https://www.faz.net/-gtl-7u4gj

Rad-WM : Ullrichs Erbe

Was bunt ist, kommt wieder: Die ARD will die Tour de France wieder live übertragen, das ZDF winkt ab Bild: Dieter Rüchel

Jens Voigt ist als letzter Vertreter einer skandalösen deutschen Generation von Radprofis abgetreten. Die neue Garde will die alten Sünder abhängen. Und wirklich: Kurz vor der Radsport-WM nähert sich die ARD wieder an. Doch wie gut sind die verlorenen Söhne wirklich?

          6 Min.

          Noch einmal eine Stunde, die allerletzte Stunde. Sie wird Jens Voigt wie ein Geschenk vorgekommen sein. Und wie eine Erlösung. „Ab jetzt“, sagte er, „gibt es keine Schmerzen mehr.“ Jetzt, da die Quälerei ein Ende hat, das Strampeln, das Buckeln. Auch die Furcht, zu straucheln in einem Sport voller Tücken. Voigt ist clever genug gewesen, sich durchzulavieren, Jahr für Jahr, obwohl er sich als Radprofi stets am Rand des Abgrunds bewegte, im wahrsten Wortsinn. Er bewältigte den gefährlichen Balanceakt, bis zum Schluss, bis zu dem Abend in dem Schweizer Städtchen Grenchen, wo er noch einmal auf große Jagd ging. Einsam, aber in dem Empfinden, er wäre ein Ausreißer und eine Meute würde ihn hetzen. So stellte der Berliner „Flucht-König“ sich das vor, als er nun, im Alter von 43 Jahren, den Stunden-Weltrekord brach: 51,115 Kilometer. Gewiss keine Marke für die Ewigkeit, für Voigt aber doch ein sporthistorischer Moment. Weil er, der jetzt Vergangenheit ist im Radsport, mit seinem „kleinen Namen“, wie er sagte, in einer Reihe steht mit Legenden wie Fausto Coppi, Jacques Anquetil oder Eddy Merckx.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Wieder mal in jedem Fall eine gute Gelegenheit für den deutschen Radsport, sich zu feiern, er macht das schon seit einiger Zeit, aus gegebenem Anlass. Weil seine Protagonisten ein bemerkenswert hohes Tempo anschlagen, noch dazu auf den größten Bühnen des Metiers, bei der Tour de France zum Beispiel durch Marcel Kittel oder kürzlich bei der Spanien-Rundfahrt durch John Degenkolb. Und vielleicht erhält der September nach dem Coup von Voigt einen weiteren goldenen Anstrich für die Deutschen, durch Tony Martin etwa, der bei den seit Sonntag in Ponferrada in Spanien laufenden Weltmeisterschaften seinen vierten Titel nacheinander im Zeitfahren anstrebt.

          Deutschland macht mobil, Deutschland kämpft darum, seinen durch Doping-Affären ramponierten Ruf aufzufrischen, und nach Lage der Dinge hat es dabei einige Fortschritte gegeben. Für Rudolf Scharping, den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), befindet sich der deutsche Radsport inzwischen wieder auf einer anderen, einer vermeintlich gesunden Ebene, zumindest verfügt er über ein beträchtliches Potential. Das ist eine vielversprechende neue Basis. Dass der Branche aber weiterhin auch Skepsis entgegenschlägt, trotz der Ehrenerklärungen von Profis wie Degenkolb, Kittel oder Martin, kann nicht verwundern nach all den Doping-Affären, nach den schweren Erschütterungen, die vor allem Jan Ullrichs Fall auslöste. So mahnt nun selbst Scharping, den Radsport mit einer gewissen Fürsorge und Vorsicht zu behandeln, „wie jeden Rekonvaleszenten“.

          Tour de France soll wieder ins öffentlich-rechtliche Fernsehen

          Natürlich registriert auch er mit Genugtuung, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Zunft wieder verstärkt Aufmerksamkeit widmen und 2015 zu Live-Übertragungen von der Tour de France zurückkehren möchte. „Der Radsport hat es verdient“, behauptet Scharping, nicht zuletzt wegen eines „sehr konsequenten Anti-Doping-Systems“. Die ARD bekundete dieser Tage, prüfen zu wollen, wie ein Wiedereinstieg möglich wäre, es geht dabei auch um die Rechte und die Preisfrage. „Der Kostenrahmen muss stimmen“, betont Thomas Kleist, der Intendant des Saarländischen Rundfunks. „Es ist ein sehr filigranes Geschäft.“ Und immer noch eine sehr heikle Angelegenheit. Das ZDF will, angeblich aus finanziellen und personellen Gründen, nicht wieder mitspielen. Obwohl man, wie von Sportchef Dieter Gruschwitz zu hören ist, sowohl die derzeitigen Erfolge junger deutscher Fahrer als auch ihre öffentliche Positionierung gegen Doping positiv registriere.

          Weitere Themen

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Topmeldungen

          Die typische Landschaft des Teufelsmoor bei Worspwede bei Bremen.

          Bedrohte Moorgebiete : Die unterschätzten Klimaretter

          Die Moore sind gefährdet. Immer mehr dieser Feuchtgebiete trocknen aus. Dabei sind sie für das Erdklima mindestens so wichtig wie unsere Wälder, wie zwei aktuelle Studien belegen.
          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.