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Streusalz : Schlechte Zeiten, ganz schlechte Zeiten

Streusalz - die FAZ.NET-Kolumne zu den Olympischen Winterspielen Bild: Bernd Helfert

Die erste Halbzeit ist zu Ende und Olympia führt 2:0 gegen Fußball. Dank Schützenkönigin und Gold-Marie sind Biathlon und Ski alpin im medialen Hoch. Doch was ist eigentlich aus Zickenkrieg und Zeugmachen geworden?

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          Die erste Halbzeit ist zu Ende und Olympia führt 2:0 gegen Fußball. Wenn das mal keine Überraschung ist. Aber eine positive: bei den Spielen von Vancouver zeigt sich, dass praktisch jede Sportart eine Fernsehsportart sein kann - wenn nur die Zutaten stimmen: eine spannende Inszenierung und die Hoffnung auf einen deutschen Erfolg.

          Die aktuellen Sieggaranten für den olympischen Sport in ARD und ZDF sind Schützenkönigin Neuner und Gold-Marie Riesch. Wenn die eine lächelt und schießt und die andere wedelt und lächelt, können selbst die Münchner Bayern beim neuen Champions-League-Sender Sat.1. nichts ausrichten. Ganz zu schweigen von der internationalen zweiten Liga, genannt Europa League. Die Milchmädchen-Rechnung, man müsse nur einen alternden Mittelstürmer einkaufen, und schon würden die Zahlen stimmen, mag zwar beim Hamburger SV mit Ruud van Nistelrooy noch aufgegangen sein, bei Sat.1 mit Johannes B. Kerner bislang freilich nicht.

          Was ist aus Skispringen und Eisschnelllaufen geworden?

          Auffallend am Alpin-Hoch: nicht nur die aparte Maria Riesch, sondern auch die strahlende Schönheit Lindsey Vonn besetzt eine positive Rolle. Es gibt keine dunkle Stiefschwester in dieser freundschaftlichen Konkurrenzsituation - höchstens Nebenschnee-Schauplätze wie Schuhrandprellung und die angebliche Eiszeit zwischen den Freundinnen. Beide haben einmal enttäuscht und einmal Gold gewonnen: Wenn das keine Win-Win-Situation ist zwischen den Hauptattraktionen.

          Da stellt sich die Frage: Was ist aus den guten alten Zickenkriegen geworden? Claudia Pechstein und Anni Friesinger waren einst in Salt Lake City und auch später noch die Rivalinnen der Eisbahn: Dieser Ost-West-Konflikt wurde noch mit Wut, Tränen und Körbchengrößen geführt. Heute ist der Kufen-Kampf nur noch ein schwacher Abklatsch: „Schlechte Zeiten, ganz schlechte Zeiten“. Die eine kämpft gegen die Fliehkraft, die andere nur noch vor Gericht. Und keiner kümmert sich mehr ums Eisschnelllaufen - außer Wolf-Dieter Poschmann.

          Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören

          Und erinnert sich noch jemand daran, dass einst zehn Millionen Deutsche Skispringer im Geiste waren? Als Sven Hannawald noch sein Zeug machte, jene geistartige Gestalt, dessen größte öffentliche Leistung neben dem Sieg aller vier Springen bei der Vierschanzentournee das öffentliche Verzehren einer Leberwurststulle war? Nachdem ihm das alles zu viel geworden war, zog es ihn zurück ins Private. Wo es offenbar langweilig wurde, denn von dort funkt er jetzt immer mal wieder S.O.S.: Skispringer ohne Sendezeit. Sein einstiger Schanzen-Spezi Martin Schmitt ist damals auf dem Bakken sitzen geblieben - aber so springt er auch heute noch. Weshalb keiner mehr richtig mitfiebert.

          Und die Rand-Randsportarten? Seifenoperverdächtig hätte die Geschichte der Curling-Brüder Kapp sein können - Kain warf Abel (oder war es umgekehrt) aus dem Steinschieber-Team für Olympia. Aber gut, ist halt nur Curling. Der öffentliche Aufschrei blieb aus. Frauen-Skip Andrea Schöpp versucht sich nun als Pech-Marie: Nicht nur, dass sie beim Spielen immer guckt, als wolle sie die Gegner vergiften, nun neidet sie auch noch Maria Riesch ihr Gold und verkündet es live im Fernsehen: doch Schöpp hat nicht das Zeug zur Quoten-Queen.

          Da lobt man sich doch die beiden zünftigen Doppel-Rodler Patric Leitner und Alexander Resch. Die einstigen Olympiasieger jubelten so mitreißend über die Bronzemedaille im allerletzten Rennen ihrer Karriere, dass man sich kaum satt sehen konnte an ihrer überschäumenden Freude. Spontan wollte man sie zum Weiterrodeln überreden. Doch halt, die beiden Bayern machen es genau richtig: Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Um mit einem guten Bild in Erinnerung zu bleiben. Denn lange wird's nicht dauern, dann wird der Fußball doch wieder in Führung gehen.

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