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Diplomatischer Olympia-Boykott : „Keine Plattform für Propagandaspiele bieten“

Ein politischer Schlagabtausch: die USA, China und die Olympischen Spiele in Peking Bild: PantherMedia / Boris Zerwann

Die Entscheidung der Amerikaner, keinen Politiker zu den Winterspielen nach Peking zu schicken, stößt in Deutschland auf Zuspruch und schürt die Kritik am IOC: Ein Athletensprecher spricht von einer „schallenden Ohrfeige“.

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          Am Dienstagmittag, als Thomas Bach die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zur drei Nachmittage währenden virtuellen Sitzung bat, hatte der IOC-Präsident alles aus seiner Sicht Wesentliche zu den Nachrichten aus Washington gesagt. Der diplomatische Boykott, den Joe Biden seine Sprecherin Jen Psaki am Montagmittag hatte mitteilen lassen, sei „eine politische Diskussion“, hatte Bach der Deutschen Presse-Agentur gesagt: „Auch in dieser Frage ist das IOC politisch neu­tral.“ In der Sitzung der Exekutive stand der „Bericht XXIV. Olympische Winterspiele Peking 2022“ als dritter Tagesordnungspunkt auf der Agenda.

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          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die – niemanden mehr überraschende – Ankündigung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, von Staats wegen die Winterspiele in Peking vom 4. bis zum 20. Februar zu ignorieren, um ein Zeichen zu setzen gegen den „anhaltenden Völkermord und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Xinjiang sowie andere Menschenrechtsverletzungen“ der Gastgeber, während man die amerikanischen Sportler bei den Wettkämpfen von daheim unterstütze, diese „rein politische Diskussion“, zu der Bach nichts sagt, ist für die chinesischen Gastgeber der Spiele der Versuch der Amerikaner, „den Sport zu politisieren“.

          Die Machtverhältnisse im IOC

          Ob Yu Zaiqing das auch so sieht? Bachs Vizepräsident, einer von vier, war zwischen 1999 und 2011 im Rang des Vizeministers für die Generalverwaltung des Sports für Chinas Staatsführung tätig, parallel zur Mitgliedschaft im IOC, in dessen Exekutive und auch in führender Position bei der Vorbereitung der Sommerspiele 2008 in Peking. Am Tag, an dem der di­plomatische Boykott der Amerikaner ausgesprochen war und die Chinesen ebenso wenig überraschend mit dem Evergreen von der Politisierung des Sports antworteten, ist Yu Zaiqing vielleicht die Person, dessen Parallel-Karriere in Staat und IOC am besten zeigt, wie auch Einzelne von der Politisierung des Sports profitieren. Zugleich spiegelt Yu Zaiqing die Machtverhältnisse im IOC: Aus den Vereinigten Staaten sitzt im Moment niemand in dessen Exekutive.

          Und in Deutschland, in Europa? „Die Menschenrechtsverletzungen in China sind auch für uns als Sportdachverband definitiv ein Thema“, sagte Thomas Weikert, der neue Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. „Wir sind seit Beginn des Jahres mit Menschenrechtsorganisationen und Politik im Austausch“ – um die deutschen Olympiateilnehmer informieren zu können. Der diplomatische Boykott sei „ein Ball, der im Spielfeld der Politik liegt, das akzeptieren und respektieren wir“.

          Maximilian Klein, bei Athleten Deutschland zuständig für internationale Sportpolitik, sagte gegenüber der F.A.Z., der diplomatische Boykott setze „ein Zeichen gegen die desaströse Menschenrechtslage im Land und macht klar, dass der chinesischen Staatsführung keine Plattform für deren Propagandazwecke geboten werden soll“. Die Entscheidung der USA sei „eine schallende Ohrfeige für das IOC und seine unverantwortliche Vergabepraxis“. Künftig müsse die internationale Staatengemeinschaft darauf hinwirken, dass „internationale Sportorganisationen wie das IOC endlich ihrer menschenrechtlichen Verantwortung in der Welt des Sports nachkommen und sich solche Situationen nicht wiederholen“.

          Reinhard Bütikofer, Europaabgeordneter der Grünen, verwies im „Deutschlandfunk“ darauf, dass seiner Kenntnis nach überhaupt keine Politiker angemeldet sind und die Meldefrist, mit der sie über den Deutschen Olympischen Sportbund einen Besuch hätten anmelden können, bereits verstrichen sei. „Es ist im Moment anscheinend so, dass auch aus Deutschland niemand zur Olympiade (sic) nach Peking fahren wird, der unser Land diplomatisch vertritt.“

          „Verbrechen dürfen nicht normalisiert werden“

          Bütikofer hatte vor 14 Tagen gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Beschluss des Europäischen Parlaments aus dem Sommer verwiesen, der einen diplomatischen Boykott fordert. „Die Sportlerinnen und Sportler, die jahrelang für Olympia trainiert haben, kann und darf man nicht zur Zielscheibe der Kritik machen, so sehr ich die besonders schätze, die sich auch kritisch äußern“, hatte Bütikofer in der letzten November-Woche gesagt, als sich der amerikanische Schritt bereits deutlich abzeichnete. Das „falsche Signal des Appeasement“ würden Politiker durch ihre Teilnahme setzen: „Deshalb bin ich für einen diplomatischen Boykott. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit seitens der Führung der Volksrepublik dürfen nicht normalisiert werden.“

          Der Umgang der chinesischen Staatsführung mit der Tennisspielerin Peng Shuai spielt bei der Begründung des diplomatischen Boykotts keine Rolle. Thomas Bach hatte seine Verhalten im Fall Peng Shuai allerdings im dpa-Interview verteidigt. Er werde in diesem „humanitären Fall“ den „Kontakt pflegen“, über die Winterspiele hinaus. Was auch bedeutet: Die Planungen für die Winterspiele in Peking laufen von dem Fall unbeeinflusst weiter – nach den Vorstellungen des IOC, die sich in wesentlichen Punkten mit denen der chinesischen Regierung decken.

          Juan Antonio Samaranch junior, Organisationschef auf Seiten des IOC, hatte schon im November erfreut festgestellt, dass die Gastgeber ihr Versprechen von 300 Millionen neuen Wintersportlern einhielten – und sich dabei auf die Angaben der Chinesen berufen. Am Mittwoch berät die IOC-Exekutive übrigens auch Bachs Plan namens „Olympic Agenda 2020+5“. Teil dessen ist die umfassende Menschenrechtsstrategie, zu der dem IOC seit März 2020 Empfehlungen vorliegen. Wann sie umgesetzt wird? Jedenfalls erst nach den Spielen von Peking.

          Australien schließt sich Boykott der USA an

          Australien schließt sich dem von den USA beschlossenen diplomatischen Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking an. Das kündigte Premier Scott Morrison am Mittwoch in Sydney an. Für ihn sei diese Entscheidung „keine Überraschung“, fügte er hinzu. Als Grund führte er eine Reihe von Missverständnissen zwischen Canberra und Peking an, darunter Chinas Kritik an Australiens Entscheidung zur Anschaffung von nukleargetriebenen U-Booten.

          Seine Regierung habe wiederum „Menschenrechtsverstöße in Xinjiang und andere Themen“ angeprangert, doch habe die chinesische Regierung keine Gesprächsbereitschaft gezeigt. Australische Sportler sollen jedoch an den Spielen in Peking teilnehmen, betonte Morrison. „Australien ist eine große Sport-Nation, aber ich halte Fragen des Sports und der anderen politischen Angelegenheiten sehr wohl auseinander.“

          Die chinesische Botschaft in Australien kritisierte die Entscheidung in einer Mitteilung. „Wie wir alle wissen, liegt die Schuld an der gegenwärtigen misslichen Lage der chinesisch-australischen Beziehungen eindeutig bei der australischen Seite“, so die diplomatische Vertretung. China fordere Australien nachdrücklich auf, „praktische Maßnahmen zu ergreifen, um günstige Bedingungen für die Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu schaffen.“ Gleichzeitig wünschte die Botschaft den australischen Athleten viel Glück bei den Spielen. Australiens Erfolg bei den Winterspielen hänge von der Leistung der Sportler ab, nicht von der politischen Haltung einiger australischer Politiker, hieß es. (dpa)

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