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Rad-Weltmeisterschaft : Wenn nationale Pflichten Arbeitgeberinteressen ablösen

  • -Aktualisiert am

Starten im Einzelzeitfahren: Jens Voigt und Jan Ullrich Bild: dpa

Bei der Rad-WM in Lissabon fühlen sich die Radprofis plötzlich Kollegen verpflichtet, gegen die sie die ganze Saison fahren.

          Der Titel des Weltmeisters ist für jeden Rennfahrer ein Traum. Doch nicht nur die Bedeutung dieses Titels macht das Rennen so exklusiv - es ist auch das einzige Straßenrennen des Jahres, bei dem die Profis in Nationalmannschaften an den Start gehen: Die Trikots ihrer eigentlichen Arbeitgeber bleiben an diesem Tag im Schrank.

          Natürlich nominiert jedes Land für die WM seine stärksten Fahrer, aber ins taktische Konzept müssen sie auch passen. Und da ist dann doch nicht ganz unwichtig, bei welchen Profiteams die Athleten während des Jahres fahren.

          So wird nominiert

          Das Reglement besagt, dass die zehn besten Länder der Nationen-Rangliste zwölf Teilnehmer ins Rennen schicken dürfen. Im Hinblick auf die WM in Lissabon sind das Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, die USA, Schweiz, Russland und Kasachstan. Die fünf nächstplatzierten Nationen (Dänemark, Australien, Lettland, Polen und Litauen) haben die Berechtigung, acht Profis zu delegieren, wobei Litauen aus dieser Regelung schon wieder ausschert, weil es mit Romans Vainsteins den Weltmeister des Jahres 2000 stellt und er als Titelverteidiger automatisch startberechtigt ist. Litauen kann also mit neun Fahrern teilnehmen.

          Fahren in Nationaltrikots und sind Kollegen verpflichtet: Radprofis bei der WM

          Weitere 20 Nationen, die in der Rangliste des Weltverbandes UCI aufgelistet sind, können je nach Platzierung zwischen einem und vier Fahrer entsenden. Gastgeber Portugal - obwohl dort zwölf Sportgruppen und mehr als 60 Profis lizenziert sind - darf lediglich zwei WM-Teilnehmer abstellen. Ergänzt wird das Starterfeld durch die kontinentalen Meister und Fahrer aus Kleinstaaten wie Andorra der Lichtenstein.

          Allianz der Nationen

          Das solchermaßen aufgefüllte Peloton wird allerdings nicht nur durch die Kontingente der teilnehmenden Nationen strukturiert. Weniger sichtbar, aber möglicherweise ebenso wirksam, sind die Grenzziehungen entlang der Profi-Mannschaften. Denn die Sportler verdienen ihren Lebensunterhalt nicht von der Ehre und vom Schulterklopfen, sondern vom Geld, das ihnen ihre Arbeitgeber bezahlen. Und so kommt es quer durch die Nationen zu Allianzen oder zumindest zu Stillhalteabkommen.

          Es wäre auch kaum verständlich, wenn beispielsweise der Amerikaner Kevin Livingston im Weltmeisterschaftsrennen Jan Ullrich hinterherjagt, mit dem er in derselben Mannschaft fährt. Dieses noch relativ einfache Beispiel wird komplizierter, wenn Fahrer in der kommenden Saison möglicherweise auch noch bei einem anderen Geldgeber anheuern und künftige Kollegenschaft die Taktik beeinflusst.

          Sportlicher Leiter muss Geschick beweisen

          Von großer Bedeutung ist außerdem, wie die Verantwortlichen der nationalen Verbände die Interessen ihrer Fahrer unter einen Hut bringen. Im Falle der Schweiz bewies Wolfram Lindner, mittlerweile Sportlicher Leiter beim deutschen GS-1-Team Coast, in den vergangenen Jahren Geschick. In Einzelgesprächen filterte er die Absichten der WM-Teilnehmer heraus und setzte sie in eine einfache Taktik um: Die Schweizer einigten sich darauf, bis zu drei Fahrer als geschützte Kapitäne in die entscheidende letzte Rennphase zu bringen.

          Als Gegenbeispiel können die Italiener dienen, die als führende Radsport-Nation seit neun Jahren (Gianni Bugno war zuletzt 1992 in Benidorm und ein Jahr davor in Stuttgart Weltmeister) darauf warten, den Straßenweltmeister zu stellen. Drei Bronze-Medaillen (Marco Pantani 1995 in Duitama/Kolumbien, Michele Bartoli 1996 in Lugano und 1998 in Valkenburg) sind die bescheidene Ausbeute der „Squadra Azzurra“ aus dem vergangenen Jahrzehnt und das, obwohl die Italiener Jahr für Jahr eine mit Stars gespickte Mannschaft aufbieten. Doch das Team kehrte mit Katzenjammer und gegenseitigen Anschuldigungen nach Hause zurück, weil die Eigeninteressen stärker gewichtet worden waren als der Erfolg der Mannschaft.

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