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Olympia in Sotschi : Putin: Politik und Sport nicht vermischen

Russlands Präsident Wladimir Putin Bild: REUTERS

Russlands Präsident Putin fordert dazu auf, Fragen des Sports nicht mit denen der Politik und der Menschenrechte zu vermischen. Dass das in der Praxis aber nicht immer funktioniert, zeigt der Fall Sergej Fadejew.

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          Der russische Präsident Wladimir Putin hat kurz vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi am Freitagabend dazu aufgerufen, Fragen des Sports nicht mit denen der Politik und der Menschenrechte zu vermischen. Nach einem Treffen mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte sagte Putin, es sei besser, sich nun auf den Sport zu konzentrieren, denn „je weniger Aggressionen es um diese Fragen von beiden Seiten gibt, desto besser ist es“.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Russland war vor den Spielen wegen Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen kritisiert worden. Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Präsident François Hollande und der amerikanische Präsident Barack Obama hatten mitgeteilt, dass sie nicht nach Sotschi reisen würden. Das russische Organisationskomitee teilte am Freitag mit, zur Eröffnung der Spiele sei die Rekordzahl von 50 Staats- und Regierungschefs angereist, darunter der chinesische Präsident Xi Jinping. Aus der EU kamen unter anderen der schwedische König Karl XVI. Gustaf, der finnische Präsident Sauli Niimistö und der italienische Ministerpräsident Enrico Letta.

          Welche Probleme es aber im Umfeld gibt, zeigt der Fall Sergej Fadejew. Per SMS bekam er Ende Januar eine Nachricht: „Ihr Antrag auf einen Fan-Ausweis wurde abgelehnt.“ Sergej Fadejew dachte zuerst an einen schlechten Scherz, schließlich hatte er den Besucherausweis für die Olympischen Spiele schon seit dem vergangenen Herbst, Flug und Hotel waren gebucht – er wollte mit seiner Frau ein Eishockey-Spiel sehen. Ohne den Ausweis, der vom Inlandsgeheimdienst FSB ausgestellt wird, kommt man in kein Stadion.

          In seinen E-Mails fand Fadejew dann die gleiche Botschaft nochmal – und glaubte nun an ein Missverständnis. Er rief im Call-Center des Organisationskomitees an, um die Sache zu klären, aber dort erhielt er die Auskunft: Nein, kein Irrtum. Das Ticket dürfe er zurückgeben, der Preis werde erstattet. Auf schriftliche Fragen erhielt er keine Antwort. Da wandte er sich mit einem offenen Brief an Präsident Putin: „Ich bin 44 Jahre alt, Vater zweier Kinder, gehöre keiner extremistischen Organisation und illegalen bewaffneten Formation an, bin nicht vorbestraft“, schrieb er. „Warum darf ich als Bürger Russlands in Russland nicht die russische Eishockey-Mannschaft anfeuern?“

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Fadejew ist Journalist und Kommunalpolitiker in Kaluga, einer Stadt etwa 200 Kilometer von Moskau entfernt. Er gehörte einige Jahre dem Gebietsparlament und dem Stadtparlament an, mit der derzeitigen Führung des Gebiets ist er nicht einverstanden. „Ich habe immer wieder kritisiert, dass die Entwicklung von Kaluga nicht dauerhaft ist, weil sie mit Krediten finanziert wurde, von denen keiner weiß, wie sie zurückgezahlt werden sollen“, sagte er FAZ.NET.

          Seine Opposition gegen die örtlichen Machthaber ist der einzige Grund für die Annullierung seines Fan-Ausweises den er sich vorstellen kann: „Vielleicht haben die mich beim FSB angeschwärzt.“ Dass er dem Geheimdienst von selbst aufgefallen sein könnte, glaubt Fadejew  nicht: „Ich hatte nie irgendwelche Schwierigkeiten, war auch  nie bei Demonstrationen in Moskau.“  Eine Ablehnung des Antrags auf einen Fan-Ausweis muss nicht begründet werden – doch eine Entscheidung muss innerhalb von 72 Stunden gefällt werden. „Bei mir hat es mehr als 100 Tage gedauert“, sagt Fadejew.

          Ist Simonow eine Sicherheitsgefahr?

          Er ist nicht der erste, der  nicht zu den Spielen gelassen wird. Doch während bei Fadejew die Gründe unklar bleiben, drängen sie sich bei Semjon Simonow geradezu auf: Simonow leitet in Sotschi die Filiale der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ und hat in den vergangenen Jahren die Zustände auf den olympischen Baustellen dokumentiert: Hunderte Arbeiter, denen die versprochene Verpflegung, eine anständige Unterkunft oder der Lohn verweigert wurden, deren Arbeitgeber ihre Pässe einbehalten hatten, haben sich an ihn gewandt.

          Er schaltete in solchen Fällen einen Anwalt ein, sprach mit den Arbeitgebern, erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, ging an die Öffentlichkeit. Dass unmittelbar vor den Spielen mehr als 6000 um ihren Lohn geprellten Arbeitern umgerechnet etwa 5,9 Millionen Euro nachgezahlt werden mussten, liegt auch an seiner jahrelangen Sysyphos-Arbeit. Die Vorstellung, Simonow könnte bei einem Eishockey-Spiel eine Sicherheitsgefahr darstellen könnte, ist für jeden grotesk, der dem jungenhaft wirkenden, schmächtigen Mann einmal begegnet ist.

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