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Flandern-Rundfahrt : Ein Außenseiter erobert die Schönste

  • -Aktualisiert am

Seht her, ich habe gewonnen: Alberto Bettiol am Ziel Bild: AP

Stress und Härte pur beim belgischen Radsport-Volksfest: Alberto Bettiol gewinnt überraschend die Flandern-Rundfahrt – Nils Politt wird Fünfter, Vorjahressieger Niki Terpstra stürzt schwer.

          Es bedarf einer enormen Anstrengung, sie zu erobern. Vlaanderens Mooiste, Flanderns Schönste, gibt sich nicht jedem hin. Die meisten weist sie schroff zurück, einen Einzigen nur, dem dann ewiges Prestige sicher ist, schließt sie jährlich in ihr Herz. Am Sonntag war Alberto Bettiol im leuchtend rosafarbenen Dress des Team Education First überraschend der Glückliche und gewann einen der Höhepunkte des Radsport-Frühjahrs.

          Was ihn, der vom großen Unbekannten zum großen Sieger der Flandern-Rundfahrt avancierte, zunächst fassungslos machte. „Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht glauben“, rief der toskanische Profi in Endlosschleife nach seinem Coup dank einer erfolgreichen Alleinfahrt auf den letzten 30 Kilometern. Es war sein erster Profisieg überhaupt, und das gleich bei einem der Monumente seines Sports. „Die letzten Minuten waren die längsten in meinem Leben“ sagte Bettiol und schilderte, dass er es selbst 300 Meter vor der Ziellinie nicht für möglich hielt, dass er tatsächlich die Flandern-Rundfahrt gewinnen könne. Zweiter wurde der Däne Kasper Asgreen, gefolgt vom Norweger Alexander Kristoff.

          Den Deutschen hat Vlaanderens Moiste in ihren 103 Lebensjahren nicht viel zu bieten. Steffen Wesemann gewann 2004, Rudig Altig nochmal 40 Jahre davor. Aufhorchen nach zehrenden sechs Stunden und neunzehn Minuten im Rennsattel ließ nun aber Nils Politt. Der Kölner erreichte einen starken fünften Platz nach einem von ihm angriffslustig bestrittenen Rennen. Als er auf dem Marktplatz des Zielortes Oudenaar am Teambus seiner Equipe Katusha-Alpecin lehnte, sprach eine Mischung aus Erschöpfung und Zufriedenheit aus ihm. „Es hat Spaß gemacht, es war ein geiles Rennen“, sagte der Kölner, der nicht mehr nur ein Faible für die Klassiker hat, sondern auch die Fähigkeiten für Topergebnisse. Zwei Mal schien der Anschluss verpasst, zwei Mal kehrte er zurück in die Spitzengruppe. Und am kommenden Sonntag wartet ja mit Paris– Roubaix das nächste Großereignis.

          Trotz aller Strapazen meint Nils Politt: „Es hat Spaß gemacht, es war ein geiles Rennen“

          Die Flandern-Rundfahrt ist ein Tagesrennen, das den Profis alles abverlangt. Aufgrund der (Über-)Länge von 270 Kilometern; aufgrund der 17 Hellingen, den kurzen, aber giftigen, oft kopfsteinbewehrten Anstiegen, die den Rhythmus brechen und Attacken provozieren; und aufgrund der Vollgas-Mentalität, die in diesem Jahr mit der Überquerung der legendären Muur van Geraardswegen im Peloton einsetzte und das Feld erstmals zerriss.

          Stress und die Härte pur!

          Strategie ist an Belgiens Radsport-Festtag Nummer eins wichtig, aber nicht unbedingt entscheidend – zumindest etwas, was ständig über den Haufen geworfen wird. Letzten Endes geht es im Finale fast immer Mann gegen Mann: Sieger dieser zehrenden Hatz werden komplette Rennfahrer, die an diesem Tag den rechten Instinkt, überbordenden Willen, starke Beine und eine ordentliche Portion Glück vereinen. Bejubelt von Hunderttausenden Zuschauern, die an den markigsten Abschnitten ihrer, wie sie es nennen, Ronde ein dichtes Spalier bilden. In Oudenaarde war schon am Mittag alles auf den Beinen. Das Bier floß in Strömen bei schönem Frühlingswetter, die Kellner servierten in Radtrikots. Und an den Imbissständen wurden im Akkord Würste und Fritten verkauft.

          Schwer gestürzt: Titelverteidiger Niki Terpstra

          Die Fahrer haben dafür keinen Blick – es gehe im Feld kurz vor dem Einbiegen in die schmalen Feldwege vor einem der unheilstiftenden Hellingen zu „wie in einem kleinen Krieg“, erzählte Politt. Dann setzt ein erbarmungsloser Verdrängungswettbewerb ein, der Kampf um jede Position auf Biegen und Brechen. Es werden enorme Wattzahlen in die Pedalen gehämmert. Es wird pausenlos geflucht ob der gängigen Ellbogeneinsätze. Nicht selten haben die Rennfahrer ihr gutes Gewissen auszuknipsen. Denn: Jeder will vorne fahren, ja muss vorne fahren, um eine Chance zu haben, die womöglich rennentscheidenden Angriffe und Konterattacken zu parieren. „In einer einzigen Flandern-Rundfahrt gibt es etwa zehn Massensprints wie bei der Tour de France“, sagt der Westfale Rick Zabel (Katusha-Alpecin).

          Während die ersten Fahrer mit Renngeschwindigkeit einen Hellingen im Sturm nehmen können, staut sich das Feld weiter hinten regelrecht auf. Und so kann, rechnet Zabel vor, an einem der Hügel schnell mal 50 Sekunden Rückstand angehäuft werden. Eine Kraftanstrengung sondergleichen, die Lücke wieder zu schließen – zu oft kann sich das niemand erlauben. Stress und die Härte pur!

          Würde das finale Doppel der Hellingen Oude Kwaremont und Paterberg – mehr eine holprige Fahrrinne denn eine Straße – 17 und 14 Kilometer vor dem Ziel die Entscheidung bringen, lautete die Frage. Und die Antwort lautete Ja, als der tapfere Bettiol zu seinem Solo für Alberto ansetzte. Titelverteidiger Niki Terpstra (Team Direct Energie) war da schon längst aus dem Rennen, schwer gestürzt.

          Und das belgische Team Deceuninck-Quickstep, mit 20 Saisonsiegen die überragende Kraft dieses Frühjahrs und mit gleich vier Favoriten angetreten? Ließ über den Tag ein paar Mal die Schenkelmuskulatur spielen, ward aber im entscheidenden Moment abgehängt. Wie so viele in der Gunst von Vlaanderens Mooiste, die sich 2019 mit einem sympathischen Sensationssieger schmückte.

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