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Porträt : Lance Armstrong: Sieger ohne Sympathie

  • -Aktualisiert am

Unbeliebter Sieger: Lance Armstrong Bild: dpa

Als erster Träger des Gelben Trikots in der Geschichte der Tour de France hat Lance Armstrong Pfiffe vom Publikum geerntet. Warum ist das so?

          3 Min.

          Dieser Blick. Eine halbe Radlänge schob sich Armstrong am Anstieg nach L'Alpe d'Huez vor seinen Rivalen Jan Ullrich und drehte ihm den Kopf zu. Für einen langen Augenblick schaute er dem Deutschen in die Augen ging aus dem Sattel, beschleunigte die Umdrehungen seiner Beine auf Propellertempo und zog davon. Uneinholbar. An diesem Tag und für den Rest der Tour de France.

          Über keine Geste wurde während der Tour mehr diskutiert und spekuliert als über diesen Blick. Als Demütigung wollten diese Sekunde vor allem Kommentatoren der französischen Presse verstanden wissen. Armstrong selbst gab indes an, dass er nüchterne taktische Gründe gehabt habe, sich umzuschauen: „Ich musste doch wissen, wer noch alles an meinem Hinterrad hängt, bevor ich die Attacke wage. Und, ja, ich wollte taxieren, in welcher Verfassung Ullrich ist.“

          Wahl zum unsympathischsten Fahrer

          Der angeblich Gedemütigte schenkte dem angeblich überheblichen Triumphator glauben: „Natürlich musste er schauen, wer da noch alles dranhängt, bevor er eine Attacke startet. Ich schaue mich beim Rennen auch oft um, um zu sehen, wer da ist.“ Dass die Geste dem neuen Tour de France-Sieger zur Last gelegt wird, entspricht dem schlechten Ruf des Amerikaners.

          Vom deutschen Teufel-Unikum Didi Senft getrieben: Lance Armstrong

          Die akkreditierten Photographen der Tour wählten ihn zum unsympathischsten Fahrer der Tour. Und in den Pyrenäen erntete er als erster Träger des Gelben Trikots in der Geschichte der Tour de France Pfiffe vom Publikum. Warum nur mag man den Amerikaner nicht?

          Krebserkrankung macht Erfolg verdächtig

          Der Betrugs-Verdacht verfolgt ihn bis heute: In diesem Jahr wurde von der internationalen Presse, von der Londiner Sunday Times bis zu L'Equipe versucht, Armstrongs Verbindung zu dem umstrittenen italienischen Arzt Michele Ferrari zum Beweis seiner Unredlichkeit zu machen. "Wer zu oft gewinnt", versuchte der Chef des Team Telekom, Walter Godefroot, das Phänomen der Antipathie zu erklären, „gerät in die Kritik. Das war schon bei Jacques Anquetil so und bei Miguel Indurain auch.“

          Armstrongs Krebserkrankung macht seinen Erfolg vielen noch suspekter, als er ohne die Krankheit wär. Unheimlich ist das vielen, so unglaubhaft, dass man mit allen Mitteln versucht, an der Geschichte einen Makel zu finden. Und sei es Armstrongs bedingungsloser Wille zum Erfolg. „Während seiner Krankheit ist in Armstrongs Kopf wohl etwas passiert“, glaubt der Telekom- Sportdirektor Rudy Pevenage, „aber ich wünsche Jan nicht eine solche Krankheit, damit er genauso wird.“

          „Musste mir alles hart erarbeiten“

          Armstrong lässt solche Skepsis mittlerweile nicht mehr an sich heran. Bei seinem ersten Tour de France-Sieg hatten ihn die Unterstellungen noch aus der Fassung gebracht. Jetzt sagt er über die Pfiffe, die er an der Strecke geerntet hat: „Die Leute sollen kommen, wenn es ihnen gefällt, was ich zeige, ansonsten sollen sie halt wegbleiben. 100 Prozent Zuneigung werde ich ohnehin nie haben.“

          Die Gleichgültigkeit gegenüber seinen Sympathiewerten trägt natürlich nicht gerade dazu bei, diese zu erhöhen. Zum Vorwurf der Besessenheit gesellt sich der der Arroganz. Armstrong selbst stellt sich hingegen als bescheiden dar: „Ich sehe mich nicht in einer Reihe mit Größen wie Coppi, Anquetil und Merckx. Und ich nehme die Tatsache, dass ich das Gelbe Trikot trage mit nicht als selbstverständlich an. Ich musste mir das hart erarbeiten und muss es Tag für Tag hart verteidigen.“

          Seiner Überlegenheit, so Armstrong, sei er vor dieser Tour ebenfalls alles andere als sicher gewesen. Er habe verfolgt, wie gewissenhaft sich Ullrich in diesem Jahr vorbereitet hatte und den Deutschen als „wirklich gefährlich“ eingeschätzt. Deshalb habe er auch nicht vorgehabt, wie im vergangenen am Mont Ventoux, als er Marco Pantani gewinnen ließ, Geschenke zu machen. So gewann Lance Armstrong zum ersten Mal bei der Tour vier Etappen. Bei der Tour 2000 hatte er nur das Zeitfahren gewonnen. Als „neuer Kannibale“ wurde er deshalb in Anspielung an Eddy Merckx getauft, der zu seiner Zeit auch noch das unbedeutendste Rennen gewinnen musste.

          „Ich gebe alles, so lange ich das Feuer in mir habe“

          Viel mehr eine Merckx'sche Gefrässigkeit scheint Armstrong, so sagt er selbst, jedoch eine existentielle Unsicherheit anzutreiben. So wie ihn auf dem Rad die Angst vor Ulrich Motivation gab, treibt ihn, so gibt er zu, im Leben die Erinnerung an seine Krankheit an: „Ich bin auch nach fünf Jahren noch nicht über den Berg. Ich weiß, dass das jederzeit zurückkommen kann. Ich nehme nichts in meinem Leben für gegeben an. Es überrascht mich noch immer, dass ich überhaupt wieder auf dem Rad sitzen kann. Ich weiß, dass ich jeden Tag alles verlieren kann, das ist mein Antrieb."

          Dies zu kommunizieren gelingt ihm, zumindest in Frankreich, nicht sonderlich gut. Doch Armstrong ist ohnehin keiner, der gefallen möchte. „Wenn ihr talentiert genug seit, die Dramatik und den Kampf festzuhalten, dann tut es. Tanzen und Faxen machen werde ich für Euch nicht", sagte er den Photographen. Und den Fans, die gepfiffen hatten gab er mit: „Ich werde so lange hier alles geben, so lange ich das Feuer in mir habe.“ Da kann pfeifen wer will.

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