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Paralympics-Fazit : Einfach das Beste daraus machen

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So weit, so schön. Tatsächlich ist es ein gar nicht hoch genug einzuschätzender Erfolg für die Paralympics, welche Kraft sie hier in Rio aus sich selbst heraus entwickelt haben (und mit Hilfe extrem niedriger Ticketpreise), vielleicht dürfen diese ersten lateinamerikanischen Para-Spiele deshalb sogar als größere Errungenschaft gelten als die von London. Aber um in den Paralympics nun so etwas wie das bessere, ehrlichere Olympia zu sehen, ist dann vielleicht doch ein bisschen zu viel Sehnsucht und etwas zu wenig Realitätssinn im Spiel. Schließlich wird auch bei den Para-Athleten längst nicht immer dem lupenreinen Fairplay gehuldigt.

Wenn man mit ihnen spricht, mit Heinrich Popow zum Beispiel, der in Rio zum vierten Mal dabei ist, dann begrüßen sie zwar überwiegend die harten Sanktionen gegen Russland. Aber meist folgt sogleich der Hinweis, dass nun bitteschön auch anderswo genauer hingeschaut werden möge. „In anderen Ländern gibt es bei Kontrollen bei weitem nicht die Standards wie in Deutschland, da brauchen wir nicht nur nach Russland schauen“, sagt Popow.

Und es geht nicht nur um Doping im klassischen Sinne. Karl Quade, der deutsche Chef de Mission, erläuterte an einem Beispiel, wie viel Raum für Missbrauch das System der Klassifizierung bisweilen eröffne – und welches Misstrauen daraus resultiert. Die deutsche Schwimmerin Elena Krawzow, bis vor kurzem Weltrekordhalterin, war im Finale über 200 Meter Brust von einer bis dahin praktisch unbekannten Usbekin abgehängt worden – um mehr als fünf Sekunden. „Da kommt jemand wie Kai aus der Kiste und ist gleich top. Das ist doch merkwürdig“, sagt Quade zu diesem Fall, der kein Einzelfall ist.

So mag bei den Paralympics zwar alles in allem schon mehr Sportsgeist zu spüren sein als bei den Hochkommerzspielen Olympias, manchen Athleten meint man das Glück, überhaupt dabei zu sein, wirklich an den Augen ablesen zu können – Engel sind aber auch hier längst nicht alle. Was ja, wenn man es anders wendet, auch wieder menschlich ist.

IPC verkündet allzu frohe Botschaft

Das IPC allerdings verbreitete dieser Tage noch einmal eine andere, eine allzu frohe Botschaft: Ein Report der Marktforscher von Nielsen kam zu ein paar ziemlich günstigen Einschätzungen zur (Werbe-) Wirkung der Para-Spiele, vor allem in der jüngeren Zielgruppe der sogenannten Millennials. Vier von fünf von ihnen würden sich eher für den Kauf einer Marke entscheiden, die für eine gute Sache steht, hieß es da. Der potentielle Auftrieb für paralympische Sponsoren sei deshalb bei den Millennials signifikant höher als für olympische.

Es hat in diesem Zusammenhang sicher nicht geschadet, dass das IPC Ibrahim Al Hussein, einen syrischen Schwimmer aus dem zweiköpfigen Flüchtlingsteam, mit einem Preis für die besondere Verkörperung paralympischer Werte auszeichnete – eine gute Sache, natürlich, aber auch eine gute Wirkung. Wenn das IPC seine eigenen Versprechen einlösen will, wird es in Zukunft jedenfalls noch mehr als bisher darauf achten müssen, dass die Realität sich nicht zu weit vom Wunschbild entfernt.

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Die Flut von Weltrekorden in Rio hat die Paralympier ein wenig nachdenklich gemacht. So sprach Sir Craven davon, dass man sich auch die Anti-Doping-Strategien noch einmal genauer anschauen müsse. Und davon, dass Kontrollen nun einmal Geld kosteten. Davon hat das IPC, erst recht im Vergleich zum IOC, nicht viel. Bei gerade einmal zwölf Millionen Euro liegen die jährlichen Einnahmen, die vor allem über die Spiele generiert werden.

So ist es einerseits nicht hoch genug zu bewerten, was das IPC mit seinen begrenzten Möglichkeiten auf die Beine stellt. Auf eine Überhöhung aber, zumal eine moralische, sollte man sich dabei besser nicht einlassen. Die Paralympics, sie wirken manchmal wie eine gigantische Projektionsfläche, jeder will etwas Besonderes in ihnen sehen. Dabei bereiten sie am meisten Freude, wenn man sie einfach als das nimmt, was sie sind: Sport und Staunen.

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