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Olympia-Eröffnung in China : Die Macht der Trugbilder

Die chinesische Flagge und ihre Farben: Bei der Eröffnungsfeier bildgewaltig inszeniert. Bild: AFP

China sendet bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Peking eine Botschaft: Die Welt ist zu Gast – und sie feiert ihr größtes Sportfest nach unseren Regeln.

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          Auf seine Bilder kann sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) verlassen. Sie sagen, was es hören will. Sie zeigen, was es sehen will. Die Bilder sind das letzte Instrument, das das IOC einsetzen kann. Und auch immer das erste.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          An diesem Freitag hat das IOC mit seinem Veranstaltungspartner, der Volksrepublik China, im Nationalstadion in Peking die 24. Olympischen Winterspiele eröffnet – und seine Bilder in eine (westliche) Welt gesendet, die mehr und mehr nicht verstehen kann, dass diese Spiele an diesem Ort ausgetragen werden.

          Eine Uigurin entzündet das Feuer

          An diesem Punkt offenbart sich dann aber Olympiade für Olympiade die Macht der Bilder. Sie schaffen es, dass diese Welt, die nicht mehr verstehen kann, sich plötzlich in nicht kleinen Teilen vor die Bildschirme drängt und zuschauen will, wie geleuchtet, getanzt, gewunken und am Ende das Feuer entzündet wird. Und sie schaffen es auch, dass diese Welt wahrscheinlich auch in den nächsten beiden Wochen vor den Bildschirmen gedrängt bleibt und zuschauen will, wie Athletinnen und Athleten springen und stürzen, gewinnen und verlieren, lachen und weinen. Auf seine Bilder kann sich das IOC verlassen.

          Ort der Eröffnung: Das Nationalstadion in Peking, auch als „Vogelnest“ bekannt geworden 2008.
          Ort der Eröffnung: Das Nationalstadion in Peking, auch als „Vogelnest“ bekannt geworden 2008. : Bild: Imago

          Ein Bild hebt sich meistens von den anderen ab: der Moment, in dem das olympische Feuer entzündet wird. An diesem Abend machen das die uigurische Langläuferin Dinigeer Yilamujiang und der Nordische Kombinierer Zhao Jiawen. Auch das ein Bild, das man interpretieren kann: Sie kommt aus Xinjiang, der Region, in der die muslimische Minderheit der Uiguren unterdrückt wird. Im Stadion von Peking stecken Dinigeer Yilamujiang und Zhao Jiawen nun die Fackel mit dem Feuer in ein großes Gestell, das aussieht wie eine Schneeflocke. Dann wird diese im Stadion hochgezogen.

          Es war nicht die spektakulärste Show, die sich die Organisatoren in Peking für die Eröffnungsfeier ausgedacht haben. Sie mussten aber auch niemandem mehr beweisen, dass sie Spektakel können. Das haben sie schon vor fast 14 Jahren gezeigt, als sie die Sommerspiele in diesem Nationalstadion präsentiert haben, als die Trommler mit ihrer Präzision dem Publikum den Atem raubten. Ein Stadion im Gleichklang. Ein Staat im Vormarsch. Jetzt, im zweiten Winter der Corona-Pandemie, hat China, Welt- und Sportmacht, eine neue Botschaft an das internationale Publikum gesendet – und auch an das nationale: Die Welt ist zu Gast – und sie feiert ihr größtes Sportfest nach unseren Regeln.

          Ungewollte Symbolik: Es ist ein Kreuz mit Olympia, auch für die Deutschen.
          Ungewollte Symbolik: Es ist ein Kreuz mit Olympia, auch für die Deutschen. : Bild: AFP

          Auf dem Weg zum Stadion sieht man durch das Fenster des Busses acht Soldaten im Gleichschritt patrouillieren. Acht Aufpasser von so vielen in Peking. Wer wegen der Olympischen Spiele in der Stadt ist, kann eigentlich keinen Schritt machen, der nicht gemacht werden soll. Die Regeln sind streng. Und können strenger werden. Am Tag vor der Eröffnungsfeier wird kommuniziert, dass man für deren Besuch als Reporter oder Fotograf neben einem Ticket noch eine sogenannte Yellow Card benötigt. Das überrumpelt, so hört man, auch die Organisationsabteilung des IOC im Pressezentrum. Sie tut, was sie tun muss: gehorchen.

          Am Anfang der Eröffnungsfeier sieht man auf den Bildschirmen im Nationalstadion, wie Thomas Bach, der Präsident des IOC, und Xi Jinping, der Staats- und Parteichef Chinas, auf die Tribüne kommen. Sie bleiben vor ihren Sitzen stehen, schauen sich an. Bach verbeugt sich vor Xi. Doch Xi verbeugt sich nicht vor Bach. Auch so ein Bild.

          Keine Kritik an China von Bach

          Später spricht Bach unten im Stadion in ein Mikrofon. Er sagt auch in China, einem autokratischen Einparteienstaat, dem nicht nur die Vereinigten Staaten einen Völkermord im eigenen Land vorwerfen, was er immer sagt. Respekt vor denselben Regeln. Friedliches Zusammensein. Und so weiter. Auf Kritik an China muss er in seiner Rede nicht eingehen.

          Am Tag davor, als er in einer Pressekonferenz darauf eingehen musste, sagte er: „Die Position des IOC muss angesichts seiner Neutralität sein: Wir kommentieren politische Angelegenheiten nicht. Wenn wir einen politischen Standpunkt einnehmen, zwischen Spannungen geraten, Streit und Konfrontation politischer Mächte, dann bringen wir die Spiele in Gefahr.“

          Grün für den Start des Frühlings: ein Teil der Choreografie
          Grün für den Start des Frühlings: ein Teil der Choreografie : Bild: Imago

          Am Freitag muss man im Nationalstadion in Peking aber nur auf die Ehrentribüne schauen, um zu sehen, wie politisch diese Olympischen Spiele sind. Man erkennt das daran, wer aus der Weltpolitik gekommen ist – und wer nicht. Anwesend: der russische Präsident Wladimir Putin. Abwesend: die demokratisch gewählten Vertreter aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada, Australien oder Japan. An politischen Botschaften fehlt es nicht. Und auch nicht an politischen Bildern. Man muss es nämlich nicht für einen Zufall halten, dass in dem Moment, in dem die Mannschaft aus Hongkong ins Nationalstadion einläuft, Xi Jinping eingeblendet wird. Er klatscht.

          Und was ist eigentlich mit den Diplomaten aus Deutschland? Sowohl der Bundeskanzler Olaf Scholz als auch die Außenministerin Annalena Baerbock und die Innen- und Sportministerin Nancy Faeser hatten ihre Teilnahme schon im Vorfeld abgesagt. Als Botschaft des Boykotts wollen sie das aber nicht verstanden wissen. An diesem Freitag haben sie allenfalls aus der Heimat zugeschaut, wie die deutschen Athletinnen und Athleten hinter der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein und dem Bobfahrer Francesco Friedrich, die die Fahne tragen durften, eingelaufen sind. Viele von ihnen haben mit ihren Smartphones Bilder gemacht. Und man könnte sagen: Dafür ist so eine Eröffnungsfeier da.

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