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Rad-Weltmeister Tony Martin : "Der erste Titel ist einfach"

  • Aktualisiert am

in Champagnerlaune: Tony Martin ist derzeit das Maß im Zeitfahren Bild: AFP

Der Radprofi Tony Martin hat am Mittwoch nach dem WM-Rennen auch das Zeitfahren bei der Peking-Rundfahrt am Vogelnest. Im Interview spricht er über London 2012 und seine Medaillenchanen.

          3 Min.

          Zwei Wochen nach seinem Weltmeistertitel von Kopenhagen hat Radprofi Tony Martin den nächsten Zeitfahrsieg gefeiert. Der 26-jährige Thüringer gewann am Mittwoch die erste Etappe der Peking-Rundfahrt vor den Briten David Millar und Alex Dowsett. Bei seiner Premiere im Weltmeistertrikot verwies der Wahl-Schweizer Millar um 17 Sekunden auf den zweiten Platz. Start und Ziel der ersten Etappe waren am als „Vogelnest“ bekannten Olympiastadion. Martin vom Team HTC Highroad ist der erste Führende der Peking-Tour, dem ersten WorldTour-Rennen in Asien. Vor dem Rennen hatte er mit FAZ.NET gesprochen.

          Sie sind in Kopenhagen souverän Weltmeister im Zeitfahren geworden. Wann haben Sie gemerkt: Das ist mein Rennen?

          Bei mir müssen die ersten Meter schon stimmen. Ich kann nach zwei Kilometern sagen, ob ich gut drauf bin. Und das war in Kopenhagen vom ersten Meter an der Fall. Als ich dort die Zwischenzeiten hörte, wusste ich, dass es ein großer Tag für mich werden könnte. Ganz sicher war ich drei Kilometer vor dem Ziel - da hätte ich sogar noch einen Defekt verkraften können.

          Dauergast auf dem Podium: Auch bei der Peking-Tour war er der Mann in der Mitte
          Dauergast auf dem Podium: Auch bei der Peking-Tour war er der Mann in der Mitte : Bild: AFP

          Sie waren bei der Titelfahrt im Schnitt 51,8 Stundenkilometer schnell. Bedeutet Ihnen dieser Wert etwas?

          Eigentlich schaue ich mehr auf die Wattzahlen, die ich trete. Ich glaube aber: 51,8 Kilometer sind bei einer WM vermutlich noch nie gefahren worden. Es war definitiv mein schnellstes Zeitfahren. Das ist schon eine Hausnummer.

          Wie lieb haben Sie ihre Zeitfahrmaschine gewonnen? Haben Sie ihr schon einen Kosenamen gegeben?

          Nein, so weit geht die Liebe nicht. Aber sie ist schon etwas Besonderes, da baut man eine Beziehung auf. Schließlich sitze ich über eine Stunde lang in extremer Position drauf. Das Rad ist Ergebnis jahrelanger Arbeit im Detail.

          Kann auf dieser Rennmaschine nur Tony Martin fahren?

          Wahrscheinlich allein deshalb, weil ich die Bremsen vertauscht habe. Ein anderer Fahrer würde wahrscheinlich über den Lenker fliegen, weil ich links das Hinterrad und rechts das Vorderrad bremse. 

          Sie sind auf direktem Weg in die Rolle des Topfavoriten für Olympia 2012 geradelt. Hemmen oder beflügeln Sie die großen Erwartungen?

          Jetzt schon über die Goldmedaille in London zu sprechen, ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Ich freue mich zunächst mal dabei sein zu dürfen und das Ganze zu erleben. Aber eine Medaille sollte das Ziel sein - ob ich da nur voll auf Gold gehe, wage ich zu bezweifeln.

          Nach Ihrer Demonstration der Stärke bei der WM sagen viele, dass Sie die Szene im Zeitfahren lange beherrschen könnten.

          Der erste Weltmeistertitel ist einfach. Die hohe Kunst ist, dies zu wiederholen, wenn alle auf einen gucken und der Druck immer stärker wird. So wie es Fabian Cancellara gelungen ist. Die Aufgaben werden jetzt nicht einfacher. Die Chancen sind da, aber dafür müssen Kopf und Beine mitspielen.

          Nach der Auflösung des Teams HTC Highroad fahren Sie in der nächsten Saison für Quickstep. Sehen Sie sich als Bank für die Zeitfahren, oder wollen Sie sich auch als Zugpferd bei großen Rundfahrten beweisen?

          Sicher hat das Team mit mir einen Fahrer, der ein paar Saisonsiege im Zeitfahren erreichen kann. Das hat mich für die Teams attraktiv gemacht. Deswegen werde ich den Fokus auch auf das Zeitfahren legen. Aber ich habe in diesem Jahr auch Paris-Nizza gewonnen. Ich habe also gesehen, dass ich Einwochen- oder Zehntagesrundfahrten für mich entscheiden kann - auch und gerade über lange Zeitfahren.

          Sie haben sich zuletzt häufig kritisch über die Radbranche geäußert, besonders über die Großfusion der Teams Leopard-Trek und Radioshack. Wollen Sie als Fahrer auf einen Imagewandel des Radsports hinarbeiten?

          Ja, das ist mein erklärtes Ziel. Der Radsport hatte große Probleme in Deutschland. Wir junge Fahrer sind mit dem Ziel angetreten, erfolgreichen und glaubwürdigen Radsport zu betreiben. Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Das lässt sich auch an der großen Anteilnahme an meinem WM-Titel ablesen. Wir haben mit Degenkolb und Kittel weitere erfolgreiche Athleten, die glaubwürdig rüberkommen.

          Beim nächsten Dopingfall wird die Empörung natürlich trotzdem wieder groß sein.

          Das ist ein Teufelskreis. Auf der einen Seite wird mit immer besseren Kontrollmechanismen hart gegen Dopingsünder vorgegangen. Aber schwarze Schafe kann es im Radsport natürlich immer noch geben, keine Frage. Auf der anderen Seite: Wenn es gelingt abzuschrecken, aufzudecken und die Namen öffentlich zu machen, wird es dem Radsport wieder negativ angehaftet. Ich würde es andersherum sehen. Wir hatten relativ wenige positive Fälle in diesem Jahr. Wir sollten uns eher glücklich schätzen, dass die Kontrollen Wirkungen zeigen und es immer riskanter wird zu dopen.

          Haben sie schon etwas vor am 1. Mai 2012? Starten Sie beim ehemaligen Henninger-Rennen?

          Das kann ich noch nicht sagen. Leider überschneidet sich Frankfurt immer mit der Tour de Romandie, die ich schon oft ganz erfolgreich gefahren bin.

          Sind Sie jetzt eigentlich Eschborner oder Cottbusser? Beide Städte reklamieren Sie ja gewissermaßen für sich?

          Und die Schweizer kommen auch noch dazu, weil ich dort meinen Wohnsitz habe. In Cottbus bin ich, in Anführungsstrichen, nur geboren. Gelebt habe ich in Eschborn und in Erfurt - die beiden Städte würde ich eher als Heimat bezeichnen. Mit dem Radsport so richtig begonnen habe ich in Eschborn. Dann bin auf die Sportschule nach Erfurt gewechselt.

          Die Fragen stellte Alex Westhoff

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