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Pleiten und Prozesse : "Einen Becker stößt man nicht vom Sockel" (Teil II)

  • -Aktualisiert am

Berater für Boris Becker: Hans-Dieter Cleven Bild: dpa

Noch nicht einmal 20 Jahre alt, konnte sich Boris Becker nirgends auf der Welt mehr unerkannt bewegen. Doch er zerbrach daran nicht, sondern arrangierte sich mit der Rolle des „Objekts der Begierde“

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          Noch nicht einmal 20 Jahre alt, konnte sich Boris Becker nirgends auf der Welt mehr unerkannt bewegen. Doch er zerbrach daran nicht, sondern arrangierte sich mit der Rolle des „Objekts der Begierde“ und wurde noch mehr zum Egomanen. „Einen Becker ändert man nicht, der ändert sich selbst“, sagte Meyer-Wölden. Und ein Freund aus diesen Tagen ergänzt: „Was für eine Chance hätte er sonst auch gehabt.“

          Manches Mal verlor er dabei auch den Boden unter den Füßen und die Realität aus den Augen. Aber er konnte sich stets auf kongeniale Berater stützen. Nach Tiriac und dem verstorbenen Meyer-Wölden heißt der Mann im Hintergrund nun Hans-Dieter Cleven.

          Business-Mann Becker braucht Berater

          Der 57 Jahre alte Doktor honoris causa, der sein Millionen-Vermögen im Metro-Konzern von Becker-Freund Otto Beisheim gemacht hat, steht für das „C“ in Beckers Schweizer Firma BCI, in der seine Münchner Firma BBM und die Schweizer BBI aufgingen. Was dem Tennisprofi als Geschäftsmann fehlt, glichen und gleichen diese Männer aus. Ihnen vor allem hat es Becker zu verdanken, dass ihn seine beruflichen und privaten Fehlschläge nicht in den Ruin getrieben haben.

          Allein die Scheidung von Barbara hätte ihn sonst weit mehr gekostet, als die im Ehevertrag verankerten fünf Millionen Mark plus der noblen Wohnung auf Fisher Island in Florida, in der sie mit den gemeinsamen Söhnen Noah Gabriel und Elias Balthasar lebt.

          „Fünf- Sekunden-Akt“

          Auch der Londoner Seitensprung mit Angela Ermakowa wäre ihn sonst teurer zu stehen gekommen als die „rund zwei Millionen Euro“, so ein Insider, die er bis zur Volljährigkeit seiner unehelichen Tochter Anna zu berappen habe. Seinem Ansehen hat diese Eskapade geschadet, mehr noch aber die Art und Weise seiner öffentlichen Erklärung des angeblichen „Fünf- Sekunden-Akts“. I

          n der „Bild“-Zeitung war er in den Monaten nach seiner Trennung von Ehefrau Barbara fast 50 Mal der Aufmacher. In der Bunten, dem Klatschorgan der Prominenz, fehlte sein Name in kaum einer Ausgabe. Für Boris Becker ist diese Art der Wertschätzung ein wichtiger Gradmesser und eine Art Lebenselixier. „Wenn man nicht über ihn spricht, ist er unzufrieden“, heißt es. Und Becker selbst erklärte einst: „Die Leute sollen wissen, wie es dem Boris geht.“

          Damit ist der inzwischen fast 35-Jährige - am 22. November feiert er Geburtstag - als Tennisprofi 15 Jahre lang bestens gefahren. Welchen Einfluss hätten Schlagzeilen auch auf Vorhand, Rückhand oder Setzliste haben sollen? Im Tennis-Zirkus zählen andere Werte; bunte Vögel bekommen eher noch höhere Gagen.

          Lehrgeld für schlechte „Deals“

          Schon früh musste Becker im Geschäftsleben erfahren, dass für Märchen wie das des 17-jährigen Leimeners dort kein Platz ist. So scheiterte ein von BBM eingefädelter und mit zwei Millionen Mark dotierter Daviscup-Kontrakt mit einem Telefonanbieter, weil die Spitzenspieler ihre exklusiven Rechte nicht an einen anderen Werbe- Partner abtreten durften. Das konnte auch Boris Becker nicht ändern, der glaubte, mit ein paar Worten den Sportartikel-Multi überreden zu können.

          Den Deal hatte ein Freund aus alten Tennis-Tagen ausgehandelt, den Kopf aber musste Becker für die Pleite hinhalten. Reichlich Lehrgeld zahlte der Neo-Geschäftsmann immer wieder, weil er sich nach dem Ende seiner Tennis-Karriere in Wimbledon 1999 nicht die Zeit gegönnt hatte, behutsam in die neuen Kleider zu wachsen. Auf der Flucht vor dem Schwarzen Loch, das auf jeden warten soll, der das Terrain seiner Erfolge verlässt, schlidderte er von einer Verlegenheit in die andere.

          Galionsfigur im Kampf um Marktanteile

          Anstatt sich peu à peu im Big Business zu etablieren, stürzte er sich so ungestüm und unvorbereitet ins Geschäftsleben, wie er es nie bei einer Netzattacke auf dem Tennisplatz gewagt hätte. Er dachte wohl, mit den dort gemachten Erfahrungen reichlich gerüstet zu sein. Schließlich hatte er auch als Wimbledonsieger schon ein kleines Unternehmen geführt; mit Masseur, Qua Freund Waldemar Kliesing an der Spitze.

          Doch Becker unterschätzte die Macht seiner Gegner und Partner. Er wurde meist nur als Galionsfigur in die Schlacht um umkämpfte Marktanteile geschickt. Und Becker gefiel sich in dieser Rolle, ganz so wie damals als Heros auf dem Platz, der 49 Turniersiege holte und Ruhm und Ehre allein einsteckte. Aber die Drahtzieher im operativen Geschäft, von dem Becker nichts wissen wollte und von dem er auch nicht viel versteht, machten ihre Sache nicht immer wirklich gut. Und dann stand er eben allein da in vorderster Front und zog die Pfeile der Öffentlichkeit auf sich.

          Mercedes und AOL zufrieden

          Wie viele, die von der Euphorie des Neuen Marktes gefangen waren, setzte er auf das falsche Pferd. Doch soll Becker bei seinen Beteiligungen am Internet-Portal Sportgate als auch bei der Öko-Firma New Food mit einem blauen Auge davon gekommen sein. Neben all den Pleiten und Pannen und Skandälchen gibt aber auch noch geschäftliche Erfolge zu vermelden. Das Autohaus in Stralsund mit zwei Filialen floriert; der Zehnjahresvertrag mit Mercedes stellt beide Seiten zufrieden, wie aus der Autobauer-Zentrale in Sindelfingen zu hören ist.

          Mit AOL soll Becker auch in den kommenden Jahren drin sein; und seine 50- prozentigen Anteile an einem Tennisschläger-Unternehmen (Völkl) werfen ordentlich Profit ab. Beim Testen der Becker-Schläger erwachte zudem die Liebe zum Tennis aufs Neue. Erst wurden daraus mehr und mehr Show-Matches; nun will sich Becker als Sanierer des Rothenbaums profilieren. Mit seiner Firma und potenten Partnern wird er das Turnier der Masters Serie in Hamburg, die letzte Bastion des kriselnden Deutschen Tennis Bundes (DTB), exklusiv vermarkten.

          Becker soll zum Retter des darbenden weißen Sports werden, vielleicht sogar zum „Geburtshelfer“ einer neuen Blütezeit. So wie 1985, als der schüchtern stammelnde „Bum-Bum- Becker“ die Schlagzeilen eroberte, und noch niemand an Scheidung, Seitensprung und einen Steuer-Prozess dachte.

          "Einen Becker stößt man nicht vom Sockel"

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