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Paralympics in Rio : Die Rettung der Retter

  • -Aktualisiert am

Die Vorfreude bei den deutschen Teilnehmern der Paralympischen Spiele ist groß. Bild: dpa

Budgetlücke, Angst vor leeren Rängen: Doch kurz vor der Eröffnung der Paralympics ist die Stimmung in Rio erstaunlich positiv. Viele Bedenken sind verflogen. Auch ein brasilianischer Fußballstar singt sich schon mal warm.

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          Dass es chaotisch zugehen könnte, war ja befürchtet worden. Aber nicht schon in Deutschland. Als die deutsche paralympische Mannschaft sich am vergangenen Mittwoch zum Abflug nach Rio de Janeiro traf, hatte sie ausgerechnet jenen Tag erwischt, an dem der Frankfurter Flughafen wegen eines Sicherheitsalarms teilweise lahmgelegt war. Was zur Folge hatte, dass nicht alle Athleten rechtzeitig eintrafen, um am späten Abend das gemeinsame Flugzeug nach Rio zu besteigen.

          Das war ein Ärgernis, aber ein in jeder Hinsicht zu vernachlässigendes, wenn man sich überlegt, was noch vor ein paar Wochen möglich - obwohl andererseits eigentlich undenkbar - schien. Zwar will niemand beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) offiziell bestätigen, dass für einen Moment sogar die Absage der ganzen Veranstaltung im Raum stand, wie das vor allem britische Medien berichtet hatten.

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          Es ist aber das Wort von einer „dramatischen Situation“ zu hören, die eingetreten war, nachdem das gemeinsame Organisationskomitee von Olympischen und Paralympischen Spielen eine Budgetlücke von 150 bis 250 Millionen Reais (40 bis 55 Millionen Euro) offenbart hatte. Sir Philip Craven, der IPC-Präsident, sprach auch jetzt noch einmal von der „schlimmsten Situation in der Geschichte der paralympischen Bewegung“.

          Er war umgehend nach Brasilien geflogen und hatte sich mit dem Bürgermeister von Rio sowie ranghohen Vertretern der Bundesregierung zu Krisengesprächen getroffen. Am Ende floss dann doch noch Geld, unter anderem über eine Zusage aus Bundesmitteln, also letztendlich durch den brasilianischen Steuerzahler, der ohnehin schon reichlich für das Olympia-Vergnügen berappt hatte, aber auch durch Beiträge aus der Wirtschaft.

          Ronaldinho hat einen Song für Paralympics aufgenommen

          Vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte ist die Stimmung in Rio jetzt, da die Paralympics beginnen mit der Eröffnungsfeier an diesem Mittwoch im Maracanã, erstaunlich gut. Bei der Bevölkerung sogar positiver als vor den Olympischen Spielen. Die Cariocas, so scheint es, stehen den paralympischen Athleten freundlicher gegenüber, und sie haben hohen Respekt vor deren Leistung. Was auch damit zu tun hat, dass die Medienberichterstattung über die Athleten jetzt mehr und mehr in den Vordergrund rückt.

          Der frühere Fußballstar Ronaldinho hat den Song „Ich bin Teil der Welt, ein Gewinner“ als Hommage an die Para-Sportler aufgenommen - im Internet ist er ein Renner. Vor allem aber hat es eine rasante Entwicklung bei den Kartenverkäufen gegeben. Am Montag verkündete das IPC, dass die Marke von 1,5 Millionen verkauften Tickets (von 2,4 Millionen insgesamt) übertroffen worden sei, nun scheint sogar möglich, dass rund zwei Millionen Menschen am Ende die Spiele gesehen haben werden.

          Die Befürchtung, bei den Wettkämpfen könnte geradezu gespenstische Tristesse herrschen, und das, nachdem 2012 in London bis zu 80.000 Zuschauer im Olympiastadion für grandiose Atmosphäre gesorgt hatten, ist zur Freude der Organisatoren und natürlich auch der Sportler verflogen. Die Athleten hatten zudem große Bedenken, ob ihre Auftritte in einem angemessenen organisatorischen Rahmen würden stattfinden können, ob vor allem der Transport reibungslos funktionieren würde - der ja bei den Athleten mit ihren unterschiedlichen Beeinträchtigungen noch einmal von besonderer Bedeutung ist. Aber auch hier scheinen sich die größten Sorgen zerstreut zu haben.

          „Wir waren auf riesige Herausforderungen eingestellt, aber bislang ist kaum eine dieser Befürchtungen eingetreten“, sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS). „Im Moment treffen praktisch jeden Tag positive Überraschungen ein.“ Gespart werden musste zwar trotzdem, so wurden unter anderem einige Wettkämpfe an andere Orte verlegt sowie einige Pressezentren geschlossen, die Einschnitte fallen aber sanfter aus als befürchtet. Auch konnten alle Teams nach Rio anreisen, was angesichts von Zahlungsverzögerungen bei den Reisezuschüssen durch das Organisationskomitee vor allem für kleinere Nationen in Frage gestanden hatte.

          Die deutsche Mannschaft ist mit 155 Athleten vertreten und will bei den insgesamt 528 Entscheidungen in 23 Sportarten möglichst noch etwas besser abschneiden als 2012 in London; damals waren es 66 Medaillen (18 Gold, 26 Silber, 22 Bronze). „Rein sportlich gesehen, bin ich mit breiter Brust nach Rio gekommen“, sagt Beucher. Als deutsche Stärken gelten, neben dem Rollstuhlbasketball der Damen, vor allem Radsport, Schwimmen und Leichtathletik. Dort dürfte vor allem der Auftritt von Markus Rehm am Freitag kommender Woche im Fokus stehen, bei der Eröffnungsfeier wird er die deutsche Flagge tragen. Der Leverkusener, der einseitig unterschenkelamputiert ist, hat es mit seiner Karbonprothese auf eine Weitsprung-Bestleistung von 8,40 Metern gebracht, mit seinem - bislang vergeblichen - Kampf um eine Olympia-Teilnahme ist er weit über den Para-Sport hinaus bekannt geworden. „Das Ganze ist noch nicht zu Ende“, sagte er kurz vor dem Abflug und fügte mit Blick auf das Verhältnis von paralympischem und olympischem Sport hinzu: „Vielleicht schaffen wir es, dass man sich noch näher kommt.“

          Auf einer anderen Ebene hatte sich das IPC vor den Spielen auf bemerkenswerte Weise vom Internationalen Olympischen Komitee, dem es per Kooperationsvertrag verbunden ist, abgehoben: mit der Entscheidung, das russische Team wegen der Erkenntnisse aus dem McLaren-Report zum staatlich orchestrierten Doping komplett auszuschließen. Bis zuletzt kämpften russische Athleten vor verschiedenen juristischen Instanzen darum, doch noch ein Zulassung zu bekommen - vergeblich. Die Hochachtung, die dem IPC und vor allem Sir Philip für seine Haltung aus der Sportwelt zuteilgeworden war, stand in geradezu groteskem Kontrast zur prekären Lage der Spiele selbst: Erst erschienen die Paralympier wie die Retter des Fairplay, dann mussten sie selbst gerettet werden. Die Erleichterung, dass das gelang, dürfte gewaltig sein.

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