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Sotschi : Der vergrabene Kurort

Bild aus einer verlorenen Zeit: Sotschi auf einer Postkarte aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert Bild: INTERFOTO

Seit je verbringen Russlands Mächtige ihre Sommer in Sotschi. Sowjetdiktator Josef Stalin ließ hier seinen Arm mit Heilwasser behandeln; Wladimir Putin wurde ebenfalls zum Dauergast. Die Olympischen Winterspiele haben den Ort nicht wachgeküsst, sondern überrollt.

          7 Min.

          Nach einem langen, heftigen Kampf sind von der „Kaukasischen Riviera“ nur noch die Gerippe zweier Gebäude und ein paar große Schutthaufen übrig geblieben. Ein paar Arbeiter stochern lustlos im Geröll herum, von Zeit zu Zeit ziehen sie Metallteile heraus, die sie auf einen verbeulten, schmutzigroten Lastwagen werfen. Mehr ist nicht mehr zu sehen von dem Ort, an dem die Geschichte Sotschis als mondäner Kurort begann, der unter reichen Russen rasch so beliebt wurde wie die Bade- und Spielstädte Westeuropas. Das Hotel „Kaukasische Riviera“ galt als eines der schönsten Jugendstilgebäude Russlands, es hatte ein eigenes Theater, in dem die besten Sänger und Schauspieler des Landes auftraten, und bot auch sonst einiges: „Alle Gebäude werden mit Strom aus einem eigenen Kraftwerk beleuchtet. Das Trinkwasser wird aus einer Quelle in den Bergen in einer eigenen Wasserleitung herangeführt“, hieß es im Werbeprospekt des Eröffnungsjahres 1909.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Nur wenige Schritte von dem Zaun entfernt, der um die Reste des Hotels gezogen ist, beginnt der Riviera-Park. „Sei gegrüßt, Olympia, sei gegrüßt, neues Leben!“, tönt ein Popsong aus den scheppernden Lautsprechern am Eingang, aber im Park halten trotz der vielen Gäste in der Stadt einige der Cafés am Anfang der Olympiawoche noch ihren Winterschlaf. Der Riviera-Park, der am Anfang seiner Geschichte so aristokratisch war wie das Hotel, das ihn vom Schwarzen Meer trennte, ist so etwas wie das touristische Herz des Zentrums von Sotschi. Schießbuden, Karusselle, Kioske, kleine Restaurants, ein Wachsfigurenkabinett und das große Delfinarium verbreiten am zentralen Weg Rummelatmosphäre, während die Magnolienallee, die gleich am Eingang zur Seite abzweigt, ein stilles Denkmal vergangener sozialistischer Völkerfreundschaft ist: Verwitternde kleine Täfelchen vor den Bäumen erinnern daran, welche vietnamesischen Kämpfer, afrikanischen Präsidenten oder treuen europäischen Genossen sie während eines Besuchs gepflanzt haben.

          „Vor fast vierzig Jahren war das eine Gartenstadt“

          Sotschi hat sich seit der Eröffnung der „Kaukasischen Riviera“ vor gut hundert Jahren in mehreren Schüben entwickelt: kurz und stürmisch in den wenigen Jahren bis zur Revolution 1917, planvoll und in großem Stil in der Stalin-Zeit, deren Architektur in der üppigen subtropischen Vegetation irritierend freundliche Züge hat. Die siebziger Jahre brachten Bettenburgen am Meer und Plattenbauten in den Wohnbezirken, die Neunziger verstreuten den postsozialistischen Wildwuchs von Kiosken, kleinen Läden, ersten kapitalistischen Einkaufszentren und schäbigen Cafés über die Stadt, während manche der alten Hotels und Sanatorien zu verfallen begannen. Die Stadt veränderte sich, ob zum Guten oder zum Schlechten, aber sie behielt ihren Charakter: „Als ich vor fast vierzig Jahren hierher kam, war das eine Gartenstadt“, sagt die Architektin Olga Kosinskaja. „Im Zentrum stand die Funktion Sotschis als Kurort, in den die Menschen kamen, um in den Sanatorien etwas für ihre Gesundheit zu tun.“

          Dann brach Olympia über Sotschi herein. Investoren aus Moskau witterten großes Geld, privatisierten – oft unbemerkt von der Öffentlichkeit – Grünflächen und Sanatorien, rissen ab, fällten Bäume und begannen zu bauen. Die Proteste von Umweltschützern, Heimatforschern und Architekten wie Olga Kosinskaja, die zusammen mit anderen einen Generalplan für die weitere Stadtentwicklung forderte, verhallten ungehört. In den ersten Jahren der Olympia-Vorbereitung hatte die wie eine Nadel in die Höhe ragende, siebzig Meter hohe Turmspitze des Hafengebäudes noch kaum Konkurrenz, heute verschwindet sie zwischen einem Dutzend Gebäuden, die höher sind als sie.

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