https://www.faz.net/-gtl-8lfrc

IPC-Chef Craven im Interview : „Die Paralympics bewirken einen Wandel“

  • -Aktualisiert am

Völlig normal: Das Rollstuhlrennen über 800 Meter bei den Paralympics in Rio Bild: AFP

Die Paralympics in Rio begeistern Brasilien fast mehr als das olympische Original. Im Interview spricht IPC-Chef Sir Philip Craven über die plötzliche Volksnähe, der Alarmstufe Rot vor wenigen Wochen – und die Abwesenheit von Thomas Bach.

          5 Min.

          Wir sitzen hier an der Lagune Rodrigo de Freitas, Jesus schaut vom Corcovado über uns hinab, die Stimmung bei den Kanu-Wettbewerben ist prächtig - sind es jetzt doch die Spiele, die Sie sich als Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees erträumt haben?

          Das kann man schon so sagen. Wir hatten hier sicher große Schwierigkeiten. Aber wie meine Frau sagt: Halte dich nicht mit der Vergangenheit auf, atme die Gegenwart ein und schaue nach vorn. Ich wusste, dass der paralympische Geist eine Verbindung mit dem Geist der Cariocas würde eingehen können – und dass dann die Spiele gelingen würden.

          Es ist ein regelrechter Wandel zu beobachten, von Spielen, für die sich niemand interessierte, zu Spielen des Volkes, wie es hier heißt - mit besserer Atmosphäre als bei Olympia...

          Das ist etwas, was die Medien immer gern tun: vergleichen, ein eigenes Rennen laufen, Gold und Silber verteilen. Daran beteilige ich mich nicht. Es ist wunderbar, dass so viele Familien hier sind, das war auch in London schon so. Einen Wandel sollen die Paralympics in den Städten, in den Ländern bewirken, in denen sie stattfinden. Oder auch dort, wo man sie sehen kann. Noch nie sind die Spiele in so viele Nationen übertragen worden wie dieses Mal. Allein, dass in Ungarn zum ersten Mal die Eröffnungsfeier übertragen worden ist, hat das Land transformiert. Was mehr soll man wollen?

          Sir Philip Craven bei seiner Eröffnungsrede der Paralympics

          Vor ein paar Wochen waren die Spiele von Rio kein Traum, sondern ein Albtraum. Was ist seitdem passiert?

          Vor acht, neun Wochen war es ein Desaster. Es war praktisch kein Geld mehr da, und der CEO der Spiele, Sidney Levy, sagte unserem CEO, Olympia braucht Geld, Olympia bekommt das wenige Geld, das noch übrig ist, und es wird kein Geld für die Paralympics mehr da sein. Wir fragten uns, was wir tun sollten. Und warum zum Teufel wir das nicht sechs Monate früher erfahren haben oder vor einem Jahr, als diese Entwicklung sich auch schon angedeutet haben musste. Mich ärgert es einfach, wenn es in puncto Kommunikation so ein Defizit gibt, insbesondere, wenn es um die wichtigsten Partner bei so einem Event geht, das Internationale Olympische Komitee (IOC) und uns.

          Fühlten Sie sich brüskiert?

          Wütend trifft es eher, oder frustriert. Aber es bringt nichts, damit zu hadern, wir beim IPC packen lieber an. Also haben wir Kontakt zur Bundesregierung und zum Bürgermeister von Rio aufgenommen, um neue Ressourcen aufzutun. Aber dann gab es rechtliche Probleme, die den Fluss des Geldes stoppten. Das hat sich hingezogen. 60 Prozent der Reisezuschüsse sind erst in der letzten Woche gezahlt worden. Uns war wichtig, sicherzustellen, dass keine Mannschaft deswegen würde zu Hause blieben müssen. Das australische NPC hat zwei oder drei Inselstaaten im Pazifik unterstützt, indem es Geld vorgestreckt hat. Das ist etwas, was die paralympische Bewegung auszeichnet, wir sind Teamplayer.

          Hat das IOC Hilfe angeboten, als die Krise auf ihrem Höhepunkt war?

          Sie waren bereit auszuhelfen, insbesondere, was die Reisezuschüsse betraf. Das haben wir zu schätzen gewusst. Aber am Ende waren wir in der Lage, den Transfer der Mittel aus anderen Quellen zu ermöglichen, und mussten von dem Angebot keinen Gebrauch machen.

          Stand das IOC vertraglich oder moralisch in der Pflicht?

          Ich muss ehrlich sagen, dass ich es aus dieser Perspektive vorher nie betrachtet hatte, aber es ist keine vertragliche Verpflichtung, man könnte es schon eher moralisch nennen - oder einfach als Ausdruck der Partnerschaft, die wir mit dem IOC haben. So verhält man sich unter Partnern, wenn einer in Schwierigkeiten gerät. Und so etwas ist auch ein Test für eine Partnerschaft.

          Dennoch: Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass es mit der Beziehung zum IOC derzeit zum Besten steht.

          Ja, es gab gewisse Spannungen...

          Wegen des Umgangs mit den russischen Athleten, die das IPC, anders als das IOC, komplett von seinen Spielen ausgeschlossen hat?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.