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BR-Intendant Wilhelm : „Großereignisse werden als Kommerzveranstaltungen wahrgenommen“

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BR-Intendant Ulrich Wilhelm: „Das könnten viele private Vollprogramme nicht leisten.“ Bild: Müller, Andreas

Ulrich Wilhelm findet, dass die Übertragungsrechte für Sotschi ihr Geld wert sind. Im F.A.Z.-Interview spricht der BR-Intendant über den richtigen Umgang mit Werbung und Sponsoren - und wie das Internet die Sportberichterstattung verändern wird.

          Ulrich Wilhelm ist seit 2011 Intendant des Bayerischen Rundfunks. Von 2005 bis 2010 war er Sprecher der Bundesregierung. Innerhalb der ARD ist der 52 Jahre alte Jurist und Journalist der für den Erwerb der Sportrechte zuständige Intendant. Zugleich ist er im Wechsel mit ZDF-Intendant Thomas Bellut Aufsichtsratsvorsitzender der „Sport A“, der Sportrechteagentur von ARD und ZDF.

          Von den Olympischen Winterspielen in Sotschi berichten ARD und ZDF insgesamt 240 Stunden, dazu kommt ein Online- und Livestream-Angebot von 500 Stunden plus die Berichterstattung der ARD-Hörfunkwellen. Das ZDF ist Gesamtfederführer, der Bayerische Rundfunk ist Federführer innerhalb der ARD.

          Die konkreten Kosten einzelner Sportrechte werden von ARD und ZDF nicht veröffentlicht. Die ARD hat aber im Oktober bekanntgegeben, dass sie jährlich 361 Millionen Euro für Sportrechte ausgibt. Vom monatlichen Rundfunkbeitrag in Höhe von 17,98 Euro zahle jeder Kunde 72 Cent für Sportberichterstattung im Ersten, dazu kommen 15 Cent für Sport in den dritten Programmen. Die Kosten ihrer Berichterstattung aus Sotschi beziffert die ARD auf rund zehn Millionen Euro für Fernsehen, Hörfunk und Online.

          ARD und ZDF feiern bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi den Sport - und müssen angesichts der politischen Konflikte gleichzeitig den Spielverderber geben. Tut das weh?

          Nein - unser Publikum erwartet zu Recht einen kritischen Blick über das Sportgeschehen hinaus.

          Aber die ARD hat Millionen Euro für die Übertragungsrechte der Winterspiele bezahlt. Sie sind der dafür zuständige Intendant. Hat das kritische Hinterfragen den Wert Ihrer Erwerbung gemindert?

          Ohne die Sportübertragungsrechte wäre im Fernsehen keine umfassende Berichterstattung von den Spielen möglich. Ein differenziertes Gesamtbild zu zeichnen entspricht unserer journalistischen Verantwortung, das war auch bei früheren Großereignissen so. Im Übrigen: Wissen über ein so bedeutendes Land wie Russland zu vermitteln ist ein Wert an sich.

          Ärgert es Sie, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich ausgerechnet für ein so konfliktbeladenes Land entschieden hat? Es war ja nicht gezwungen, ausgerechnet Wladimir Putins Werben zu erliegen.

          Im IOC hat der Prozess des Nachdenkens über die Vergabe von Olympischen Spielen schon begonnen. Ich halte das für richtig und notwendig. Zugleich stehen die fünf Olympischen Ringe für die fünf Erdteile und damit für eine Berücksichtigung aller Regionen der Welt. Wichtig ist, dass alle Aspekte der Debatte in die Berichterstattung einfließen. Olympische Spiele sind auch ein Spiegelbild der Situation im Gastgeberland. Vorbereitung und Rahmenbedingungen von Sotschi spiegeln exemplarisch die Verhältnisse in Russland wider.

          Warum müssen die teuren Olympischen Spiele überhaupt in ARD und ZDF übertragen werden?

          Sport ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Programme. Die Beitragszahler erwarten von uns auch attraktive Sportübertragungen. Olympische Spiele wie ARD und ZDF zu zeigen, das könnten private Vollprogramme nicht leisten. Sie könnten ihr Programm nicht über ganze Tage komplett freiräumen, so wie wir das tun. Ohne ARD und ZDF gäbe es von Olympia mutmaßlich nur Highlights im Massenprogramm, den Großteil der Wettbewerbe in Spartenangeboten. Das ist nicht derselbe gesellschaftliche Stellenwert, der entsteht, wenn ein Millionenpublikum über viele Tage die unterschiedlichsten Sportarten verfolgt, und der die Olympischen Spiele auszeichnet.

          Olympiazeit ist Fernsehzeit: Auch die ehemalige Biathletin Kati Wilhelm steht für die ARD in Sotschi vor der Kamera.

          Sie sagen, das Interesse an Olympia sei riesig. Aber die geplante Bewerbung für die Winterspiele ist bei Ihnen in Bayern bei der Volksbefragung durchgefallen. Was schließen Sie daraus?

          Das Ergebnis zeigt klar, dass internationale Sportgroßereignisse von immer mehr Menschen zu sehr als Kommerzveranstaltung wahrgenommen werden.

          Was würden Sie dem neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach raten, was er tun muss, um den Wert Olympischer Spiele zu erhalten oder gar zu steigern?

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