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Radprofi Gerald Ciolek : Ein Einzelkämpfer gibt Vollgas

Gerald Ciolek gewann vor einem Jahr Mailand–San Remo Bild: dpa

Gerald Ciolek erlebte vor einem Jahr seine Sternstunde: Er gewann Mailand–San Remo. Dabei fährt sein Team nur in der zweiten Radsport-Liga. Wiederholt er an diesem Sonntag den Coup?

          4 Min.

          20.000 Euro Preisgeld. Ein Klacks für dieses Rennen. Aber aufs Geld kam es nicht an. Gerald Ciolek hatte sich einen Traum erfüllt an diesem eiskalten Tag im März 2013, der 26 Jahre alte Kölner Radrennfahrer hatte La Classicissima gewonnen, die 104. Auflage des Rennens Mailand–San Remo, und wer das schafft, der hat seinen Platz in der Radsporthistorie sicher. Nur zwei andere Deutsche kennen das Gefühl, in San Remo als Erster über den Zielstrich zu fahren: Rudi Altig und Erik Zabel. „Das sind Momente, die einem für immer erhalten bleiben“, sagt Ciolek.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Für ihn war es eine Sternstunde, der größte Tag seines Rennfahrerlebens, das er mit 18 Jahren als deutscher Meister mit einem Sprintsieg gegen Zabel furios begonnen hatte, dieses Versprechen auf eine große Karriere aber lange nicht einlösen konnte. Und dann dieses Rennen, eines der verrücktesten und härtesten, das es je gab zum Start der Saison, die traditionell zwischen Mailand und San Remo eingeläutet wird.

          Die Auflage 2013 trieb die Fahrer auf der rund 300 Kilometer langen Strecke schon früh an ihre Grenzen. Auf dem Weg zum Turchino-Pass, dem mit 588 Metern höchsten Punkt des Kurses, schneite es. Die Temperaturen fielen unter den Gefrierpunkt, das Rennen musste nach 118 Kilometern in Ovada unterbrochen werden, halb erfrorene Fahrer wurden in Bussen zum Neustart nach Cogoleto 126 Kilometer vor dem Ziel gebracht. Ein Teamarzt twitterte damals, einige Profis hätten vor Schmerzen geweint, als ihre Hände und Füße im Strahl heißen Wassers wieder auftauten.

          In Cogoleto ging alles von vorn los, und Ciolek nutzte seine Chance. Er kämpfte sich in der Spitzengruppe über die letzten beiden Anstiege, die Cipressa (24o Meter) und den Poggio (162), hängte sich ans Hinterrad des Slowaken Peter Sagan und überholte den großen Favoriten auf den letzten Metern.

          Ciolek ist immer noch der Underdog

          Auch wenn Zabel Ciolek schon vor dem Start auf dem Zettel hatte, so war der Sieg des Deutschen doch eine große Überraschung. Jedermann in der Szene wusste zwar von der fulminanten Endgeschwindigkeit des Deutschen, aber allein die Tatsache, dass er nicht in einem der finanzkräftigen World-Tour-Teams fuhr, sondern in der zweiten Radsport-Liga der Continental Teams für die südafrikanische Equipe MTN-Qhubeka, galt als Ausdruck des Niedergangs eines großen Talents, das sich zuvor beim belgischen Quick-Step-Team nicht hatte durchsetzen können.

          Ein Jahr später. An diesem Sonntag findet die 105. Auflage von Mailand–San Remo statt, und es hat sich nicht viel geändert für Gerald Ciolek. Er fährt noch immer für MTN-Qhubeka, er startet noch immer in der Rolle des Underdogs, und er hat sich wieder eine Top-Ten-Plazierung zum Ziel gesetzt. Und wieder hat er dieselbe Taktik: am Anfang mit der Mannschaft nicht ins Hintertreffen geraten, mit mindestens einem Fahrer vertreten sein, wenn früh am Tag eine Gruppe „geht“, wie es im Jargon heißt, die Kontrolle über das Renngeschehen nicht verlieren und dabei so viel Kraft wie möglich sparen.

          „Oben muss man schon plaziert sein“

          Dann, vor dem großen Finale in San Remo, muss, wer gewinnen will, weit vorn über die finalen Anstiege kommen. Die entscheidende, die letzte Steigung ist der Poggio, sechs Kilometer vor dem Ziel, „oben muss man schon plaziert sein“, sagt Ciolek, „und sich an der richtigen Mannschaft, am richtigen Hinterrad orientieren“.

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