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Radsport : In sechzig Minuten berühmt werden

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Der bisher weitgehend unbekannte Radrennfahrer Thomas Liese will sich einen Jugendtraum erfüllen und den Stunden-Weltrekord brechen.

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          Der Stundenweltrekord ist sein Ziel. In sechzig Minuten berühmt werden, das könnte dem bisher weitgehend unbekannten Radfahrer Thomas Liese vom zweitklassigen Team Nürnberger an diesem Samstag gelingen.

          Im vergangenen Jahr probierte sich der Zeitfahrspezialist „just for fun“ an der Bestmarke von 49,441 Kilometern des Briten Chris Bordman - aufgestellt am 27. Oktober 2000 in Manchester. Liese setzte sich ohne Vorbereitung in einer kalten Halle in Frankfurt/Oder auf sein Rennrad und fuhr auf Anhieb 48,2 Kilometer „Danach konnte ich mich zwei Tage nicht bewegen, doch es erschien mir möglich, den Weltrekord zu knacken", meinte der 33-jährige.

          Nur herkömmliche Räder sind erlaubt

          „Schon 1988 habe ich von diesem Rekord geträumt", sagt Liese: "Im DDR-Radsport war für diesen Rekord aber kein Platz." Am Samstag soll es nun soweit sein. Dann will er auf dem Berliner „Velodrom“ als zweiter Deutscher nach Gregor Braun im Jahr 1985 den Versuch starten, den Rekord erobern.

          Die Bedingungen, die Bestmarke zu brechen, haben sich allerdings geändert. Grund ist eine Regelverschärfung des Radsport-Weltverbandes (UCI). Seit Mitte 2000 zählen für die UCI nur noch Leistungen, die mit herkömmlichen Rennrädern aufgestellt werden. Alle Fabelergebnisse, die auf Spezialmaschinen erzielt wurden, sind annuliert. 1984 hatte der Italiener Francesco Moser erstmals die 50 Kilometer überboten, 1996 dann der Engländer Chris Boardman die Marke auf 56,375 Kilometer geschraubt.

          Eddy Merckx beerbte Chris Boardman und zurück

          Nach der Regeländerung war plötzlich Radsportlegende Eddy Merckx wieder Weltrekordler, der 1972 in Mexiko City 49,431 Kilometer erreicht hatte. Doch Boardman holte sich den Rekord 28 Jahre später zurück - schaffte aber gerade mal zehn Meter mehr.

          Gerade der Rückschritt zu den alten Regeln hat Liese ermuntert, die Bestmarke in Angriff zu nehmen. Denn vorher war ein Rekordversuch nur mit High-Tech-Machinen, einem Stab von Technikern und langer Vorbereitung möglich. „Ich brauche nur einen guten Tag, dann kann ich es schaffen“, sagt der Leipziger, der seine Erfolgschancen auf 50:50 beziffert, in die Fußstapfen von Merckx und Moser zu treten.

          Kampf gegen die Uhr ist sein Metier

          Dass er den Weltrekord brechen könnte, ist durchaus realistisch, gehört doch der Kampf gegen die Uhr seit je her zu seinem Metier. Mehrere deutsche Meistertitel im Einzelzeitfahren hat er erreicht, zuletzt in diesem Jahr. Sein größter sportlicher Erfolg liegt indes schon etwas weiter zurück. 1989 wurden er Vierer-Weltmeister auf der Bahn und gewann danach einige mittlere Rundfahrten.

          Wie ernst es Liese mit seiner Rekordjagd meint, zeigt der Betreuerstab, den er um sich versammelt hat. Nürnberger-Teamchef Udo Sprenger, Bahn-Bundestrainer Bernd Dittert und Sportwissenschaftler Dietmar Junker aus Markkleeburg sollen helfen, den Traum wahr zu machen.

          Liese könnte Radsportgeschichte schreiben

          Junker zeigte sich jedenfalls nach dem letzten Test optimistisch. „Es wird knapp, aber ich sage: Thomas schafft es. Er kann in die Radsportgeschichte eingehen.“ Dass das Ereignis nicht vorab durch die Medien gereicht worden ist, hat gute Gründe. „Ich will mich voll konzentrieren, brauche keinen Rummelplatz und vor allem gute Luft mit viel Sauerstoff“, sagt der Diplom-Sportlehrer.

          Eine Atmosphäre wie bei einem Sechstagerennen, womöglich noch mit Zigarettenqualm oder Bratwurstdampf, würden nur störend wirken. Und was ist, wenn es nichts wird mit dem Weltrekord? „Dann bin ich nicht enttäuscht“, sagt Liese. „Dann werde ich es wieder versuchen. Francesco Moser hat auch zwei oder drei Anläufe gebraucht, bis er die Bestzeit endlich geknackt hat.“

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