https://www.faz.net/aktuell/sport/olympische-winterspiele/sportpolitik/kommentar-zu-olympia-plan-des-ioc-mit-nordkorea-15397925.html

Kommentar : Olympische Friedensengel

  • -Aktualisiert am

IOC-Präsident Thomas Bach. Bild: AFP

Das Internationale Olympische Komitee versteht sich seit vielen Jahren als Friedensengel der Weltpolitik. Dabei überschätzt es sich. Olympia wird benutzt. Das wird auch in der Korea-Krise der Fall sein.

          2 Min.

          Sport verbindet Völker. Das sagen die Olympier gerne, wenn es darum geht, ihren zuletzt so stark kritisierten Festspielen eine über jeden Zweifel erhabene Rechtfertigung zu verleihen. Sie erinnern dann an die Überlieferung aus der Antike: Während der Spiele stellten die Krieger ihre Kämpfe ein. Frieden zu Sportzeiten! Heutzutage lässt sich die Umkehrung der Verhältnisse zumindest in der westlichen Welt nicht so leicht von der Hand weisen. Gerade während der Olympischen Spiele findet ein mehr oder weniger sichtbarer Krieg der Mittel und Methoden statt.

          Russlands perfides Doping-System während der Winterspiele in Sotschi 2014 war nicht die einzige Kriegserklärung an den Sport im großen Stil während der vergangenen vierzig, fünfzig Jahre. Diesmal sind ein paar der fatalen Nachwirkungen schon erkennbar. Russischen Athleten, die vom IOC lebenslang gesperrt worden sind, aber im Weltcup starten dürfen, weil ihre Verbände von der Urteilsbegründung nicht überzeugt sind, begegnet eine große Ablehnung. Zuletzt war das sichtbar beim Rennrodeln am Königssee. Von einer Völkerverbindung kann keine Rede sein.

          Nun gibt es Hoffnung auf einem anderen Spielfeld. An diesem Samstag treffen sich erstmals seit zwei Jahren Sportdelegationen aus Nord- und Südkorea. Das hängt direkt mit den am 9. Februar beginnenden Winterspielen im südkoreanischen Wintersportort Pyeongchang zusammen. Die südkoreanischen Wiedervereinigungsprotagonisten träumen von einer gemeinsamen Frauen-Eishockey-Mannschaft und von einem gemeinsamen Einmarsch. Das wäre ein Zeichen. Obwohl die Anmeldefrist längst verstrichen ist und der Antrag auf Erweiterung eines Eishockeyteams in allen anderen Fällen keine Chance hätte, würde das sonst so stocksteife IOC über seinen Schatten springen. Ganz anders als noch vor den Sommerspielen in Rio, als es der mutigen Kronzeugin zur Aufdeckung des russischen Dopings, Julija Stepanowa, eine Starterlaubnis verweigerte – aus ethischen Gründen.

          Wer seinen Nachbarn mit einem Atomkrieg droht und sein Volk darben lässt wie Nordkoreas Diktator Kim Jong-un, der muss solch eine Zurückweisung nicht fürchten. Weil sich das IOC seit vielen Jahren als Friedensengel der Weltpolitik versteht – und überschätzt. Zwar schielte es unter seinem Präsidenten Juan Antonio Samaranch lüstern auf den Friedensnobelpreis. Aber es kam nicht zum Zuge, weil es – bei allem Respekt vor der Größe und der Wirkung Olympischer Spiele auf die Athleten – zu schwach ist. Seine Spiele werden benutzt. Das war nicht erst in Peking 2008 so, das war in Sotschi 2014 so, und es wird auch in dieser Korea-Krise der Fall sein. Oder glaubt jemand ernsthaft, Nordkorea werde eine Delegation zur Abrundung von Südkoreas Olympiafeier ohne Gegenleistung in Marsch setzen, allein um des lieben Sports willen?

          Für das IOC mag die Rolle als williger Spielball verschmerzbar sein, wenn sie denn den Menschen hilft. Und sei es nur für ein paar Wochen. In Sotschi aber war das nicht der Fall. Nach dem Goldsegen kämpfen degradierte Olympiasieger des russischen Staats-Dopings in diesen Tagen vor Gericht um ihre Zulassung für Südkorea – während ihr Staatschef Putin wieder mit Mann und Maus mitspielen darf. Das mag mancher als Akt des Friedens betrachten. In Wahrheit ist es dort Schwäche, wo das IOC stark sein müsste und könnte.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der Frage der Mindestzahl für Anträge auf Parteitagen nur halb durchgesetzt: Annalena Baerbock und Robert Habeck auf dem Grünen-Parteitag

          Grünen-Satzungsänderung : Ein langer Weg zur erwachsenen Partei

          Grünen-Parteitage werden normalerweise mit Anträgen geflutet. Baerbock und Habeck wollten auf ihren letzten Metern das Quorum dafür deutlich erhöhen. Aber dazu war die Parteibasis nicht bereit.
          In Rage: Verbalattacken gegen Künstler gehören zu Tayyip Erdogan wie die Schiffe zum Bosporus

          Hetze gegen Sezen Aksu : Erdoğan gerät unter Beschuss

          Mit dem Angriff auf die Sängerin Sezen Aksu hat sich der türkische Präsident verschätzt. Künstler unterstützen sie. Aksu antwortet auf Erdoğans brutale Rhetorik souverän mit einem Gedicht.