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Paralympic-Sieger Rehm : Nach dem Gold kommt die Sehnsucht

  • -Aktualisiert am

Überlegen und doch hoch emotional: Markus Rehm nach dem Gold-Sprung Bild: dpa

Markus Rehm gewinnt hoch emotional bei den Paralympics in Rio Weitsprung-Gold – mit der erwarteten Glanzleistung. Seine Mission bleibt aber eine ganz andere.

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          Noch einmal die Backen aufgepustet, beide Daumen hoch zum Publikum, dann läuft Markus Rehm los. Mit den Schritten, von denen alle Welt inzwischen weiß, dass sie langsamer sind als die eines gewöhnlichen Weitspringers, dass ihm dies einen Nachteil bringt. Dann der Absprung, der Moment, in dem er den Vorteil seiner Karbonprothese ausspielen kann, den günstigeren Absprungwinkel, die bessere Kraftübertragung. Und dann fliegt Rehm, fliegt weiter als bei all seinen anderen fünf Versuchen an diesem Abend und landet deutlich jenseits der Acht-Meter-Marke.

          Dass er den Weitsprung der einseitig Unterschenkelamputierten gewonnen hat, weiß er da schon, es geht aber noch um die genaue Weite. Und so wartet Rehm, die Deutschlandflagge um den Hals – dann leuchten die Ziffern auf: 8,21 Meter. Ein Resultat, mit dem Rehm später vor die Reporter treten und sagen kann, dass er genau das gewollt habe: „Zu zeigen, dass paralympische Athleten sich nicht hinter olympischen zu verstecken brauchen.“

          Anfangs „tierisch angespannt“

          Es war keine Überraschung, dass Rehm am Samstagabend im Olympiastadion von Rio de Janeiro gewann, auch wenn er ungewöhnlich mühsam in diesen Wettkampf hineingekommen war, „tierisch angespannt“ sei er gewesen. Den Zweiten, den Niederländer Ronald Hertog, ließ er dann aber doch fast einen Meter hinter sich – und das ist ja auch einer der Gründe, warum Rehm noch woanders starten will, dort, wo Wettkämpfe noch echte Wettkämpfe sind für ihn, und nicht nur solche, die er mit sich selbst ausmacht.

          Dass er aber seine Botschaft auch an diesem Abend so offensiv unter die Leute brachte, das war nicht selbstverständlich. Er hätte das Thema ja auch mal auf sich beruhen lassen können. Aber Rehm wollte – oder konnte nicht. Und so wirkte es, als sei er auch im paralympischen Finale noch auf einer anderen Mission. Mit der offenen Frage, ob diese Mission tatsächlich eine ist, die Behindertensport und Inklusion insgesamt betrifft, wie Rehm das gerne darstellt. Oder doch eher seine ganz persönliche.

          Es gibt jedenfalls Fortschritte: Rehm ist inzwischen in Gesprächen mit dem Weltleichtathletikverband (IAAF), mit dem Ziel, zu klären, ob er im kommenden Jahr bei den Weltmeisterschaften wird starten dürfen. Wobei es ihm schon nicht mehr darum geht, dort um denselben Titel zu kämpfen wie die nichtbehinderten Athleten, inzwischen besteht Rehms Linie darin, dass getrennte Wertungen völlig in Ordnung seien. Er will die Bühne teilen – nicht mehr, nicht weniger. Es sollte möglich sein, da zu einem Ergebnis zu kommen, schließlich bräuchte es für ein solches Miteinander auch keine biomechanischen Tests oder Gutachten, sondern nur ein bisschen guten Willen. Bis Ende des Jahres, sagt Rehm, wäre es schön, Klarheit zu haben. Jetzt aber sei erst mal Zeit für Urlaub und Abschalten. Er sei „durch“, sagte er.

          8,21 Meter – Rehm hatte also geliefert am Samstag. Es schien nur, als habe eigentlich niemand so richtig bestellt. Man konnte nicht sagen, dass Rehms Sprünge das Publikum übermäßig bewegten. Sicher, es gab rhythmisches Klatschen, und natürlich ging bei seinen weitesten Versuchen ein vernehmliches Raunen durchs Rund. Aber von Leidenschaft und Begeisterung für einen paralympischen Superstar, wie es einst Oscar Pistorius gewesen war, konnte keine Rede sein. Und weil auch von Seiten des deutschen Teams eher vornehme Zurückhaltung herrscht, wirkt es manchmal, als sei es ein bisschen einsam um Rehm geworden. Nicht alle, so heißt es, fanden es gut, dass er in Rio die deutsche Flagge bei der Eröffnungsfeier tragen durfte.

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