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Zeitfahren bei Rad-WM : Freie Fahrt zum Titel für Martin

„Dieser Titel macht alles vergessen, was bisher in diesem Jahr war“: Tony Martin. Bild: dpa

Radprofi Tony Martin verscheucht alle Selbstzweifel und sichert sich in Qatar den vierten WM-Erfolg im Einzelzeitfahren. Dabei muss er in Qatar ein außergewöhnliches Rennen absolvieren.

          3 Min.

          Tony Martin lief heiß, im wahrsten Wortsinn. Raste über die Straßen von Doha, 40 Kilometer weit, eine enorme Herausforderung für Körper und Geist. Nicht, weil der Parcours besonders schwierig gewesen wäre, sondern wegen der großen Hitze, wegen Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius. Ein außergewöhnliches Zeitfahren für ihn und die anderen Radprofis, aber immerhin ist Martin am Mittwoch für all die Strapazen reich belohnt worden. Er kann es noch: zum vierten Mal Weltmeister im Zeitfahren, eine bemerkenswerte Darbietung! Und ein erschöpfter, aber überglücklicher Champion, für den der Triumph von Qatar einer Erlösung gleichkam nach manchem sportlichen Leid.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der glorreiche Rückkehrer Martin sprach nach seiner dominanten Darbietung von Stolz und purer Freude und frischem Schwung für das kommende Jahr. „Es war der perfekte Tag“, sagte Martin hochzufrieden, und er behauptete auch: „Ich wusste schon lange, dass es mein Tag sein könnte.“ Er sei gut vorbereitet und motiviert gewesen, betonte er, „und ich war frei im Kopf.“ Das bedeutete offensichtlich, dass Martin die trüben Gedanken, die Selbstzweifel gar, die aufgekommen waren, nachdem er zuletzt den Spitzenplatz in seiner Lieblingsdisziplin verloren hatte, verscheucht hatte. „Ich war voller Selbstvertrauen, ich hatte Spaß am Rennen.“ Freie Fahrt auf das Podium, endlich wieder.

          Martin steht jetzt auf einer Stufe mit der Schweizer Radsport-Ikone Fabian Cancellara. Der Berner hatte ebenfalls vier WM-Titel im „Kampf gegen die Uhr“ geholt, nach dem Olympiasieg in Rio de Janeiro beendete er seine Karriere. In Brasilien lag gewissermaßen eine Welt zwischen Cancellara und Martin, der nicht in Tritt gekommen war und eine dunkle Stunde in seiner Karriere erlebte. Bei dem Versuch, an seine alte Stärke anzuknüpfen, veränderte der 31 Jahre alte Deutsche, der in der Schweiz lebt, seine Sitzposition auf dem Rad – er nimmt jetzt wieder eine weniger aerodynamische Haltung ein.

          Er habe in Rio einsehen müssen, sagte Martin, dass er nicht ans das Optimum herangekommen sei. „Letztlich bringt es nichts, wenn man 20 Watt im Wind spart, aber 50 Watt weniger Leistung auf die Pedale bringt.“ In Doha hatte sich die Rückkehr zu dem Bewährten bereits am vergangenen Sonntag ausgezahlt, als Martin mit seinem belgischen Team Etixx-Quick Step Gold im Mannschaftszeitfahren gewann. Ein besonders emotionaler Moment für ihn, da es sein letztes Rennen für diese Equipe war. Martin soll nach dieser Saison einer der führenden Köpfe beim Team Katjuscha-Alpecin sein.

          Martin lag nach 40 Kilometern im Ziel 45 Sekunden vor Wasil Kirijenka.
          Martin lag nach 40 Kilometern im Ziel 45 Sekunden vor Wasil Kirijenka. : Bild: AFP

          Martin war am Mittwoch um 15.07 Uhr Ortszeit als viertletzter Fahrer auf die Strecke gegangen – ein Auftritt in einer gespenstisch anmutenden Atmosphäre, da wie in den vergangenen Tagen kaum Zuschauer am Wegesrand standen. Wettbewerbe sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Das ist schon traurig, so was gab es noch nie“, hatte am Dienstag die deutsche Zeitfahrerin Trixi Worrack geklagt. Dass eine Rad-Weltmeisterschaft in Qatar stattfindet, ist auch nicht unbedingt nach Martins Geschmack. „Geld regiert die Welt“, sagte er dazu süffisant. Ein Hinweis auf die ausgeprägte Einkaufspolitik Qatars in Sachen Sport.

          Als schärfste Rivalen Martins galten der Australier Rohan Dennis, der Niederländer Tom Dumoulin und der Weißrusse Wasil Kirijenka, die allesamt nach ihm den Kurs in Angriff nahmen. Kirijenka als Allerletzter, da er der Titelverteidiger war. Martin legte furios los, er war der Schnellste schon bei der ersten Zwischenwertung. Man spürte, dass er – anders als in der jüngeren Vergangenheit – wieder beträchtliche Kräfte mobilisierte.

          Dass er wieder wie früher auf seiner Rennmaschine saß, wirkte sich auch am Mittwoch beflügelnd aus. Ein einsamer, ein harter Fight des Mannes mit der Nummer 4 um neue Anerkennung. Und es kristallisierte sich bald heraus, dass nur Kirijenka ihm gefährlich werden könnte. Doch Martin, der eine zusätzliche Stoffschicht unter dem Trikot trug, die helfen sollte, den Schweiß zu binden, war am Mittwoch nicht zu bremsen, auch nicht von dem Weißrussen. Der wiedererstarkte Deutsche hatte die Konkurrenz im Griff, er lag schließlich 45 Sekunden vor Kirijenka, der Zweiter wurde, und mehr als eine Minute vor dem Dritten, dem Spanier Jonathan Castroviejo Nicolas.

          Und der mit Gold geschmückte Martin wird nun am Sonntag, im Straßenrennen, noch einmal in Qatar antreten. Dann allerdings, obwohl hoch dekoriert, als Helfer für die aussichtsreichen deutschen Sprintstars André Greipel und Marcel Kittel. „Ich freue mich darauf“, sagte Martin, „mit zwei Kapitänen zu fahren.“ Möglicherweise wird er in Doha dann sogar noch zu einem Königsmacher. Aber Martin selbst hat auch noch hohe Ziele in den kommenden Jahren. „Ich will“, sagte er am Mittwoch lächelnd, „noch ein paar Mal Weltmeister werden.“

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