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Radsport : Die Bescheidenheit des Edeldomestiken

  • -Aktualisiert am

Wasserträger: Schaffrath holt die Flasche, Zabel läßt es sich schmecken Bild: picture-alliance / dpa

Ein Radrennfahrer im Schatten der Stars: Wenn Erik Zabel siegt, dann fühlt sich auch Jan Schaffrath wie ein Sieger.

          3 Min.

          Es ist wieder soweit: Trainingslager auf Mallorca vom 9. Januar an. Erst kommen die Renner, dann die Reporter. Wer denn als Gesprächspartner gewünscht werde, fragt die Dame von T-Mobile. Begehrt sind die üblichen Verdächtigen: Jan Ullrich, Erik Zabel, Andreas Klöden. Auch Steffen Wesemann, Matthias Kessler, Rolf Aldag und Alexander Winokurow sind erwünscht. Interessant sind Oscar Sevilla, der prominente Neue aus Spanien, oder Marcus Burghardt, der deutsche Profineuling im Team der 27 Radrennfahrer. Einer ist es seit nunmehr acht Jahren gewohnt, daß sich beim Medientermin im Januar auf der Urlaubsinsel keiner für ihn und seine Ambitionen in der bevorstehenden Saison interessiert: Jan Schaffrath.

          Wer kaum einmal siegt, sondern immer nur für andere buckeln muß, weckt keine Neugierde. Der 33 Jahre alte Berliner war daher überrascht, als unlängst beim Mannschaftstreffen in Den Haag jemand auch bei ihm, dem Domestiken, und nicht nur bei den Stars nachfragte. Die Wasserträger stehen bei solchen Anlässen meist gelangweilt herum wie Kellner ohne Gäste. Es schien dem 1,87 Meter langen Radprofi daher zu gefallen, endlich einmal seine Nebenrolle zu erläutern und sich zu offenbaren, wie es sich mit der Anonymität im Peloton so lebt.

          Kein Neid, kein Frust?

          Nur Hilfe leisten, Trinkflaschen holen, Windschatten geben, Kapitäne heranfahren, Tempo bolzen, Löcher schließen, Fluchtgruppen kontrollieren, alles ohne eigene Ambitionen - kann das ein Sportlerleben erfüllen und ein Sportlerherz erfreuen? Kein Neid, kein Frust? "Radsport ist Mannschaftssport." So sieht Schaffrath seine berufssportliche Arbeit. "Wenn Zabel siegt und ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dann bin auch ich Sieger." Doch es steht in keiner Statistik: Schaffrath hat Zabel dreimal geholfen, Mailand-San Remo zu gewinnen. Auch das ist nicht dokumentiert: Schaffrath hat die entscheidende Vorarbeit zum Sieg Steffen Wesemanns in der Flandern-Rundfahrt geleistet. Seine aktuelle Statistik liest sich vielmehr so: 82. in der Rangliste der deutschen Radprofis, Nummer 1150 in der Weltrangliste.

          Der Vergleich hinkt sicherlich, wenn Schaffrath ein Radteam mit einer Fußballmannschaft vergleicht. Auch da freue sich doch der Verteidiger, argumentiert er, wenn der Stürmer das Siegtor schieße. Es fällt Außenstehenden schwer, der Denkweise eines Wasserträgers zu folgen. Doch für einen wie Schaffrath funktioniert T-Mobile wie der FC Bayern. Wenn Zabel Mailand-San Remo gewinnt, dann gewinne auch die Mannschaft. "Ich empfinde dann ein Erfolgserlebnis, als hätte ich selbst gewonnen", beteuert Schaffrath. "Alles fällt von mir ab." Wenn er im vorderen Pulk sogar mitbekommt, wie der Kapitän in Siegespose über die Ziellinie rast, dann reißt auch er weit hinten die Arme hoch. Hinterher fallen alle Mannschaftskameraden dem Sieger um den Hals.

          Die Wertschätzung des Teams ist ihm gewiß

          Die Öffentlichkeit erkennt Schaffraths Leistung kaum an. Aber die Wertschätzung im Team für seine selbstlose Unterstützung ist ihm gewiß. Dieser Respekt bedeutet ihm alles. "Eine persönliche Chronik ist für mich nebensächlich." Er winkt ab, wenn er auf seinen einzigen ersten Platz als Profi angesprochen wird. "Der zählt nicht. Das war nix." Rund um Rügen 1999 war nur ein Kirmesrennen. Bei den Amateuren aber hatte er eine Siegesliste: zweimal Militärweltmeister, mehrmals Erster in Rennen der Bundesliga und auf Etappen von Rundfahrten.

          "Schaffi ist das absolute Vorbild eines Domestiken, der seine eigenen Ambitionen vollkommen zurückstellt", sagt Zabel. "Er ist eine Vertrauensperson und ein Freund." Sie kennen sich seit der Schülerklasse, sind gemeinsam beim TSC Berlin auf dem Rennrad groß geworden. Sie trainieren nicht nur zusammen auf Mallorca. Der Vater einer fünfjährigen Tochter wohnt auch mit in Zabels Finca. Vertragsverlängerungen sind nie ein Problem. Zabel ist "Schaffis" Fürsprecher. So kommt es, daß Schaffrath neben Zabel, Ullrich, Aldag und Wesemann der dienstälteste Fahrer im T-Mobile-Team 2005 ist.

          Nüchterne Selbsteinschätzung

          Seit seinem Profidebüt 1998 hat sich Jan Schaffrath klaglos in die Rolle als Dienstbote auf dem Rennrad gefügt, auch aufgrund seiner nüchternen Selbsteinschätzung. "Man erkennt früh, wo der Weg hinführt." Als er Profi wurde, war er schon 26 Jahre alt. In diesem Alter gibt es keine Lern- und Aufbauphase mehr. Teamchef Walter Godefroot wies ihm gleich die Aufgabe des Helfers als einzige Perspektive zu. Schaffrath akzeptierte dies ohne Enttäuschung. "Wenn ich nicht in der Lage bin, einen Sprint zu gewinnen oder jemanden am Berg abzuhängen, dann ist es naheliegend, auf die Fähigkeiten zu setzen, die ich habe: andere Leute unterstützen."

          Einmal durfte der treue Edeldomestike mit Zabel zur Tour de France. Das war 1999, als Ullrich fehlte. Etappensiegen und dem Grünen Trikot galten alle Anstrengungen. Schaffrath erreichte Paris, für ihn wurde Platz 136 notiert - das einzige ganz persönliche Erfolgserlebnis seiner Profikarriere.

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