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Boxlegende Joe Frazier ist tot : Drama ohne Happy-End

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Derweil murmelte ein völlig ausgezehrter Ali: „Es war wie das, was dem Sterben am nächsten kommt.“ Nach einer erneuten K.o.-Niederlage gegen Foreman erklärte Frazier 1976 seinen Rücktritt, versuchte im Dezember 1981 ein Comeback, verabschiedete sich nach einem Unentschieden gegen einen gewissen Floyd Cummings aber für immer vom Ring.

Gegenseitige Verachtung

Joe Frazier, der im Finale der Olympischen Spiele in Tokio den Regensburger Hans Huber mit einem 3:2-Urteil nach Punkten besiegt hatte, verdankte die Goldmedaille dem Pech des massigen Buster Mathis. Der war sein Bezwinger in der amerikanischen Endausscheidung, hatte sich aber verletzt. Frazier bekam Mathis’ Tokio-Ticket. Als Profi gewann der nur 1,85 Meter große Draufgänger, dessen Non-Stopp-Kampfstil an Rocky Marciano erinnerte, 32 von 37 Profikämpfen, verlor vier - jeweils zwei gegen Ali und Foreman - bei einem Unentschieden.

Frazier hasste Ali, den er nur Clay nannte. Ali verachtete Frazier als „Uncle Tom“, als „Hoffnung des weißes Mannes“ verhöhnte ihn ständig, unter anderem als „Gorilla“. Als Ali 1996 in Atlanta mit zitternder Hand die Olympische Flamme entzündete, soll Frazier laut „New York Times“ gegenüber einem Reporter bemerkt haben: „Am liebsten würde ich Ali ins Feuer werfen.“

Vor zwei Jahren, als der Vater von fünf Kindern an Diabetis, hohem Blutdruck, Rückenproblemen nach einem Autounfall und unter finanziellen Schwierigkeiten litt, verkündete er seinen Frieden mit Ali. „Ich habe keine bösen Gefühle mehr gegen ihn“, teilte er „Sports Illustrated“ mit.

Das Gym in Phildelphia, in dem er junge Fighter trainierte, darunter seine vier Söhne und seine Tochter Jacqueline, musste Frazier 2009 verkaufen. Durch Generosität, Naivität und Verlustgeschäfte mit Immobilien verlor der einstige Millionär über die Jahre sein Vermögen. Die vielversprechende Karriere seines Sohnes Marvis beendete Mike Tyson mit einem K.o. in der ersten Runde. Die weibliche Fortsetzung der Ali-Frazier-Triologie verlor Jacqueline gegen Laila Ali.

Ohne Happy-End

Wie das bittere Ende, Dollarnot vor dem Krebstod, passt auch der Anfang vom armen Jungen, der sich nach oben kämpft, in die verklärten Boxergeschichten aus längst vergangenen Zeiten: Das jüngste von dreizehn Kindern einer armen Farmer-Familie aus South Carolina (dem Vater mussten nach einer Schießerei die linke Hand und der rechte Unterarm amputiert werden) packt seine Sachen und verlässt mit 15 Jahren die rassistische Kleinstadt Beaufort in Richtung Norden.

In Philadelphia findet der kräftige Junge in einem Gym der Polizei Gefallen am Boxen und in einem Schlachthof einen Job. Yank Durham, ein Schweißer bei der Eisenbahn und Hobbytrainer, wird sein Entdecker und zur Vaterfigur. Rinderhälften am Arbeitsplatz dienen den bloßen Fäusten des jungen Schlachters als Sandsack. Hollywood hat die ausgefallene Trainingsmethode für den Filmhelden „Rocky“ alias Sylvester Stallone übernommen. Fern jeglicher Rocky-Romantik verkörperte Joe Frazier das reale Drama vom Auf und Ab eines großes Boxchampions - spannend genug, um eines Tages verfilmt zu werden. Als Reality. Ohne Happy-End.

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