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Paralympics : Dopingfall Oelsner: Test eindeutig - Reaktionen gespalten

  • Aktualisiert am

Thomas Oelsner: „Jeder weiß, dass ich ein absolut fairer Sportler bin.” Bild: dpa

Der Athlet wurde von den Paralympics ausgeschlossen, aber die deutsche Teamleitung ist „von seiner Unschuld überzeugt.“

          Missverständnis, Dummheit oder Sabotage, der Dopingfall Thomas Oelsner hat die heile Welt der Paralympics auf den Kopf gestellt.

          „Wir sind von der Unschuld unseres Athleten überzeugt und werden kämpfen, um sie zu beweisen“, sagte der deutsche Chef de Mission, Karl Quade, nachdem das Exekutivkomitee des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) Oelsner wegen Missbrauch des anabolen Steroids Methenolon vom weiteren Verlauf der Spiele in Salt Lake City ausgeschlossen hatte.

          Oelsner muss Paralympisches Dorf verlassen

          Laut Kapitel 10 des Anti-Doping-Codes der IPC musste der 31-Jährige die im Biathlon und Skilanglauf gewonnenen Goldmedaillen sowie seine Akkreditierung zurückgeben und das Paralympische Dorf in Salt Lake City verlassen. Zudem wurde er vom IPC mit einer zweijährigen Wettkampfsperre belegt.

          Oelsner ist der erste behinderter Sportler, der bei Winter-Paralympics des Dopings überführt wurde. Dass es ausgerechnet einen deutschen Athleten erwischte, schockte Sportler wie Funktionäre des Deutschen Behindertensport- Verbandes (DBS).

          Dopinggegner Oelsner wollte Dopern „auf die Fresse hauen“

          Oelsner war nach der Doping- Mitteilung zusammengebrochen. Team-Sprecher Jens Zimmermann verlas in seinem Namen eine Erklärung. „Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass diese Anschuldigungen wahr sind. Ich habe meine Leistungsfähigkeit niemals mit irgendeinem Medikament gefördert“, so Oelsners Statement: „Jeder weiß, dass ich ein absolut fairer Sportler bin.“

          Ausgerechnet Oelsner, der sich als Mannschaftssprecher immer für die Belange der ganzen Truppe einsetzte, gedopt? Erst vor zwei Tagen hatte er im Zusammenhang mit dem Dopingvergehen seines ehemaligen Team-Kollegen Johann Mühlegg seine Philosophie drastisch veranschaulicht: „Wenn ich wüsste, dass der auf dem Siegerpodest vor mir gedopt ist, würde ich hingehen und ihm auf die Fresse hauen.“

          Heim-Trainer Menz geschockt

          „Dass Thomas gedopt war, glaube ich erst, wenn er es mir ins Gesicht sagt. Ich kann es nicht glauben, weil ich weiß, wie hart er trainiert und in welch guter Form er war. Er hätte das gar nicht nötig gehabt“, sagte sein Oberhofer Heim-Trainer Siegfried Menz.

          Menz betreut Oelsner seit 13 Jahren, zunächst als Nordischen Kombinierer, nach dem Motorrad-Unfall als Behindertensportler. Der Lehramtsstudent wisse genau, dass solche Manipulationen auffliegen würden und würde sie schon aus diesem Grund nicht anwenden. „Außerdem schätze ich Thomas als fairen Sportsmann, der nicht betrügt“, fügte Menz hinzu.

          Einmalige Einnahme in Tablettenform

          Die bei Oelsner nach dem Biathlonrennen am Freitag entnommene Urinprobe wies eine starke Konzentration von Methenolon auf, das vornehmlich im verschreibungspflichtigen Primobolan zu finden ist - einer Arznei, die bei der Tumor-Behandlung Anwendung findet. Zwei Tage später lagen Oelsners Werte nach Auswertung der Urinprobe wieder im grünen Bereich, Rest-Metaboliden wurden aber noch gefunden.

          „Aufgrund des schnellen Abbaus des Medikaments können wir davon ausgehen, dass das Anabolikum dem Körper nur einmalig und in Form einer Tablette zugeführt wurde“, sagte Mannschaftsarzt Dr. Andreas Schmid, der am Dienstagmorgen gemeinsam mit Oelsner und Quade drei Stunden lang versucht hatte, der medizinischen Kommission des IPC die offensichtlichen Ungereimtheiten vor Augen zu führen.

          „Nur ein Idiot würde Methonolon nehmen“

          „Die Einnahme von Methonolon ist absolut irrsinnig. Es bringt dem Athleten kurzfristig keinen Wettbewerbsvorteil und kann von jedem Labor völlig problemlos drei bis zehn Tage lang im Körper nachgewiesen werden.“ DBS-Pressesprecher Thomas Rugo wurde deutlicher: „Nur ein Idiot würde versuchen, sich damit zu dopen.“

          Quade stellte sich vor seinen Athleten: „Wir lassen ihn nicht fallen.“ An Spekulationen über eine Verschwörungstheorie wollten er sich jedoch nicht beteiligen. „Wir erkennen die Ergebnisse und die Arbeit des Labors in Los Angeles an“, sagte Quade, der aber den Gang in die Berufung und die innerhalb von sieben Tagen zu beantragende Öffnung der B-Probe ankündigte.

          Verena Bentele widmete Oelsner weinend ihre Goldmedaille

          Hinter der Bühne wurde gefahndet, wie die verbotene Substanz in Oelsners Körper geraten sein könnte. „Rechnerisch muss es vor den Spielen bei unserer Höhenanpassung im Homestead Resort nahe Soldier Hollow passiert sein“, meinte Quade. Die deutschen Athleten teilten sich das Hotel mit mehreren ausländischen Mannschaften. Sabotage-Vermutungen wurden nicht geäußert - zumal alle anderen deutschen Medaillengewinner negativ waren.

          Ihnen war die Feierstimmung über ihre drei Gold- und vier Bronzemedaillen an diesem Tag aber vergangen: „Ich bin völlig fertig. Ausgerechnet Ölse, der für mich mehr ist als ein Freund“, sagte Frank Höfle, der erfolgreichste Paralympier der Welt. Die blinde Läuferin Verena Bentele widmete Oelsner weinend ihre gerade gewonnene dritte Goldmedaille.

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