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Paralympics-Siegerin Liebhardt : Es geht ja doch viel mehr

  • -Aktualisiert am

Franziska Liebhardt gewinnt Gold im Kugelstoßen Bild: dpa

Eine schwere Krankheit zerstört ihren Körper, eines Tages wird sie daran sterben. Franziska Liebhardt aber möchte eine andere Geschichte erzählen. Über ein Leben gegen viele Wahrscheinlichkeiten.

          6 Min.

          Franziska Liebhardt hat gelesen und gelesen. Nachrichten aus der Heimat, E-Mails, WhatsApps, so viele, dass noch längst nicht alles beantwortet ist. Alle möglichen Zeitungen, so hat sie es aus Deutschland gehört, hätten über sie berichtet. Sie hat dann auch mal ihren Namen gegoogelt. Am Ende aber, sagt sie, habe sie oft nur noch die Überschriften gelesen. Es war einfach zu viel.

          Es ist Donnerstagmittag, Franziska Liebhardt sitzt in der Begegnungszone des Paralympischen Dorfes - ein Tag zum Genießen, die Sonne brät nicht so herunter wie an den Tagen davor, es weht ein angenehmer Wind. Und Franziska Liebhardt freut sich einfach: Darüber, in Rio zu sein, darüber, dass sie eine Gold- und eine Silbermedaille gewonnen hat bei den Paralympics, im Kugelstoßen und im Weitsprung, und ja, sie freut sich auch über die plötzliche Aufmerksamkeit: „Das habe ich sonst ja nicht so.“ Eine Sache allerdings fand sie weniger gut. Liest man nämlich die Überschriften, die Google zu ihren Erfolgen ausspuckt, dann heißt es oft nicht: Franziska Liebhardt holt Gold. Sondern: die todkranke Franziska Liebhardt. Oder: die sterbenskranke Franziska Liebhardt. Und das hat sie schon gestört. „Ich würde mich selbst nicht als todkrank bezeichnen“, sagt sie.

          Im Weitsprung gewann Franziska Liebhardt Silber

          Dabei sei es ja nicht mal falsch. „Ich habe eine Erkrankung, die tödlich verläuft“, sagt die Vierunddreißigjährige. „Mir ist bewusst, dass ich an ihr sterben werde.“ Aber erstens wisse niemand, wann - „ob in zwei Jahren, zwei Wochen oder erst in 50 Jahren“. Und zweitens, findet sie, könne man das alles „etwas weniger reißerisch formulieren“, positiver vielleicht sogar. Es gehe ihr doch alles in allem gut, sagt sie. „Es ist eine schwere Krankheit, aber man kann damit ein relativ normales Leben führen.“ Sich mit Para-Athleten zu unterhalten ist selten von großen Tabus geprägt. Es geht meist erstaunlich offen, manchmal auch drastisch zur Sache, wenn sie über sich und ihre Körper reden. Aber ein Gespräch über Leben und Tod? Franziska Liebhardt will vorab keine Grenze ziehen. Man könne über das alles mit ihr sprechen, sagt sie. Es ist nur so, und das merkt man ziemlich schnell, dass sie dem Tod nicht besonders viel Raum zugesteht in ihren Gedanken.

          Tod hat keinen Platz in ihren Gedanken

          Vor elf Jahren, 2005, wurde bei ihr eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert. Der Körper, sagt sie, sei „blind dafür, zwischen gesunden und kranken Zellen zu unterscheiden“. Was dazu führt, dass er alle angreift und sich damit selbst bekämpft - und zerstört. Angefangen habe alles mit Hautproblemen. Wobei „Hautprobleme“ ein ziemlich lapidares Wort dafür ist, dass sich ihre Haut „wie Stein oder Beton“ angefühlt habe, erst am einen Bein, dann am anderen, an den Armen und später auch im Gesicht. Die Ärzte konnten zunächst wenig damit anfangen, sie vermuteten sogar psychische Ursachen. Doch als dann auch ihre Lunge zu einem Problem wurde, sei die Diagnose relativ schnell gestellt worden.

          Dass da etwas nicht in Ordnung war, merkte Franziska Liebhardt beim Sport. Damals spielte sie Volleyball, Regionalliga: „Ich habe gemerkt, dass ich relativ schnell aus der Puste kam“ - mit Anfang zwanzig. Später verfärbten sich die Fingerspitzen blau. Eine Computertomographie offenbarte eine Lungenfibrose, die Vernarbung von verstärkt gebildetem Bindegewebe. Zunächst hielten sich die Folgen in einem erträglichen Rahmen, aber irgendwann sei es mit ihrer Atmung „schnell bergab gegangen“. Es sei „eine relativ dramatische Zeit“ gewesen, erinnert sich Franziska Liebhardt. Ein paar Mal habe sie nachts unter Sauerstoffmangel gelitten und sei aufgewacht, eine natürliche Weckreaktion des Körpers. „Aber man ist völlig in Panik.“ Wie, wenn man aus einem bösen Traum erwacht - nur, dass es gar kein Traum ist. „Ich dachte, okay, das ist jetzt das Ende.“

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