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Paralympics : Das Volk spielt mit

  • -Aktualisiert am

Plötzlich Stimmung im Olympiapark: Besucherrekorde rund um das paralympische Logo Bild: dpa

Der Stimmungsumschwung ist verblüffend. Gerade noch waren die Paralympics gefährdet. Nun hat Rio plötzlich Spaß. Die latente Beklemmung der olympischen Tage ist Begeisterung gewichen.

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          Erstaunliches hört man aus Rio de Janeiro. Das, was den Olympischen Spielen im August fehlte, wird nun bei den Paralympics Wirklichkeit. Die latente Beklemmung der olympischen Tage ist der Begeisterung gewichen. Das Volk spielt mit. Es werden Schlangen vermeldet am Eingang zum Olympiapark in Barra, Besucherrekorde am zentralen Stadien-Komplex und eine permanente Selfie-Orgie am paralympischen Logo.

          Über den spektakulären Radweg entlang der Küste sausen jetzt Rollstuhlfahrer, an der Copacabana gibt es spontane Fan-Versammlungen, die Ränge sind meistens voll besetzt, und das Beste: Die brasilianischen Zuschauer feuern nicht mehr nur chauvinistisch ihre Landsleute an, sondern alle. Und wenn nötig, sind sie sogar bereit, sich zusammenzureißen. Wenn die blinden Kicker am Ball sind, die akustischen Signalen folgen müssen, dann schreit keiner herum. Pssst! Man hat Respekt. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert böse Zungen, die behaupteten, die Olympischen Spiele wären nur eine Generalprobe für die Paralympics gewesen.

          Der Stimmungsumschwung ist verblüffend. Gerade noch waren die Paralympics gefährdet. Olympia, so hieß es, habe ihnen das Geld abgegraben. Eine kurzfristige öffentliche Finanzspritze brachte die Rettung. Jetzt hat Rio plötzlich Spaß. Woher das wohl kommt? Wichtigster Grund: Die Eintrittspreise sind gesenkt worden, die Tickets sind auch für einfache Leute erschwinglich. Schon für 2,80 Euro kann man den Olympiapark betreten, die Stimmung atmen und die Konzerte hören.

          Ein Zustand der Nicht-Perfektion

          Darüber hinaus könnte man das brasilianische Paralympics-Phänomen zum Anlass nehmen, einmal über den Perfektionismus des olympischen Hochleistungssports nachzudenken. Damit soll nicht angedeutet werden, dass die Behindertensportler nicht genauso besessen trainierten wie die Olympiastarter oder weniger an Form und Material feilten. Weltrekorde fallen ohne Unterlass - und gedopt wird leider auch. Aber Tatsache ist, dass für Behindertensportler am Anfang nicht das körperliche und psychische Supertalent steht, sondern ein Handicap. Ein Zustand der Nicht-Perfektion, den sie hinnehmen und in ihre Bemühungen einbeziehen müssen. Solche Zwänge kann jeder nachvollziehen - die Brasilianer mit ihrem von wirtschaftlichen und sozialen Problemen geprägten Alltag sowieso.

          Auch sie wissen: Wer sich auflehnt, verliert meistens nur unnötig Energie, wer aber seine Limitierung überwindet, gewinnt enorme Kraft. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich niemand mehr über die Unterbringung, das Essen oder das Transportsystem beklagt, obwohl nicht anzunehmen ist, dass sich im Vergleich zu Olympia viel daran verbessert hat. Aber zur Not geht es eben auch so.

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