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Rad-Weltmeister Peter Sagan : Phänomen auf dem Rad

  • Aktualisiert am

Die klare Nummer 1: Radprofi Peter Sagan schreibt in Bergen Radsportgeschichte Bild: dpa

Peter Sagan schafft den historischen Hattrick und wird zum dritten Mal Straßen-Weltmeister. Die Rivalen des Slowaken verneigen sich vor einer „Legende“.

          3 Min.

          Vor einiger Zeit war Ralph Denk in die Slowakei gereist, er schaute sich die slowakischen Radmeisterschaften an. Das war auch als Geste gegenüber Peter Sagan zu interpretieren, der aus der Slowakei stammt, aber längst in der Welt Fuß gefasst hat und nun in Monaco lebt. Das ist für einen lebenslustigen Mann, der etliche Millionen Euro im Jahr verdient, nicht ungewöhnlich. Der Besuch in der Slowakei scheint in jedem Fall Eindruck auf Denk gemacht zu haben, der seit dieser Saison Sagans Chef beim deutschen Team Bora-hansgrohe ist. „Die Werte dort sind anders als bei uns“, sagt der Bayer Denk mit Sitz in Raubling in der Nähe von Rosenheim. „Dort kämpft man noch mehr ums Überleben.“

          In der slowakischen Region, in der Denk sich aufgehalten hat, soll das Durchschnittseinkommen bei 600 Euro liegen. Der Teameigner aus dem Süden Deutschlands ist überzeugt, dass Sagan davon auch für seinen Beruf geprägt worden ist. „Er hat gelernt, mehr zu beißen und sich durchzusetzen.“ Und wie! Das offenbarte Sagan nun wieder in Bergen, bei den Straßen-Weltmeisterschaften. Er schaffte dort einen historischen Hattrick.

          Sieg für Michele Scarponi gewidmet

          Bei der stimmungsvollen Radsport-Party im hohen Norden triumphierte Sagan am Sonntag als erster Radprofi zum dritten Mal in Serie und durchkreuzte um Zentimeter die Hoffnungen der norwegischen Gastgeber auf einen Heimsieg. Vor mehreren hunderttausend Zuschauern, darunter auch der norwegische Kronprinz Haakon mit Gattin Mette-Marit, siegte Sagan auf dem Rundkurs in Bergen nach 267,5 Kilometern vor dem Norweger Alexander Kristoff und dem Australier Michael Matthews. Tony Martin und Co. spielten im Finale keine Rolle – die Deutschen erlebten eine große Enttäuschung in Bergen.

          Eine Radspitze voraus: Peter Sagan (links) gewinnt hauchdünn vor Alexander Kristoff
          Eine Radspitze voraus: Peter Sagan (links) gewinnt hauchdünn vor Alexander Kristoff : Bild: dpa

          Die Entscheidung fiel erst auf der Zielgeraden, als eine große Gruppe um den Sieg sprintete. Bis dahin war von Sagan, der vor der WM angeblich an einer Erkältung litt, kaum etwas zu sehen. „Das ist unglaublich. Für Alexander war es ein Heimspiel. Es tut mir leid, dass ich den Norwegern ein wenig die Stimmung vermiest habe. Es ist etwas ganz Besonderes für mich“, sagte Sagan, der seinen Sieg dem im Mai verstorbenen Radprofi Michele Scarponi widmete, der am Montag Geburtstag gefeiert hätte.

          Der Popstar im Peloton

          „Es war nicht einfach. Fünf Kilometer vor dem Ziel dachte ich, der Zug wäre abgefahren. Es ist unglaublich“, sagte Sagan. Der Berliner Simon Geschke, der Zwanzigster wurde, sagte: „Ich hatte ihn im Rennen lange nicht gesehen. Er hat hoch gepokert. In der letzten Runde war er dann voll da – das ist Peter Sagan“. Rick Zabel schwärmte von der „Legende“. Tatsächlich ist Sagan inzwischen ein Radrennfahrer von außergewöhnlichem Format. Einer, der gehörig auf das Tempo drückt und Widrigkeiten zu trotzen versteht, wie er auch im Sommer bei seinem achten Etappensieg bei der Tour de France bewies, als er sich selbst von einem Malheur kurz vor dem Ziel – er war aus dem Pedal gerutscht – nicht stoppen ließ. Allerdings wurde Sagan dann von der Tour ausgeschlossen, nach einem Check gegen den Briten Mark Cavendish. Zu Unrecht, wie er fand.

          Peter Sagan widmet seinen Sieg dem im Mai verstorbenen Radprofi Michele Scarponi, der am Montag Geburtstag gefeiert hätte.
          Peter Sagan widmet seinen Sieg dem im Mai verstorbenen Radprofi Michele Scarponi, der am Montag Geburtstag gefeiert hätte. : Bild: dpa

          „Ein hochprofessioneller Mann“, sagt Denk, so oder so beeindruckt, „und ein bodenständiger Mensch.“ Allerdings auch jemand mit einem Hang zur Show, was Denk ebenfalls gelegen kommt, schließlich zieht Sagan damit eine Menge Aufmerksamkeit auf sich. Der dreimalige Weltmeister ist so etwas wie ein Popstar im Peloton, bestens geeignet zur Vermarktung. Das wirft nun auch reichlich Licht auf Denks Equipe, die erst seit dieser Saison dem WorldTour-Kreis angehört, aber mit der Verpflichtung von Sagan gleich einen großen Schritt in Richtung Beletage gemacht hat. Big Business in Raubling.

          Auf den Ausnahmekönner Sagan war Denk vor einem Jahr in Monaco zugegangen, der Bayer und der Slowake hatten sich zum Essen verabredet. Offenbar waren keine großen Überredungskünste notwendig, um Sagan nach der Auflösung des Teams Tinkoff einen Wechsel nach Deutschland schmackhaft zu machen. „Für ihn war klar, dass er kommt“, sagt Denk, der angeblich sofort einen guten Draht zu dem exzentrischen Profi hatte. „Wir haben viel über Privates geredet“, erzählt Denk, „das war vielleicht ein bisschen neu für ihn.“ Aber es kam an, wie Denk sagt, „er ist ein Gefühlsmensch“.

          Und ein Großverdiener mittlerweile. Sagans Gehalt wird auf mindestens vier Millionen Euro geschätzt. Denks Geldgeber müssen somit kräftig in die neue Hauptattraktion des Teams investieren, mit der Gegenleistung sollen sie jedoch zufrieden sein. „Sagan ist ein Riesengewinn für unsere Sponsoren“, betont Denk, „der Output ist durch ihn deutlich besser geworden.“ Das Geschehen in Bergen könnte in dieser Hinsicht einen weiteren Schub geben. Sich mit Sagan zu arrangieren, bedeutet für Denk auch, dem Slowaken gewisse Freiheiten einzuräumen, etwa die Hobbys betreffend.

          So darf Sagan gelegentlich auf das Mountainbike umsteigen und sich talwärts stürzen. „So ein Tag tut ihm gut“, sagt Denk. Er weiß, dass Sagan bei Laune gehalten werden muss. „Wenn er keinen Bock hat, lässt er es deutlich spüren.“ So antwortet Sagan gelegentlich auch ausweichend auf Fragen nach dem Radsport: „Es gibt wichtigere Dinge im Leben.“ In Bergen aber stand für ihn eindeutig wieder der Radsport im Blickpunkt. Und das schillernde Regenbogentrikot.

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