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Olympia-Kommentar : Komplett-Ausschluss wäre rechtens

  • -Aktualisiert am

Die Olympischen Athleten aus Russland durften nicht mit ihrer Fahne einlaufen. Bild: AFP

Klagende Russen wurden nicht mehr kurzfristig zu Olympia eingeladen. Prompt wendeten sich IOC-Granden während der Eröffnung winkend den Sportlern zu. Nun siegt mal schön. Unter dem Eis aber sollte es brodeln.

          Schön, dass jetzt Friede einkehrt. Erleichtert hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) die jüngsten Urteile des Sportschiedsgerichtes (Cas) begrüßt. Es kommt nicht zum Eklat in Pyeongchang zwischen angeblich sauberen und angeblich schmutzigen Athleten. Zwar war das IOC schon sicher, diese Aufteilung unfehlbar richtig getroffen zu haben. Doch Richter des Cas stellten in der ersten Runde vor gut einer Woche diese Selbsteinschätzung als maßloses Fehlurteil dar. Ihre Kollegen haben in der zweiten gar nicht mehr auf die Frage der persönlichen Schuld der russischen Sportler geschaut. Sie prüften vor allem das Einladungsrecht des IOC und ob der Weg, so manchen Russen aus dem Spiel zu halten, rechtens ist. Er ist es, sagt der Cas. Prompt wendeten sich IOC-Granden während der Eröffnungsfeier winkend Sportlern zu. Nun siegt mal schön.

          Unter dem Eis aber sollte es brodeln. Denn der Cas hat noch viel mehr gesagt in seiner Urteilsbegründung vom Freitag. Vor allem dies: Dass nicht des Dopings überführte russische Athleten Pech haben könnten. Weil ihnen allein wegen ihres Status als Bürger eines Landes, dem Staats-Doping nachgewiesen wurde, die Teilnahme an den Winterspielen verweigert werden kann. Was das bedeutet? Nichts weniger als das Scheitern der Einzelfall-Gerechtigkeit, die IOC-Präsident Thomas Bach als wesentliches Treibmittel für seine Entscheidung gegen einen Ausschluss aller Russen von Olympia angeführt hatte.

          Zweieinhalb Jahre und mehrere Kommissionen nach den Spielen von Rio steht nun fest, was damals schon erkennbar war: Gerechtigkeit ist nach der Aufdeckung eines Doping-Systems, das auf die Vernichtung von Spuren in Einzelfällen ausgerichtet war, nicht zu erreichen. Ein kompletter Ausschluss der Russen wäre zwar auch nicht gerechter gewesen, aber er hätte, auch das lässt sich aus den Urteilen herauslesen, schon damals vor dem Cas bestanden. Und er wäre viel wirkungsvoller, sogar menschlicher gewesen.

          Auch diese große Chance hat das IOC vertan. Weil es seine vom Cas bestätigte Einladungsmacht nicht nutzte. Was zu der Frage führt: Warum durften in der Vergangenheit überführte Doper und Trainer aus aller Welt, auch aus Deutschland, antreten? Das ist Geschichte. Aber was heute für Russen gilt, müsste künftig für alle Nationen eingeführt werden: Ein Check nach den jüngsten IOC-Vorgaben. Oder glaubt jemand, Russland hätte Doping exklusiv, andere Nationen ließen die Finger von Substanzen, die gegenwärtig nicht nachweisbar sind? Die Konsequenz, rund 20.000 Athleten und Trainer vor den Spielen in Tokio 2020 nun überprüfen zu lassen um der Gerechtigkeit willen, mutet allerdings absurd an. Und zwingt zu einer anderen Konsequenz nach diesem Desaster: Der Sport braucht ein lautes Nachdenken über ein neues Kontrollsystem. Sonst stirbt er – in Frieden.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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