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Olympische Eröffnungsfeier : Patriotismus und kurze Hosen

Das sollte anders aussehen: Vier Ringe sind zu sehen, einer bleibt eine Flocke Bild: REUTERS

Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi schweben Hammer und Sichel durch die Arena. Den Modewettbewerb gewinnen die Franzosen.

          Die Show

          Nein, es ging nicht alles glatt bei der Eröffnungsfeier der XXII. Olympischen Winterspiele in Sotschi an Russlands Schwarzmeerküste. Fünf große, illuminierte Schneeflocken schwebten zu Beginn der Show durch die Fischt-Arena, das Olympiastadion, diese Flocken sollten sich nacheinander in die fünf Olympischen Ringe verwandeln. Vier schmolzen tatsächlich zu Ringen, einer aber wollte partout eine Flocke bleiben.

          Und danach? Erlebte Sotschi eine Eröffnungsfeier, die einer Reise durch die russische Geschichte gleichkam. Von den Argonauten, die an diesen Küsten gekreuzt haben sollen, hundert Jahre vor dem Trojanischen Krieg, über mythische mittelalterliche Szenen zu Peter dem Großen und Balletszenen aus Lew Tolstois Krieg und Frieden.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Dass die eigene Geschichte in einer solchen Show nicht kritisch betrachtet wird, ist in Ordnung, aber die Art und Weise, wie das 20. Jahrhundert dargestellt wurde, irritierte doch sehr. Da schwebten Hammer und Sichel zwischen Stoffbahnen mit den Bildern von Hochhäusern aus der Stalin-Zeit durch die Arena – so als wären im Namen der Ideologie, für die diese Symbole stehen, nicht Millionen Menschen getötet worden, in der Mehrzahl Russen.

          Auch die Beschreibung dieses Teils im Programmheft wirkt eigenartig: Darin wird der großartige Versuch gefeiert, eine ideale Gesellschaft und einen neuen Menschen zu schaffen, der bis heute seinen Widerhall in Malerei, Architektur, Poesie und Theater finde. Und der Widerhall in den Schicksalen der Menschen, die diesem Versuch im Wege standen, und der Geschichte der Länder, die von ihm betroffen waren? Die Folgen dieser Einstellung, die abstrakte Ziele über die Rechte Einzelner setzt, konnte man während der Vorbereitung auf die Spiel in Sotschi beobachten.

          Der Einzug der Mannschaften

          Mal abwarten, wie die Franzosen bei den Olympischen Wettkämpfen abschneiden, aber den Modewettbewerb beim Einzug der Nationen hat das Land der Mode in Sotschi mit großem Vorsprung gewonnen. Gedeckte graue Jacken, beige Hosen und Schals in bleu-blanc-rouge – so schlicht elegant ging es auch unter all den Nationen, die sich zwischen funktional-sportlich in Landesfarben (den Schweizern gelang das noch am Besten), patriotischem Strick made in U.S.A. und schreiend bunt (Deutschland) verirrten.

          Fragen warf auch das Outfit der Briten auf, die mit Bärenfellmützen einzogen und aussahen, als wären sie auf dem Weg zum nächsten James-Bond-Dreh. Für Bärenfell jedenfalls war es an Sotschis Küste auch an diesem Abend zu warm. Dann doch lieber wie die drei Sportler von den Cayman-Islands: Skifahrer Dow Travers und das Team trugen Bermudas und Flip-Flops.

          Bachs Rede und die Eröffnung

          Es war der Höhepunkt der vorolympischen Woche für Thomas Bach, den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees am Freitagabend: Seine erste Rede vor der Eröffnung Olympischer Spiele. Ob sich seine Behauptung, die Region werde von diesen Spielen in den kommenden Jahren profitieren, als richtig erweisen wird, bezweifeln manche, auch und vor allem Olympiakritiker in Sotschi.

          Aber Bach erhielt für seine Rede, bei der er den Menschen in Sotschi für ihre Geduld während der Bauarbeiten dankte und von einem „bemerkenswerten Erfolg“ derselben sprach, viel Applaus. Einige Pfiffe ertönten nur, als Bach Diskriminierung „gleich aus welchen Gründen“ verurteilte.

          Die Eröffnungsshow im Olympia-Liveblog zum Nachlesen

          Auch an diesem Abend blieb das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz also wenigstens in den Köpfen aller präsent. Bach wiederholte auch, was er in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder in Richtung der Politiker gesagt hatte, die an Sotschis Eröffnungsfeier nicht teilnehmen wollten: Politische Streitigkeiten sollten nicht auf dem Rücken der Athleten ausgetragen werden. Etwa fünfzig Staats- und Regierungschefs waren aber doch im Stadion. Sie hörten, wie der russische Präsident Wladimir Putin nach Bachs Rede die XXII. Winterspiele eröffnete.

          Anschließend, bei der Entzündung des olympischen Feuers, trafen sich ebenfalls russische Gegenwart und sowjetische Vergangenheit: Tennisspielerin Maria Scharapowa und Stabhochsprungweltmeisterin Elena Issinbajewa übergaben die Flamme auf ihren letzten Metern dem früheren Eishockey-Torwart Wladislaw Tretjak und Eiskunstläuferin Irina Rodnina. Um 22.54 Uhr Ortszeit brannte das Olympische Feuer. Die Winterspiele von Sotschi haben begonnen.

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