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Porträt : Helmut Recknagel: Noch mal einen Sprung gelandet

  • Aktualisiert am

Helmut Recknagels neue Ziele: "Ich will Drachenfliegen" Bild: dpa

Er ebnete mit Bommelmütze und Holzbrettern für Hannawald und Co. den Weg. Helmut Recknagel war der erste deutsche Olympiasieger im Skispringen.

          Im Winter 1942 stürzte sich Helmut Recknagel als fünfjähriger Junge im heimischen Steinbach-Hallenberg in seine ersten drei-Meter-Hüpfer, im Winter 1960 landete er im fernen Squaw Valley erster deutscher Skisprung-Olympiasieger.

          Und auch im reifen Alter hat Helmut Recknagel noch mal einen beachtlichen Sprung gelandet und „sicher gestanden.“ Recknagel wagte als 59-Jähriger den Sprung in die Marktwirtschaft und eröffnete in Berlin ein Sanitätsfachgeschäft.

          „Weiterarbeiten ist therapeutische Maßnahme“

          Der einstige Weitenjäger, gelernte Werkzeugmacher und promovierte Tierarzt, der an diesem Mittwoch seinen 65. Geburtstag feiert, hat zuvor so ziemlich alles erlebt, was viele Ostdeutsche nach der Wende auch erlebten: Abwicklung, Arbeitslosigkeit, Umschulung, Versuche, neue Existen aufzubauen.

          Ans Aufhören denkt der Thüringer mit Eintritt ins Rentenalters noch lange nicht. „Weiterarbeiten ist eine therapeutische Maßnahme. Mit dem Tätigkeitsverlust kommt man auf die Verliererseite, und man kann trottelig werden“, sagt die Skiflug-Legende.

          Mit Bommelmütze und Holzbrettern

          Recknagel ebnete mit Bommelmütze und Holzbrettern seinen Nachfolgern den Weg. Mit 19 gewann er 1957 als erster Mitteleuropäer am Holmenkollen von Oslo, dem Mekka des Skisports. „Den Olympiasieg von 1960 und die fünf Erfolge bei den Skiflugwochen zwischen 1957 und 1962 stelle ich auf eine Stufe.“

          Außerdem krönte sich Recknagel 1962 in Zakopane zum ersten deutschen Skisprung-Weltmeister und gewann dreimal die Vierschanzentournee (1958/1959/1961). Sein letzter Sprung Ende März 1964 in Oberwiesenthal beendete auch die Ära der Springer, die bei ihren Flügen mit vorgestreckten Armen auf Weitenjagd gingen.

          Skisprung- und Lebensexperte

          In seinem Berliner Sanitätshaus mit orthopädischer Werkstatt sind zwei fast 45 Jahre alte Sprungski plus jede Menge postalische Grüße aus allen Winkeln der Schanzenwelt zu finden. Der Kontakt in die Szene ist auch nach dem Ende seiner Kampfrichterzeit bei der Skiflug-WM 1998 nie abgerissen.

          Recknagel ist noch immer euphorischer Skisprung- und mittlerweile Lebensexperte. „Der Sport steckt in mir drin, da ändert sich nichts. Rad fahren, Waldläufe, tägliche Gymnastik, nicht üppig futtern und auch in kniffligen Lebenslagen positiv denken“, beschreibt er seine Lebensmaxime. Selbst sein einstiges Springergewicht von 70 Kilogramm hat sich bis heute nicht verändert.

          Vorflieger für Weißflog und Hannawald

          „Wichtig ist, dass man Freude bereitet mit guter Leistung. Das ist wie bei Hannawald“, betont der einstige Ausnahme-Athlet. Seinem „Enkel“ hat er kürzlich vor Begeisterung einen Brief geschrieben. Antwort hat er allerdings noch nicht, „aber der hat ja auch viel zu tun“.

          Der Größte im Skispringen ist für ihn sowieso ein kleiner Oberwiesenthaler: „Ganz klar Jens Weißflog: 15 hochkarätige Medaillen in zwei Stilarten und vier Tourneesiege sind heroisch.“ Recknagel selbst ermunterte Weißflog 1993 zum Weitermachen, als dieser mit Misserfolgen kämpfte. Bis Weißflog 1996 die Sprungski dann tatsächlich an den berühmten Nagel hängte, hatte er Recknagel mit vier Gesamtsiegen die ewige Führung bei der Vierschanzentournee abgenommen.

          Rückkehr des Recknagel-Stils

          Beim Blick zurück lobt der Altstar die Sportförderung der DDR, prangert aber auch die Unehrlichkeit der Politik und die eingeschränkten Reisemöglichkeiten in der DDR an. Dass er seiner Frau nicht die Stätten seiner Triumphe zeigen konnte, wurmt ihn noch heute.

          Die Skispringertradition im Hause Recknagel hält sein zweieinhalb Jahre alter Enkel hoch: „Er hat schon gute Ansätze. Der springt mir vom Baum in die Arme, ganz ohne Angst. Wenn er Talent hat, fördere ich ihn.“

          Vorher rechnet er mit der Rückkehr des Recknagel-Stils: „Ich hoffe auf einen Athleten, der den Mut hat, die Arme als zusätzliche Tragfläche in Vorhalte zu bringen. Am liebsten wäre ich nochmal 20. Dann könnte ich als V-Stil-Frosch beweisen, wie gut wir damals waren.“

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