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BR-Intendant Wilhelm : „Großereignisse werden als Kommerzveranstaltungen wahrgenommen“

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Ich glaube nicht, dass er von mir einen Rat braucht. Was mir als Betrachter auffällt: Die Werte der olympischen Bewegung, auch die Formulierungen in der IOC-Charta, sind ja eigentlich zeitlos gültig. Es wäre ein großer Schritt, wenn es gelingen könnte, diese Werte stärker zu leben. Trotz der Gesetzmäßigkeiten von Großereignissen mit ihrer Dominanz der Werbung und Sponsoren und bei den drängenden Fragen der Nachhaltigkeit. Gerade bei wachsenden Umsätzen muss sich ein Veranstalter immer wieder fragen: Was wollen wir alles zulassen, und wo wollen wir bei unserer Kernidee bleiben? Es ist wichtig, seine eigene Geschichte nicht aufzugeben.

Wenn Sie sicher wüssten, dass die Hälfte aller Medaillengewinner bei Olympischen Spielen gedopt wäre: Würden Sie dann noch einen Cent für Rechte ausgeben?

Nein, in diesem Fall nicht. Aber das Problem ist leider häufig keines von Schwarz und Weiß, sondern eines von Verdacht, ständig veränderten Mitteln und hinterherhinkenden Nachweismethoden. Die ARD hat deshalb eine der wenigen Doping-Redaktionen, die seit vielen Jahren unermüdlich und erfolgreich recherchiert, nehmen Sie nur den Fall Contador.

Der renommierte Doping-Experte Perikles Simon geht davon aus, dass 60 Prozent der Teilnehmer gedopt sind. Glauben Sie ihm nicht?

Wie gesagt, die Dinge sind sehr komplex. Das System der Doping-Kontrollen muss national und international deutlich gestärkt werden. Ich hoffe in diesem Zusammenhang, dass zumindest die schwierige finanzielle Situation der Nada (Nationale Anti-Doping-Agentur, d. Red.) auch durch die Politik gelöst werden kann.

Wie stehen Sie denn zu Thomas Bachs Ankündigung, einen IOC-Sportkanal zu gründen? Damit sollen zwischen den Spielen die olympischen Sportarten präsent bleiben.

IOC-Präsident Bach hat vergangene Woche angekündigt, das Thema mit den Sendern gemeinsam angehen zu wollen. Sein Anliegen, die olympischen Sportarten zwischen den Spielen präsent zu halten, teilen wir. Zu den Details müssen wir uns zusammensetzen. Für eine konkrete Antwort an das IOC ist es noch zu früh.

Schon jetzt machen Ihnen Veranstalter massive Konkurrenz: Im kommerziellen Fußball verlieren ARD und ZDF trotz der Millioneninvestitionen immer mehr Terrain. Die Klubs betreiben längst eigene Bezahlsender zum Beispiel mit privilegiertem Zugang zu Stars. Ist das nicht ärgerlich?

Schwierig wird es für die Berichterstattung, wenn Exklusivitäten übertrieben werden. Mehr und mehr üblich wird heute, dass Veranstalter dazu übergehen, die Ereignisse selbst im Netz zu streamen. Das können Sportvereine sein, aber auch Konzerthäuser oder Wirtschaftsunternehmen. Die Abgrenzung von Exklusivität und Nichtexklusivität wird auch rechtlich zunehmend schwieriger. Die Kaskade wird immer weiter aufgefächert. Früher gab es das Senderecht, dann Senderechte und Abrufrechte, Senderechte im frei empfangbaren Fernsehen und dann auch noch online. Wir wissen heute noch nicht, was dies im Bereich Social Media bedeuten wird. Wir müssen damit rechnen, dass die Kuchenstücke immer kleiner und härter umkämpft sein werden.

Wo führt das hin?

Es führt dazu, dass das Geschehen bunter wird und wir Inhalte nicht mehr eindeutig einem Anbieter zuordnen werden können. Über die Parallelnutzung des Internets entstehen vollkommen neue Effekte. Ein Beispiel: Das Fraunhofer-Institut in Berlin entwickelt im Moment gerade eine Technik, die es jedem Nutzer ermöglichen wird, durch Antippen eines Spielers in einem Fußballspiel zum Beispiel auf einem zusätzlich genutzten Tablet-PC genaue Angaben abzufragen: Wie viele Kilometer ist er gelaufen, wie genau waren seine Pässe, wie viele Schüsse aufs Tor und so weiter. Ich bin mir sicher, dass eines Tages Leute im Stadion mit Google-Brille und anderer Technik so etwas noch parallel zum Spielerlebnis bekommen werden. Wir leben da in einer Umbruchsituation. Ich glaube, dass wir unseren Maßstab als Journalisten nur dann nicht verlieren, wenn wir die Bedeutung der Qualitätsmedien hochhalten und ausbauen, also: kritische Distanz, das Ziel, ein umfassendes Bild zu vermitteln und sorgfältig aufzubereiten, Starkult nicht bedingungslos mitzumachen, aber umgekehrt dem Interesse der Menschen an den Spielern und auch am Geschehen gerecht zu werden.

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