Weltmeister im Rückwärts-Langsamfahren. Dabei handelt es sich um eine Disziplin der Einrad-WM. Im FAZ.NET-Interview spricht der 16 Jahre alte Münchner über die Schwierigkeit der Langsamkeit, blaue Flecken und seinen Vorwärtsdrang.

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          Sebastian Niedner ist Weltmeister im Rückwärts-Langsamfahren. Dabei handelt es sich um eine der vielen Disziplinen der Einrad-Weltmeisterschaft, die zuletzt im neuseeländischen Wellington stattfand. Der 16 Jahre alte Münchner setzte sich in seiner Paradedisziplin gegen rund hundert Mitbewerber durch. Im FAZ.NET-Interview spricht er über die Schwierigkeit der Langsamkeit, blaue Flecken und seinen Vorwärtsdrang.

          Sie haben bei der Einrad-Weltmeisterschaft im neuseeländischen Wellington gerade Ihren Titel im Langsam-Rückwärtsfahren verteidigt. Was haben Sie da genau gemacht?

          Beim Langsam-Rückwärtsfahren geht es darum, über ein Brett von zehn Meter Länge und 30 Zentimeter Breite so langsam wie möglich rückwärts zu fahren ohne stehen zu bleiben oder vom Brett zu fallen. Bei der WM hat das in 56,38 Sekunden geklappt.

          Sebastian Niedner beim Cross-Country-Fahren: „Man lernt dabei viel über die richtige Balance”
          Sebastian Niedner beim Cross-Country-Fahren: „Man lernt dabei viel über die richtige Balance” : Bild: Privat

          Das klingt wirklich nach Langsamkeit. Oder hatten Sie sich eine noch längere Zeit zum Ziel gesetzt?

          Es geht noch langsamer, mein Weltrekord liegt bei 72,75 Sekunden. In Neuseeland waren die Bedingungen aber richtig schlecht. Zwei Meter vor dem Ende hat mich fast eine Windböe vom Brett gefegt. Das konnte ich gerade noch so ausbalancieren.

          Wie bereiten Sie sich aufs Langsamfahren vor?

          Ich setze mich vorher immer hin, schaue mir die Bedingungen an und überlege, wie schnell oder, besser gesagt, wie langsam ich darüber fahren kann. Weil man alleine fährt, muss man von Anfang an alles geben, denn man weiß nie, wie gut die anderen sind. Und manchmal riskiert man dabei auch zu viel, bleibt stehen oder fällt runter.

          Aber Sie hatten Gott sei Dank keinen Rückenwind oder muss man in diesem Fall sagen Vorderwind?

          Das war nur die kurze Windböe am Ende, ansonsten waren die Bedingungen fair.

          Hand aufs Herz: Kann man sich überhaupt richtig darüber freuen, wenn man offiziell der langsamste Mann der Welt ist?

          Klar klingt das komisch, aber wenigstens ist man der langsamste Mann mit einem Weltmeistertitel.

          Und wie kommt man sonst im Leben voran, wenn man langsam rückwärts fährt?

          Man lernt dabei viel über die richtige Balance. Und das hilft einem auch sonst weiter.

          Zugegeben, Sie können ja auch anders: Beim Downhill Gliding sind Sie kamikazeähnlich den steilen Hang herunter zu Platz drei gesaust. Und Sie haben noch Einrad-Hockey gespielt und am Freestyle-Wettbewerb teilgenommen. Ein straffes Programm…

          Ich weiß schon gar nicht mehr genau, wie viele Disziplinen es waren. So zwölf oder dreizehn müssten es gewesen sein. Dabei habe ich sogar auf Einrad-Basketball verzichtet, weil das Finale nicht in den Terminplan gepasst hat. Das war wirklich manchmal ganz schön happig. Gerade beim Cross Country, da mussten wir zum Beispiel 14 Kilometer und über 600 Höhenmeter zurücklegen. Eine anspruchsvolle Strecke, und das bei den heißen Temperaturen.

          Und den Großteil der Wettbewerbe mussten sie mit geliehenen Einrädern bestreiten, denn Ihre eigenen sind nicht rechtzeitig in Wellington angekommen. Wie wichtig ist denn die richtige Materialwahl in Ihrer Sportart?

          Zu Hause habe ich über fünfzehn Einräder. Für den Wettkampf reichen aber fünf. Und bei denen muss dann eigentlich jedes Detail stimmen: Reifendruck, Sattelhöhe oder die Pedaleinstellung. Wenn der Unterschied nicht zu groß ist, dann kann man sich schnell auch an ein fremdes Rad gewöhnen. Falls aber doch, dann kann man nur auf Sicherheit fahren und muss sich leider von richtig guten Zeiten verabschieden.

          Wie schwer ist es denn für einen Anfänger, das Einradfahren zu erlernen? Da geht es vermutlich eher abwärts statt rückwärts…

          Mit neun habe ich zum Geburtstag mein erstes Einrad geschenkt bekommen. Ich habe geübt und geübt, bin aber trotzdem ständig hingefallen. Das war echt demotivierend. Irgendwann habe ich es das Rad in die Ecke gepfeffert. Ein halbes Jahr später habe ich es noch mal probiert und irgendwann hat es dann geklappt.

          Was muss ein großer Einradfahrer können?

          Mit blauen Flecken leben. Bei manchen Sprungtricks schlagen die Pedale öfter mal gegen das Schienbein. Gute Koordination und Körperbeherrschung sind ebenso wichtig wie eine gute Ausdauer. Und manchmal muss man einfach mal drauflosfahren und ausprobieren.

          Sie trainieren beim TSV 1860 München. Wollten Sie eigentlich auch mal Fußballspieler werden, was in Ihrer Altersgruppe doch weitaus populärer sein dürfte?

          Fußball kam eigentlich nie in Frage, das machen doch alle. Einradfahren hat etwas Exotisches. Da kann man noch etwas erobern, sich eigene Tricks ausdenken. Das gefällt mir.

          Mit dem Exotenstatus könnte aber bald Schluss sein. Mit dem Einradfahren geht es stetig aufwärts. Seit dem vergangenen Jahr sind die Sportler zum Beispiel im Deutschen Einradverband organisiert. Was glauben Sie, wie sieht die Zukunft aus?

          Einradfahren wird immer populärer werden und auch professioneller. Das sieht man jetzt schon bei der WM: Es gibt inzwischen sogar schon mehrere gesponserte Fahrer. Natürlich sind viele nur zum Spaß dabei, aber für manche ist es mehr als nur ein Hobby. Das ist richtiger Leistungssport.

          Und wie soll Ihr persönlicher Weg weitergehen? Vorwärts oder rückwärts?

          Rückwärts habe ich jetzt den Titel, in Zukunft möchte ich es auch mal vorwärts probieren. Da bin ich momentan aber noch um Weiten schlechter.

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