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Vancouver ganz unten : Die Spiele der Armut

  • -Aktualisiert am

Armes Vancouver: Obdachlose übernachten in einer Kirche Bild: dpa

Vor den Olympischen Winterspielen machen die Armen der Stadt auf sich aufmerksam - mit Party und Protest. Denn mehr als 2000 Menschen in der Metropole am Pazifik sollen obdachlos sein, und es werden immer mehr.

          Der Präsident hat sich herausgeputzt, ein bisschen zumindest. Ein Mann wie Jock Rogue ist sich das schuldig. Er ist sportlich gekleidet, er trägt eine Art Kapitänsmütze, an ihr kann man schon erkennen, dass Rogue ein besonderes Anliegen hat. Sie hat einen Aufdruck, der fünf Handschellen zeigt, die wie die olympischen Ringe angeordnet sind. Rogue heißt eigentlich Hendrik Beune, aber weil er dem Widerstand in der Olympia-Stadt Vancouver angehört, legte er sich einen Namen zu, der jenem von Jacques Rogge ähnelt – und gleichzeitig „Schurke“ bedeutet.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          So karikiert Rogue nun mitten im Bezirk Downtown Eastside, dem Viertel der Armen und der Drogensüchtigen, den Chef des Internationalen Olympischen Komitees. Rogue und seine Mitstreiter haben sich in der Japanese Hall eingefunden, mehrere hundert Personen sind gekommen, und Rogue sitzt natürlich in der ersten Reihe. Eigentlich, sagt er, habe er ja nichts gegen die Olympischen Winterspiele. Aber Olympia bietet ihm und seinen Genossen eine gute Plattform, um die sozialen Missstände in Vancouver anzuprangern – die Aufmerksamkeit auch internationaler Beobachter ist schließlich garantiert. Deswegen finden in der Japanese Hall, einem schmucklosen Bau mit verdunkelten Fenstern, die „Poverty Olympics“ statt, die Spiele der Armut. In der dunklen Ecke Vancouvers entsteht eine eigenartige Mischung aus Party und Protest.

          Eine satirische Aufführung, ein Kampf Arm gegen Reich

          Die Demonstranten in Downtown Eastside fordern von den Behörden mehr Unterstützung für jene, die am Rande der Gesellschaft leben. Das ist in Vancouver eine beträchtliche Gruppe. Mehr als 2000 Menschen in der Metropole am Pazifik sollen obdachlos sein, und es werden immer mehr. So werden bei den „Poverty Olympics“ Plakate mit Aufschriften wie „Homes not Games“ hochgehalten: Unterkünfte statt Spiele. Ein anderer Slogan der Bewegung lautet: „End Poverty“, schafft die Armut ab, „es ist kein Spiel“. Einige der Anwesenden sind deutlich gezeichnet vom Leben, dazu zählt auch der „Vorsitzende“ Rogue, dessen Zähne in einem miserablen Zustand sind. Die Organisatoren von „Poverty Olympics“ verteilen Bananen und Sandwiches; jeder kann sich kostenlos bedienen, solange der Vorrat reicht. Eine Kapelle, kostümiert wie im Karneval, bringt gehörig Bewegung in die Menge. Nach ihrem Auftritt gibt es auch noch Sport, zum Beispiel Eishockey, das auf einer kleinen Bühne ohne Puck gespielt wird. Es ist eine satirische Aufführung, ein Kampf Arm gegen Reich. Die kanadische Nationalhymne wird mit einem verfremdeten Text gesungen, es ist eine einzige Anklage gegen die Regierung: „Oh Kanada, lade die Welt ein, damit sie eine Viertelmillion Seelen sehen kann, arm und frierend.“

          Olympia bietet eine gute Plattform, um die sozialen Missstände in Vancouver anzuprangern

          Vancouver gilt als äußerst attraktive Stadt. Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ glaubt sogar, dass es nirgendwo auf der Welt eine höhere Lebensqualität gibt als an der Westküste Kanadas. In diesem Reiz steckt aber auch eine Gefahr. Die Metropolregion Vancouver hat inzwischen mehr als zwei Millionen Einwohner. Die Zahl der Zuwanderer war in den vergangenen Jahren so groß, dass die Mieten rapide gestiegen sind – und Existenzen damit vernichtet wurden. Das Problem sei, heißt es, „dass viele hier nur einen Gehaltsscheck davon entfernt sind, ihre Wohnung zu verlieren“. In Vancouver, das wegen seiner hohen Kriminalitätsrate bisweilen auch als „Kanadas Sizilien“ bezeichnet wird, ist Mittellosigkeit damit zu einem zentralen Thema geworden. Bettler sind allgegenwärtig in der Stadt.

          „Creepy“ die Kakerlake

          Vancouver und die Provinz British Columbia hatten zwar bei der Bewerbung um Olympia angekündigt, für Hilfe sorgen zu wollen. Die Bedürftigen sollten erschwingliche Quartiere erhalten, sogar über die Apartments im Olympischen Dorf war dabei gesprochen worden. Sie werden aber vermutlich, aus Kostengründen, dem Mittelstand vorbehalten bleiben.

          In der Japanese Hall wird auch an die Versprechungen der Politiker erinnert. Es ist immer wieder von „Schande“ die Rede, es gibt Buh-Rufe. Vermutlich traut hier kaum jemand Bürgermeister Gregor Robertson, der angekündigt hat, die Obdachlosigkeit in Vancouver bis 2015 zu beenden. Die Polizei ist vor der Japanese Hall kaum präsent; sie ahnte wohl, dass die „Poverty Olympics“ friedlich verlaufen würden. In einigen Tagen, wenn die Winterspiele eröffnet werden, könnte das anders sein. Dann nämlich wollen Olympia-Gegner, die sich im „Olympic Resistance Network“ zusammengefunden haben, in Vancouver mobil machen. Mit einem Aufruf, der keinen Zweifel an ihrem Ansinnen lässt: „Herzinfarkt 2010: Verstopft die Arterien des Kapitalismus.“ Dem Marsch werden sich wahrscheinlich auch Gruppen der Ur-Einwohner Kanadas, der First Nations, anschließen, die behaupten, die Olympischen Winterspiele würden auf „gestohlenem Land“ ausgetragen werden.

          Es wird wohl eine andere Welt sein als jene in der Japanese Hall, wo die Gestrandeten für ein paar Stunden ihrem Ärger Luft machen, ohne ein Sicherheitsrisiko darzustellen, wo sie auch ein bisschen feiern, trotz des tristen Alltags. Ja, es gibt bei den „Poverty Olympics“ sogar drei Maskottchen: „Creepy“, die Kakerlake, „Chewy“, die Ratte, „Itchy“, die Wanze. Das ist Vancouver ganz unten.

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