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Sotschi 2014 : Putins Billionenspiel

Wer zahlt die Zeche? Das Geschäftsmodell Olympia wird in Sotschi nicht aufgehen Bild: dpa

Russlands Präsident rechnet die Kosten für seine Winterspiele klein und den Gewinn groß. Dabei wird Sotschi und seine Bevölkerung den eigentlichen Preis wohl erst nach Olympia zahlen.

          Im Juli 2007 hatte Wladimir Putin noch kein Problem damit, in einem Atemzug über Sotschi und große Zahlen zu reden. Vor der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über die Vergabe der Winterspiele 2014 warb er damals damit, wie viel Russland sich diese Spiele kosten lassen würde: „Wir stellen die riesige Summe von zwölf Milliarden Dollar bereit.“

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          2007 war das Jahr vor der Krise: Hohe Öl- und Gaspreise spülten viel Geld in den russischen Staatshaushalt, das Land sah sich auf dem Weg zurück zur Großmacht, und in allen Umfragen zeigten die Popularitätskurven Putins nach oben. Die Scharfmacher des Kremls feierten es lautstark als Demonstration der Stärke, dass Russland sich ein Olympia-Budget leisten konnte, das ein Vielfaches der unterlegenen Mitbewerber aus Südkorea und Österreich betrug.

          Sechs Jahre später nennt Putin eine andere Zahl: Nur 214 Milliarden Rubel, nicht ganz sieben Milliarden Dollar, kosteten die Spiele, sagte er Anfang September in einem Interview mit dem Ersten Kanal des staatlichen russischen Fernsehens. Seither wird diese Zahl in allen Äußerungen der Regierung zu diesem Thema wiederholt. Der Präsident legt nun Wert darauf, dass Russland für Olympia „nicht mehr Geld ausgegeben hat als irgendein anderes Land“.

          Es sind die Spiele von Wladimir Putin (links, daneben IOC-Präsident Thomas Bach)

          Putins neuer Preis für Olympia ist die Reaktion auf eine andere Zahl, die im Februar diesen Jahres, fast auf den Tag genau ein Jahr vor der Eröffnung der Spiele, in Russland einen Schock hervorgerufen hatte: Die Kosten seien auf 1,5 Billionen Rubel, umgerechnet 50 Milliarden Dollar, gestiegen, berichtete die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Die Quelle des überaus seriösen Blattes: Dokumente der staatlichen Kommission zur Vorbereitung der Spiele.

          Seit Sotschi im Sommer 2007 den Zuschlag für die Winterspiele erhalten hat, ist einiges geschehen: Russland wurde wegen seiner Rohstoffabhängigkeit stärker von der Wirtschaftskrise getroffen als andere große Industriestaaten, Katastrophen wie die Waldbrände des Sommers 2010 haben dramatische Schwächen seiner Infrastruktur und der Leistungsfähigkeit seiner Verwaltung offenbart, in Moskau hat sich nach der gefälschten Duma-Wahl Ende 2011 eine große Protestbewegung gegen Putin formiert; für die Verwirklichung der sozialen Versprechen, die er vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten im Mai 2012 gemacht hat, ist kein Geld mehr da. Und Sotschi und Korruption sind zu einem feststehenden Begriffspaar geworden. Es ist nicht mehr opportun, mit hohen Kosten für die zwei Wochen Olympische Spiele zu protzen.

          214 Milliarden mal x

          Das IOC folgt der Rechnung des russischen Präsidenten. „Das Budget ist angemessen, auch im Vergleich mit Vancouver“, sagt der im IOC für Sotschi zuständige Franzose Jean-Claude Killy. Die Organisatoren der Spiele in Kanada 2010 gaben fast acht Milliarden Dollar aus. Ihre Endabrechnung und vor allem die Behauptung, Olympia in Vancouver sei kostendeckend gewesen, wurden in der kanadischen Öffentlichkeit zwar als geschönt kritisiert, aber die Zahl gibt doch die Größenordnung der tatsächlichen Kosten wieder. Darin sind alle wesentlichen Posten enthalten: die Ausgaben für die Sportstätten, das Olympische Dorf, die Infrastruktur (einschließlich neuer Bahnlinien), Sicherheitsmaßnahmen und die eigentliche Durchführung der Spiele.

          Der Rubel rollt? Ursprünglich hatte Putin nicht so hohe Kosten angesetzt

          Was mit den laut Putin 214 Milliarden Rubel bezahlt wird, ist dagegen unklar - offenbar sogar für die Organisatoren der Spiele. Dabei ist die Zahl für ein noch nicht abgeschlossenes Projekt dieses Umfangs erstaunlich genau, zumal der russische Präsident auch bezifferte, welchen Anteil daran der Staat (100 Milliarden Rubel) und welchen private Investoren haben (114 Milliarden). Doch auf detaillierte Fragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach der Zusammensetzung der Summe konnte das russische Organisationskomitee über Wochen keine andere Antwort geben als die, dass man weiter an einer Antwort arbeite.

          Aus Putins eigenen Äußerungen geht hervor, dass ein großer Posten, der in der Gesamtrechnung von Vancouver enthalten war, in seiner Rechnung nicht berücksichtigt wird: „Noch mehr wurde für die Infrastruktur ausgegeben“, sagte er im Interview mit dem Staatsfernsehen. Er zählte darin ausführlich auf, wie viele Straßen, Bahnlinien, Brücken, Tunnels, Gaspipelines, Kraftwerke, Verteilerstationen und Hotels neu gebaut wurden, vermied aber eine Aussage zu deren Kosten.

          Einige Zahlen sind jedoch bekannt, aus denen hervorgeht, dass seine 214 Milliarden Rubel mit einem Faktor x multipliziert werden müssen, wenn man auf die tatsächlichen Kosten für Olympia in Sotschi kommen will. So haben die staatlichen russischen Eisenbahnen allein für die kombinierte Bahn- und Straßenverbindung zwischen den Stadien an der Küste und den alpinen Austragungsstätten in Krasnaja Poljana deutlich mehr ausgegeben als die Endsumme in Putins Rechnung: 243 Milliarden Rubel, etwa 7,4 Milliarden Dollar.

          Formal ist die etwa 40 Kilometer lange Strecke im Tal der Msymta, durch deren Bau der bis dahin saubere und fischreiche Bergfluss zu einem toten Gewässer wurde, tatsächlich kein „olympisches Objekt“. Im Beschluss Nummer 991 der russischen Regierung vom 29. Dezember 2007 über die Olympiavorbereitungen werden drei Kategorien von Bauvorhaben unterschieden: Sportstätten, Objekte zur Sicherung der Funktionsfähigkeit der Sportstätten und Vorhaben zur „Entwicklung der Stadt Sotschi als Bergtourismusort“ - und unter dieser Kategorie wird die Verbindung in dem Dokument geführt. Doch für die Olympiabewerbung Sotschis hatte sie eine zentrale Bedeutung: Sie ist das Herzstück des Konzepts der „Spiele der kurzen Wege“, das vom russischen Organisationskomitee und vom IOC bis heute als einer der wesentlichen Vorteile Sotschis gepriesen wird.

          Offizieller Korruptionsverdacht

          Hinweise auf die tatsächlichen Kosten für Olympia in Sotschi gibt auch der Streit über Geld, den die Regierung, staatliche Banken und die von Putin zu Investitionen verpflichteten Großkonzerne halböffentlich austragen. Die Zahlen, die dabei bekanntwerden, sind Mosaiksteine, die zwar noch kein vollständiges Bild ergeben, aber Hinweise auf den wahren Umfang der Kosten bieten. Die Gründe für ihre Veröffentlichung lassen ahnen, dass Korruption nicht das einzige wirtschaftliche Problem dieser Spiele ist. Sotschi wird den eigentlichen Preis für Olympia womöglich erst nach den Spielen im kommenden Februar zahlen: Unterhaltskosten für eine überdimensionierte Infrastruktur, ungenutzte Sportstätten, überschuldete Investoren, Insolvenzen.

          Sotschi 2014: Die olympische Idee vor dem Absturz

          Die zum Teil erheblichen Kostensteigerungen hat Putin selbst im Februar während eines Besuchs in Sotschi mit einem - vermutlich wohlkalkulierten - Zornesausbruch vor laufenden Kameras öffentlich gemacht. Anlass war die Skisprungschanze „Russki Gorki“, bei der alle Fertigstellungsfristen überschritten wurden und die Kosten von veranschlagten 1,2 auf acht Milliarden Rubel (240 Millionen Dollar) gestiegen waren. Gebaut wurde die Schanze von einer Firma des damaligen stellvertretenden Präsidenten des russischen Nationalen Olympischen Komitees, Achmed Bilalow, der sich nach der Rüge Putins umgehend zur medizinischen Behandlung ins Ausland begeben hat und seither nicht nach Russland zurückgekehrt ist. In diesem Fall war auch offiziell von Korruptionsverdacht die Rede.

          Zinsvergünstigungen und Steuernachlässe

          Es wurde damals vermutet, dass Bilalows Schicksal den Verantwortlichen anderer Projekte mit ähnlichen Schwierigkeiten eine Warnung sein sollte. Nun hat die staatliche Sparkasse Sberbank die Federführung für das Projekt, zu dem außer der Schanze das Mediendorf in den Bergen sowie einige Hotels gehören. Sie sah sich - wie die Zeitung „Kommersant“ Ende November berichtete - im September gezwungen, das Kapital der zuständigen Aktiengesellschaft „Krasnaja Poljana“ um 13,9 Milliarden Rubel (etwa 434 Millionen Dollar) zu erhöhen. Das gesamte Budget von „Krasnaja Poljana“ liegt nun laut „Kommersant“ bei 80 Milliarden Rubel (etwa 2,4 Milliarden Dollar). Es ist nur ein olympisches Vorhaben von vielen.

          Zusammen mit drei anderen olympischen Großinvestoren - dem ebenfalls staatlich kontrollierten Konzern Gasprom sowie den Oligarchen Wladimir Potanin und Oleg Deripaska - hat sich die Sberbank schon im Frühjahr mit der Forderung an die Regierung gewendet, durch Zinsvergünstigungen und Steuernachlässe die Schuldenlast ihrer Tochterunternehmen in Sotschi zu verringern.

          Erst wird gewalzt, dann platt gemacht: Arbeiter in Sotschi

          Allein die staatliche Entwicklungsbank VEB hat laut der Zeitung „Wedomosti“ für die Finanzierung olympischer Objekte in Sotschi Kredite in Höhe von 241 Milliarden Rubel (etwa 7,3 Milliarden Dollar) vergeben. Ausfälle dieser Kredite müsste laut einer Anordnung Putins aus dem Jahr 2012 der russische Staat übernehmen. Diese Garantie wurde nötig, weil die VEB zeitweilig die Finanzierung einzelner Projekte ausgesetzt hatte - etwa die des Skigebiets Rosa Chutor, wo die alpinen Rennen ausgetragen werden sollen.

          VEB-Direktor Wladimir Dmitrijew beschwerte sich noch im Juni dieses Jahres in einem Interview mit der Internetzeitung „Gazeta.ru“, seine Bank vergebe weiter Kredite, „während es Probleme gibt, die in Friedenszeiten Anlass wären, die Projekte für bankrott zu erklären“.

          Ernste Gespräche mit Investoren

          Die Bank und die olympischen Investoren liegen in einem verbissen ausgetragenen Dauerstreit über Kreditkonditionen und Zahlungsfristen, dessen eigentlicher Grund ist, dass sie sich in einem einig sind: Kaum etwas von dem, was für die gut zwei Wochen Olympia im Februar nächsten Jahres gebaut wird, hat je Chancen, wirtschaftlich selbsttragend, geschweige denn profitabel zu werden - das gilt für das Skigebiet Rosa Chutor und noch viel mehr für die Eisstadien am Schwarzen Meer, deren spätere Nutzung völlig im Dunkeln liegt.

          Mitte November gab der stellvertretende Ministerpräsident Igor Schuwalow bekannt, mit den Investoren in Sotschi würden derzeit ernste Gespräche geführt: Sie sollten die Appartements im Olympischen Dorf sowie die etwa 12.000 neu gebauten Unterkünfte für Personal, freiwillige Helfer und Sicherheitskräfte nicht gleich nach den Spielen verkaufen. Denn wenn das geschehe, dann „erschlägt das den Immobilienmarkt in der Region für viele Jahre“, sagte Schuwalow.

          Schlechte Prognosen für Immobilienmarkt

          Ein Blick auf die Einwohnerzahlen zeigt den Grund für diese dramatische Aussage: Sotschi hat zwar etwa 400.000 Einwohner, aber die verteilen sich auf einen schmalen Küstenstreifen von 145 Kilometer Länge. Der Bezirk Adler, in dem die Spiele ausgetragen werden und wo daher fast alle dieser Unterkünfte gebaut wurden, liegt am äußersten Ende der Stadt, zwischen der Grenze zu Abchasien und den Bergen - und er hat nur etwa 70.000 Einwohner.

          Nicht viel besser als für den Immobilienmarkt sind die Prognosen, mit denen Fachleute in russischen Zeitungen für die neu gebauten Hotels mit fast 25.000 Zimmern zitiert werden. Ihre Aussichten, nach den Spielen noch auf eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung zu kommen, werden als gering eingeschätzt. Es wird erwartet, dass die überwiegend zu großen Konzernen gehörenden neuen Häuser mit Dumpingpreisen um Gäste werben werden - eine offene Frage ist, wie sich das auf die vielen kleinen, privat geführten Hotels in der Stadt auswirkt, in denen bisher die Mehrzahl der Sommerurlauber unterkam.

          „Wir haben das bewusst gemacht“

          Die Regierung reagiert mit widersprüchlichen Signalen auf diese Entwicklungen: Mal zeigt sie Bereitschaft, Verluste auszugleichen, mal demonstriert sie Härte und beharrt darauf, dass die Investoren nach den Spielen alle Kredite zurückzahlen müssten. Aber was, wenn die sich dann für bankrott erklären und sich aus Sotschi zurückziehen? „Das ist das Ende der Entwicklung von Sotschi“, zitierte „Wedomosti“ im November einen hochgestellten Regierungsbeamten.

          Um das Geld, das in Sotschi investiert wurde, müsse es einem nicht leid tun, sagte Wladimir Putin seinem Staatsfernsehen: „Wir haben das bewusst gemacht, damit der Süden Russlands attraktiv und komfortabel ist, nicht nur während der Olympischen Spiele, sondern auch in den Jahrzehnten danach.“ Und der IOC-Mann Jean-Claude Killy weiß: „Das wird das Leben in der Stadt besser machen.“

          Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes war bei der Summe, die Putins Spiele kosten, von Trillionen Rubel statt von Billionen Rubel die Rede. Wir bedauern den Fehler.

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