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Olympia in Sotschi : Wer ist der Herr der Spiele?

Noch haben die Spiele gar nicht begonnen, da wird schon ein Feuerwerk losgelassen

In einer Telefonpressekonferenz am Montag vergangener Woche hatte der Fechtolympiasieger von 1976 dann noch eine weitere Gelegenheit aufgezeigt, jedenfalls für Athleten: „Natürlich herrscht für Sportler Meinungsfreiheit. Wenn sie in einer Pressekonferenz ein politisches Statement machen wollen, können sie das tun.“ Es klang, als würde der Jurist Bach Regel 50 der Olympischen Charta, die Demonstrationen und politische Propaganda verbietet, neu auslegen.

Die Belehrung der Russen ließ nicht lange auf sich warten. Seine ersten Spiele als IOC-Präsident verbringt Bach in Gesellschaft von Männern wie Dimitrij Tschernyschenko: „Er hätte die Grenzen von Regel 50 erwähnen sollen“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters die Replik des Russen auf Bachs Erklärung, auf die Deutung der IOC-Charta durch den IOC-Chef. Und: „Ich glaube nicht, dass es die Olympische Charta den Athleten erlaubt, in Pressekonferenzen ihre Meinung zu Themen zu sagen, die nichts mit dem Sport zu tun haben. Wir haben eine „Speakers’ Corner“ eingerichtet, da kann jeder sagen, was er will.“

Grenzen der Meinungsfreiheit neu definiert

Tschernyschenko ist für Sotschi, was Coe für London war, Cheforganisator der Spiele, Vorsitzender des Organisationskomitees. Der OK-Chef widersprach öffentlich dem IOC-Präsidenten: Ein Affront, es schien, als würde ein Machtkampf über die Deutungshoheit der Spiele ausbrechen, noch bevor die IOC-Exekutive am Sonntag das erste Mal in Sotschi zusammenkam.

Am vergangenen Donnerstag dann definierte Sotschis Organisationskomitee die Grenzen der Meinungsfreiheit neu: „Herr Tschernyschenko meinte, dass Athleten sich bei Pressekonferenzen frei äußern dürfen. Aber natürlich können sie eine Pressekonferenz oder eine Wettkampfstätte nicht zu einer Demonstration oder einem Protest nutzen.“

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Sotschis OK betont die Übereinstimmung mit dem IOC. Für den Moment gilt also: Meinungsäußerungen bei Pressekonferenzen, Protestbekundungen nur in der Protestzone. Aber wo verläuft die Grenze zwischen beidem? Alles Weitere ist Auslegungs- und Definitionssache - wie die Frage der Deutungshoheit über die Spiele. Wer ist der Herr der Spiele, wie gestaltet Bach Olympia? Auf diese Fragen will die Welt eine Antwort, in Sotschi und danach.

Es sind Protestzonen, Umweltzerstörungen, Menschenrechtsverletzungen und die immensen Kosten, die das Image der Spiele jenseits der Faszination für die Wettkämpfe der besten Athleten vor allem in Europa ruinieren. Das „Fest der Völker“ ist in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem Problemfall geworden. Zu sehr klaffen sie auseinander, die hehren in der Olympischen Charta formulierten Ziele und die Realität.

Massive Probleme mit der Freiheitsdefinition

Hier ist vom „Erhalt der menschlichen Würde“, vom „verantwortungsvollen Umgang mit den Belangen der Natur“ und von der „Förderung nachhaltiger Entwicklungen im Sport“ die Rede, dort sieht man Bilder von mittellosen, ausgebeuteten Arbeitern, ruinierten Flussbetten und einem vom Trinkwasser abgeschnittenen Dorf in der Nähe von Sotschi, von leer stehenden, wenige Jahre nach den Spielen dem Verfall preisgegebenen Olympiastätten, etwa in Athen und Turin.

Bündner und Oberbayern haben im vergangenen Jahr in Referenden Bewerbungen um Olympische Spiele abgelehnt, die politische Mehrheit im Stadtrat von Stockholm nahm unter explizitem Hinweis auf die Kosten ihre Bewerbung um die Winterspiele 2022 zurück. Es gibt immer noch genügend Städte, die sich um die erste Vergabe in Bachs Präsidentschaft bemühen.

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