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Paralympics-Fazit : Einfach das Beste daraus machen

  • -Aktualisiert am

Jubel von allen Seiten: Die Spanierin Congost gewinnt Gold im Marathon Bild: Reuters

Nach all den Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, erstrahlten die Paralympics in erstaunlicher Schönheit. Doch sind sie das bessere, ehrlichere Olympia? Das wäre mit zu viel Sehnsucht verbunden.

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          Sir Philip Craven ist neben seinem Job als oberster Paralympier auch Bachelor der Geographie. Und als solcher wird er regelrecht philosophisch, wenn er den Blick über Rio de Janeiro schweifen lässt. „Schauen Sie auf die Hügel“, sagt er bei einem Gespräch an der Lagune Rodrigo de Freitas, „fast alles sind tote Vulkane, Eruptivgestein, das hochkommt und dann fest wird. Mit der Zeit verschwindet die Asche und all das andere Zeug.“ Bis sich eine Topographie herausgebildet hat, wie sie wohl einmalig ist auf der Welt, „ein großartiger Ort“, findet Sir Philip, auch wenn er „Schwierigkeiten“ verursache, „vor allem für den Transport“. „Aber vielleicht“, sagt er, „war es hier gar nicht für Menschen gedacht, als es entstanden ist. Sie müssen jetzt damit klarkommen und das Beste daraus machen.“

          Ein schönes Bild ist das, und eine hübsche Metapher. Denn auch über die Paralympics in Rio lässt sich sagen, dass sie enorme Schwierigkeiten überwinden mussten. Dass angesichts der existentiellen Finanznöte, in die das Organisationskomitee geraten war, gar kein anderer Ansatz übrig blieb, als irgendwie das Beste daraus zu machen. Weil das ja zumindest bedeutete, dass es überhaupt noch etwas zu machen gab; nicht einmal das schien zwischenzeitlich sicher. Und nun? Erstrahlen die Paralympics, die am Sonntag mit der Schlussfeier im Maracana zu Ende gingen, in erstaunlicher Schönheit.

          Es ist nicht so perfekt wie 2008

          Natürlich, es ist nicht so perfekt wie 2008, als Peking mit dem Anspruch angetreten war, Spiele „mit demselben Glanz“ wie kurz vorher bei Olympia auszurichten, als der ungeheure Apparat, der für die viel größeren Spiele aufgebaut worden war, völlig ungerührt weiterlief, so dass man das Gefühl hatte, zur Not auch noch um Mitternacht einen Bus zu finden, der einen exklusiv zur chinesischen Mauer fährt. Und es ist auch nicht so wie in London, als das Publikum schon allein qua Masse eine Kulisse schuf, die wirklich jedem olympischen Anspruch gerecht geworden wäre – damals wurden alle 2,7 Millionen Eintrittskarten verkauft.

          Aber nachdem bis kurz vor Beginn der Spiele von Rio noch eine niederschmetternd niedrige Zahl von Tickets abgesetzt worden war, bot sich dann doch ein ziemlich erfreuliches Bild: Jeden Morgen konnte man eine Art Ameisenspur beobachten, die sich über die Brücke von der Schnellbushaltestelle zum Eingang des Olympiaparks schlängelte. Die meisten Wettkampfstätten waren gut gefüllt, am ersten Wochenende wurde selbst der olympische Spitzenbesuch übertroffen. Am Freitag meldeten die Organisatoren: Zwei-Millionen-Marke geknackt. Das Wichtigste aber war: Alles, was funktionieren musste, funktionierte, auch wenn manches eine eher improvisierte Campus-Atmosphäre verströmte, Klagen der Athleten waren jedenfalls nicht zu hören. Alles in allem lag ein besonderer Geist über diesen Tagen von Rio.

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          Am Dienstag luden die deutsche Botschaft und das Innenministerium zum Empfang ins Deutsche Haus, dasselbe, das schon bei Olympia den Athleten als Versammlungs-, Präsentations- und Feierstätte gedient hatte, in wunderbarer Lage und bei gediegener Verpflegung. In den Reden ging es nicht nur, wie normalerweise zu erwarten, um eine Nabelschau des deutschen Para-Sports, um die Freude an den eigenen Erfolgen, die insgesamt den Erwartungen entsprachen. Es ging um mehr. Um die Paralympics als solche. Und, zumindest ein bisschen, auch um ihre Überlegenheit gegenüber Olympia.

          Ole Schröder, Staatssekretär im Innenministerium, sprach dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) einen ausdrücklichen Dank aus für das „starke Signal“, das es mit dem Komplettausschluss der russischen Sportler gegeben habe. Und auch wenn er das nicht sagte, dürfte jeder in diesem Moment an das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Thomas Bach gedacht haben, das sich genau dazu ja nicht hatte durchringen können. Als wenig später Harald Klein das Wort ergriff, der deutsche Generalkonsul in Rio, sprach er davon, dass er die paralympische Stimmung als „weitaus freudiger, entspannter, angenehmer“ empfunden habe als bei Olympia.

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