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Rad : Zabel hat die Rolle des schwarzen Peters satt

  • -Aktualisiert am

Eindeutiges Mienenspiel: Zabel (links) und Ullrich Bild: dpa/dpaweb

Der Sprintstar des Bonner Radrennstalls macht nicht länger gute Miene zum bösen Spiel um ihn und Jan Ullrich. Die Tour de France 2005 findet ohne ihn statt.

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          "Das Wetter könnte ein bißchen wärmer sein", klagt der Sportliche Leiter Mario Kummer. Sogar das Klima im Trainingslager auf Mallorca zwischen Erik Zabel und Andreas Klöden ist frostig, seit der Aufsteiger im Magenta-Team die Tour-Teilnahme des Sprinterkönigs in Frage stellt. Die Szene paßte ins Bild: Jan Ullrich hat seinen halbstündigen Medientermin hinter sich, Tür auf für die anderen Radprofis des Teams T-Mobile. Die Reporter scharen sich alle um Klöden. Zabel kommt kurz nach dem Tour-Zweiten und steht neben Rolf Aldag unbeachtet und verloren im Saal herum. "Keine Fragen? Gehen wir Kaffee trinken", entscheidet er mißmutig.

          Fährt Zabel bei der Tour de France? Diese Frage bewegt die Gemüter mehr als das Rätselraten um die Tour-Teilnahme Lance Armstrongs. Klöden hat vorlaut die Diskussion im Fernsehen entfacht, mit der sinngemäßen Aussage, einen Sprinter könne sich die Tour-Mannschaft nicht leisten. "Ich habe meine Meinung gesagt, und die vertrete ich immer noch", hatte er in der ARD-Sportschau seinen Standpunkt wiederholt.

          Kein Domestike fürs Gelbe Trikot

          "Wenn man die Tour gewinnen will, braucht der Kapitän, wie Lance Armstrong, acht Helfer nur für sich." Zabel aber - elf Tour-Teilnahmen, zwölf Etappensiege, sechs Grüne Trikots - ist kein Domestike fürs Gelbe Trikot. Ein so verdienstvoller Radprofi und Siegertyp war sich zwar nie zu schade, Ullrich auch zu helfen und eigene Ambitionen zurückzustellen. "Da bin ich Teamplayer." Aber sein Metier sind nun einmal die Sprints um Tagessiege und Punkte fürs Grüne Trikot.

          Arbeitsgemeinschaft auf zwei Rädern
          Arbeitsgemeinschaft auf zwei Rädern : Bild: dpa/dpaweb

          Zabel machte nicht länger gute Miene zum bösen Spiel. Er war sichtlich verstimmt, als er vom Kaffee zum Gespräch zurückkehrte. Nun war er allein und stand im Mittelpunkt. "Wir sind kein basisdemokratischer Männerverein, wo jeder seine Meinung sagen kann. Die sportliche Leitung trifft die Entscheidung", stellte er - in Richtung Klöden - klar. Laut Kummer gibt es einen Tour-Kader von vierzehn, fünfzehn Fahrern. "Und da ist Zabel dabei", beteuerte der Sportliche Leiter mit mildem Lächeln. Doch die Dinge scheinen bereits festzuliegen. Zabel hat Anspruch darauf zu wissen, woran er ist. "Mir ist gesagt worden, wie die Situation ist", räumte Zabel eine bereits getroffene Entscheidung ein, ohne zu verraten, wie sie nun ausgefallen ist.

          Nur eine Schlußfolgerung

          Seine Äußerungen führen allerdings zu der naheliegenden Interpretation: eher keine Tour. "Ich habe in dieser Situation am wenigsten zu verlieren. Mir bleiben meine elf Tour-Teilnahmen, und die waren nicht so schlecht", sagte der sonst so fröhliche Berliner grimmig. "Bin ich nicht bei der Tour, ist der Druck für die andere Seite umso größer, die Tour gewinnen zu müssen. Der schwarze Peter ist nicht am Start, über den man dann sagen kann: 'An dem hat's gelegen." Mit einem verschmitzten Lächeln mahnte der 34 Jahre alte WM-Zweite die Reporter, nun keine falschen Schlußfolgerungen aus seinen Sätzen zu ziehen. Doch sein Schlußsatz, "in dieser Situation wäre es ein großes Risiko für mich, bei der Tour zu starten", läßt eigentlich nur eine Auslegung zu: Die Tour 2005 findet ohne Zabel statt.

          Es ist erst Januar, doch alle reden bereits vom Juli. Es ist Januar, und Ullrich ist nicht krank. Seine obligatorische Erkältung im Winter habe er bereits hinter sich. Das hofft der T-Mobile-Kapitän zumindest. Er spricht sogar von einer Lungenentzündung im Dezember, ehe er verspätet nach Südafrika aufbrach. "Jetzt bin ich sehr gesund", sagt er, bleibt aber skeptisch. "Ich bin nun einmal ein Mensch, der öfters krank wird. Das ist leider so."

          Hoffnungen und Versprechungen

          Es sind immer die gleichen Themen, Hoffnungen und Versprechungen, wenn Ullrich zum Jahresbeginn über die neue Saison spricht: Krankheit, Gewicht, Armstrong, Tour. Fünf, sechs Kilo nimmt er nun einmal im Winter zu, sie bedeuten für ihn aber kein Problem. "Das Gewicht baut sich permanent ab, und ich werde permanent besser." Zur Murcia-Rundfahrt Anfang März will er in den Rennbetrieb einsteigen und am 1. Mai in Frankfurt am Henninger-Turm "um den Sieg mitfahren".

          Keine Frühjahrsklassiker, auch wenn sich in Flandern und in den Ardennen Armstrong engagiert. "Ich fahre nicht wegen Lance, sondern für mich. Mein Highlight ist die Tour." Dort hofft er den Texaner wieder zu treffen. Auf Andeutungen des sechsmaligen Tour-Siegers, die "große Schleife" in Frankreich 2005 möglicherweise auszulassen, gibt Ullrich nichts. "Lance blufft. Ich gehe davon aus, daß er zur Tour erscheint." Das ist zumindest sein Wunsch. "Mit ihm gibt es einfach mehr Spannung."

          Mit 31 Jahren kommt Ullrich schon mal ins Grübeln. Wenn er mit der Gruppe der Späteinsteiger im Durchschnittstempo 30 über die Urlaubsinsel strampelt, könnten ihm Gedanken durch den Kopf gehen, wie er sie offenbart: "Ich habe noch einen Zweijahresvertrag. In den zwei Jahren traue ich mir zu, noch um den Sieg bei der Tour mitzufahren. Aber ich werde älter. Es wird alles härter. Die Chancen werden immer weniger. In den Jahren, die mir noch bleiben, möchte ich noch einen draufsetzen." Klöden kann ihm dabei helfen, nicht Zabel.

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