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Präsident des SV Darmstadt 98 : „Aus den Wahnsinnigen werden schnell wieder Demütige“

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„In Darmstadt herrscht ein besonderer Spirit“: Der 52 Jahre alte Jurist Rüdiger Fritsch ist Präsident des SV 98 Bild: Privat

Rüdiger Fritsch über nicht planbare Coups, seinen Old-School-orientierten Klub, Busfahrten mit Gesangseinlage, und warum im Fußball 1 + 1 auch mal 4 ergibt.

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          Mit welchen Gedanken sind Sie nach dem Aufstieg in die zweite Fußball-Bundesliga durch einen dramatischen 4:2-Relegationserfolg nach Verlängerung in Bielefeld aufgewacht?

          Auf der vierstündigen Busfahrt durch die Nacht mit im Schnitt 90 Stundenkilometern gab es zwischen diversen Gesangseinlagen auch Momente, in denen man sich Gedanken machen konnte. Nur komme ich zu keinem rationalen Ergebnis, sondern immer zu demselben: Es ist eine ganz starke Geschichte eines Vereins, einer Mannschaft und eines Trainerteams. Anderswo sind die Bedingungen besser und ist das Gras womöglich grüner, aber in Darmstadt ist ein besonderer Spirit vorhanden, der offensichtlich zu ganz besonderen Leistungen animiert.

          Vor exakt einem Jahr war der SV 98 sportlich in die vierte Liga abgestiegen, blieb nur drittklassig wegen des Lizenzentzugs des Lokalrivalen Offenbacher Kickers. Nun sind Sie nach 21 Jahren Abwesenheit wieder in der zweiten Liga ...

          ...woran sich diese unglaubliche Schnelllebigkeit im Fußball festmachen lässt. Und auch mit wie vielen Variablen das Geschäft verbunden ist. Bei uns wird niemand behaupten, dass dieser Coup komplett planbar gewesen ist. Dass der Schuss von Elton da Costa in der 120. Minute ins Tor fliegt und die Versuche der Bielefelder im Gegenzug nicht, sind Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Dies sollte man sich auch im Erfolg vor Augen führen.

          Was meinen Sie damit konkret?

          Wenn es schlecht läuft, sind einige sofort geneigt zu sagen: Wie konnte man denn dies und jenes tun, diesen Trainer oder diese Spieler verpflichten. Hinterher ist man natürlich immer schlauer. In der zweiten Liga werden wir vermutlich mehr Spiele verlieren als gewinnen, weil es für uns ja nur um den Klassenverbleib gehen kann. Und dann ist es die große Kunst, zu erkennen, dass dann nicht alles schlecht ist, was vorher noch gut war. Im Fußball ergibt 1+1 auch mal 4.

          Wie lässt sich aus dem Rausch des Moments etwas Nachhaltiges schaffen unter den speziellen Bedingungen in Darmstadt?

          Nachdem wir in Bielefeld den Olymp des Wahnsinns erlebten, haben wir am Dienstag noch mal die Wahnsinnigen raushängen lassen. Aber von diesem Mittwoch an werden aus den Wahnsinnigen wieder sachliche und realistisch arbeitende Menschen. Wir werden in der Euphorie nichts tun, was uns später leid tun wird. Wir werden in keine Verbindlichkeitsfalle tappen, die uns wieder auf Jahre wegspült. Einigen Vereinen, die das Rad zu schnell ankurbeln wollten, ist dies zum Verhängnis geworden. Wir werden weiter mit der Darmstädter Demut an die Sache herangehen.

          Sie planen mit einem Lizenzspieleretat zwischen fünf und sechs Millionen Euro. Damit ist man in der zweiten Liga mehr als nur ein gallisches Fußball-Dorf.

          Wir werden wettbewerbsfähig sein. Aber in der „Geldtabelle“ werden wir im unteren Drittel angesiedelt sein – aber das waren wir in der dritten Liga ja auch schon. Solch ein Erfolg wie der unsrige bringt ja immer viele glückliche Menschen hervor. Die Frage ist: Bleiben die auch vier Tage danach im Alltag noch glücklich? Ich glaube, dass die Entscheider in der Region registriert haben, dass wir wirtschaftlich seriös arbeiten und dass wir keinen Euro sinnlos rausfeuern, sondern uns fünfmal überlegen, wofür wir ihn ausgeben.

          Derzeit hat der Verein nur vier hauptamtliche Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle, dazu kommen die Lizenzauflagen der DFL bezüglich des maroden Böllenfalltorstadions. Muss sich der Verein über den Sommer neu erfinden?

          Nein. Zu unserer Struktur gehören viele Leute, die Spezialisten sind auf ihrem Gebiet und unentgeltlich für den Verein arbeiten. Dazu gehört auch das Präsidium. Wir bringen aber ein großes Team mit Knowhow an den Start – mit vier Leuten ist da ja gar nichts machbar. In der Hinsicht werden wir schon das gallische Dorf der zweiten Liga sein.

          Und auch die Kulturschocker der zweiten Liga?

          Ich glaube, Fußball-Deutschland ist nicht traurig darüber, dass der SV Darmstadt 98 wieder auf die große Landkarte zurückgekehrt ist. Es ist ein traditionsreicher Fußball-Standort, ein gewachsener Verein, der eher Old-School-orientiert ist. Ich glaube, dass Fußball-Deutschland mehr Freude an uns hat als an dem ein oder anderen Verein, der eher künstlich aufgebaut ist.

          Die Pläne für einen 28 Millionen Euro teuren Neubau des Stadions existieren. Alles hängt ab von einem möglichen Landeszuschuss. Wie ist der Stand?

          Die Stadionfrage ist für uns existentiell. Es werden immer neue Zweiwochenfristen genannt, die nun schon mehrfach abgelaufen sind. Fakt ist: Das Thema ist auf dem Peak der Entscheidung angekommen. Es ist dringend. Ich gehe davon aus, dass die Stadt Darmstadt dies gegenüber dem Land Hessen nach unserem sportlichen Erfolg mit besonderer Vehemenz vorantreiben wird. (Siehe Rhein-Main-Zeitung)

          Die Fragen stellte Alex Westhoff.

          darmstadt

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