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Begeisterung bei Paralympics : Gold für kleines Geld

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Die Brasilianer haben ihre Herz für die Paralympics entdeckt. Bild: dpa

Rio entdeckt die Paralympics: Besonders mit denjenigen, die es selbst nicht so leicht haben, können sich die krisengebeutelten Brasilianer identifizieren. Doch es gibt es weitere Gründe, warum die Stimmung so ausgelassen ist.

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          Dort, wo vor ein paar Tagen noch der martialische Auftritt der Sicherheitskräfte dem olympischen Geist einen Schrecken einjagte, hat sich eine Blumenverkäuferin ein Plätzchen gesucht. Auch der Lärm der über der Stadt kreisenden Hubschrauber ist weg. Die Festung Olympia gibt es nicht mehr. Zumindest nicht mehr auf den ersten Blick. Nur ein paar hyperaktive Zöllner nehmen den Einreisenden Fingerabdrücke ab, noch bevor sie ihren Reisepass zücken können. Ganz ohne Sicherheitsapparat geht es auch bei den Paralympics nicht, die noch bis zum 18. September Rio de Janeiro in ihren Bann ziehen.

          Gelassener und sympathischer geht es zu in der Stadt, in der im August noch alles eine Spur zu hektisch, zu gezwungen und zu dogmatisch erschien. Mit den Paralympics aber können sich die Cariocas, die Einwohner, anfreunden. Stimmt die Prognose, die Rios größte und einflussreichste Tageszeitung „O Globo“ am Samstag wagte, dann strömen an diesem Wochenende mehr als 300.000 Menschen in den Olympiapark. Das wären mehr als am ersten olympischen Wochenende. Rekordverdächtig sei das, kommentiert „O Globo“. Und eine schallende Ohrfeige für die Olympia-Manager, die das Kaufverhalten ihrer Landsleute völlig falsch eingeschätzt hatten.

          Die ganze Wucht der Entlastung

          Für die Begeisterung gibt es vor allem zwei Gründe. „Die Eintrittskarten sind billiger“, sagt Washington Santos, der sich gleich für vier Wettbewerbe an diesem Wochenende Tickets besorgt hat. Und die Wettbewerbe sind leichter zu erreichen. Denn die inzwischen schon legendäre „Linha 4“ der Metro hat ihren Dienst erweitert und bringt einen Großteil der Menschen nach Barra. Erst wenn die Paralympics beendet sind, wird die neue U-Bahn-Strecke ihre ganze Wucht der Entlastung entfalten, denn dann wird sie von sechs bis 21 Uhr für den Publikumsverkehr freigegeben. Doch schon jetzt sorgt sie für Entlastung.

          Das Bussystem BRT hat sein Intervall auf 30 Sekunden erhöht, um den Massenansturm des Wochenendes bewältigen zu können. Und dass auch die bisweilen aggressiv zu Werke gehenden Polizeieskorten, die noch im August Schneisen für prominente Delegationen in den Verkehr schlugen, aus dem Straßenbild verschwunden sind, tut der Atmosphäre gut. Vor allem aber sind es die brasilianischen Stars, die eine prächtige Stimmung auf den Rängen auslösen. Sogar einen paralympischen „Neymar“ haben die brasilianischen Medien ausgemacht. Weil Daniel Martens dem Fußballstar so ähnlich sieht, haben ihn die Zeitungen nach dem Sieg im 400-Meter-Lauf (T20) „laufender Neymar“ getauft.

          Die blinde Judoka Lucia Teixeira erkämpfte sich Silber und die Brasilianer bejubeln sie begeistert.

          Damit wird er jetzt für den Rest seines Lebens auskommen müssen – oder dürfen. Bilder von den Tränen des Goldmedaillengewinners auf den Titelseiten der Zeitungen rühren seine Landsleute. Es sind diese Momente, die eine Verbindung schaffen zwischen dem einfachen Mann auf der Straße und den Athleten. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich viele Brasilianer viel schneller mit Sportlern identifizieren können, die es auch nicht so einfach haben im Leben. Das war beim Siegeszug von Lucia Teixeira zu sehen. Die sehbehinderte Judoka brachte die Arena Carioca 3 zum Beben. Den Gewinn der Silbermedaille feierten die Zuschauer begeistert.

          An der Avenida Atlantica, der sechsspurigen Verkehrsachse am Copacabana-Strand, beherrschte die ausgelassene Stimmung beim Triathlon das Straßenbild. Tausende Fans hatten sich ein Plätzchen an der Strecke gesichert. Hier erleben sie die Paralympics zum Anfassen, das lassen sich die Cariocas auf einer Straße, die immer wieder sonntags für den Freizeitsport gesperrt wird, nicht entgehen. Donovan Ferreti, der für den Ticketverkauf zuständige Manager des Organisationskomitees, macht vor allem die brasilianischen Erfolge für die Begeisterung verantwortlich. „Wir sind ausverkauft“, sagte Ferreti mit Blick auf das erste Wochenende: „Mit einem Brasilien, das jeden Tag Gold gewinnt, wächst das Interesse an den Spielen, und auch die Unentschlossenen greifen jetzt zu.“ Und damit setzt eine Sogwirkung ein.

          Diejenigen unter den Cariocas, die den Wettbewerben bislang die kalte Schulter zeigten, befürchten, dass sie etwas verpassen könnten, wenn sie bei den ersten Spielen auf südamerikanischem Boden zu Hause bleiben. Inzwischen rechnet das OK mit dem zweitbesten Ergebnis in der Geschichte der Paralympischen Spiele. In London 2012 waren 2,3 Millionen Eintrittskarten verkauft worden. Beim Ticketverkauf half ein kluges Preisgefüge: Schüler, Studenten und Rentner zahlen reduzierte Eintrittspreise. Im August noch hatten die Brasilianer wegen der hohen Preise für die Spiele um Sprinterstar Usain Bolt die Finger von den Karten gelassen.

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