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Snowboard : Putschversuch in der Halfpipe

  • -Aktualisiert am

„Ich sage: Natürlich ist White zu schlagen”: Podladtchikov glaubt an seine Chance auf den Olympiasieg Bild: AFP

Der Schweizer Iouri Podladtchikow ist der Gegenentwurf zur Snowboard-Ikone Shaun White. Nun fordert er den Superstar bei Olympia heraus. Die Snowboardwelt fiebert einem Wettkampf entgegen, der ein Spektakel verspricht, das es in der Geschichte dieser Sportart noch nicht gegeben hat.

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          Shaun White ist Olympiasieger, Superstar, Werbe-Ikone, der reichste, beste und innovativste Halfpipe-Fahrer in der Geschichte des Snowboardens. Er verdient zehn Millionen Dollar im Jahr, er ist auf Du und Du mit Hollywood-Stars - und er ist der sicherste Gold-Tipp dieser Olympischen Spiele. Das ist die gängige Meinung vor dem Halfpipe-Finale in Cypress Mountain, jener olympischen Veranstaltung, die als erste ausverkauft war und die das amerikanische Fernsehen zur besten Sendezeit überträgt. Sie wird ein Höhepunkt dieser Spiele werden, und White wird gewinnen, weil er unschlagbar ist, White, White, White.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Der Schweizer Iouri Podladtchikow, der beste europäische Halfpipe-Fahrer, hat das alles schon tausendmal gehört - und es hängt ihm zum Halse heraus. „Ich weiß nicht, warum alle behaupten, Shaun White sei bei Olympia nicht zu schlagen. Ich sage: Natürlich ist er zu schlagen.“ Die Schweizer Presse hat für Podladtchikows Ansage ein großes Wort gefunden. Sie sei nichts anderes als ein Putschversuch. Da kommt einer daher und verneigt sich nicht vor dem König der Snowboarder, sondern sagt ihm den Kampf an. Erstaunlich.

          Der 21 Jahre Züricher ist wie viele Schweizer Spitzenfahrer in der Davoser Sportschule ausgebildet worden. Er ist ein nicht nur sportlich hochbegabter, sondern auch ein hochintelligenter Bursche, dem man einen sachten Hang zur Arroganz nachsagt. Jedenfalls ist Podladtchikow so etwas wie der Gegenentwurf zum kalifornischen Wunderknaben White, der hinter all seinen Sponsorenverträgen, Videospielen und PR-Terminen abseits des Schnees kaum noch Persönlichkeit erkennen lässt.

          Das Podium in Aspen: Sieger der X Games wurde White vor Podladtchikov (l.) und dem Japaner Kazuhiro Kokubo

          White, der schon mit zwölf Jahren seinen ersten Millionenvertrag bekam und nebenbei einer der besten Skateboarder der Welt ist, hat sich über die Jahre zu einem Abziehbild seiner selbst entwickelt, zu einer Marke, unter der nicht nur seine Bekleidungslinie entworfen wurde, sondern auch er selbst. Shaun White ist ein Star, fast wie Michael Jackson einer war, er ist ein Genie, aber er lebt in einer künstlichen Welt. Podladtchikow ist anders. Er ist nicht inszeniert, er spielt keine vorgefertigte Rolle, er verkauft sich nicht mit Haut und Haaren, er ist klug, frech, unbequem und immer geradeheraus.

          „Ich wollte immer nur besser werden als mein Bruder“

          Podladtchikow ist in Moskau geboren. Vater und Mutter sind Mathematiker, der Vater kam über Professuren in Schweden und Holland 1996 in die Schweiz, wo er seit einigen Jahren an der Züricher Universität lehrt. Er hat seinen Sohn nie dabei unterstützt, Profi-Snowboarder zu werden. Auch Iouri Podladtchikow ist nicht mit dem Wunsch groß geworden, sein Geld einmal als Snowboardprofi zu verdienen. „Ich wollte immer nur besser werden als mein Bruder.“

          Das hat er geschafft, sein Bruder Igor ist mittlerweile auch Profi, allerdings als Musiker. Iouri startete bis 2007 für Russland, seither fährt er für den Schweizer Verband. Die Eidgenossen haben 1998 bei der olympischen Snowboard-Premiere durch Gian Simmen Gold gewonnen, Podladtchikow will es ihm in Kanada nachmachen, trotz White, dem Überflieger.

          „Schade, dass Shaun ein solcher Ego ist“

          Der 23 Jahre alte Amerikaner hat in dieser Saison die Szene aufgemischt wie nie zuvor. Im Frühjahr hatte er in einer Privatpipe in den Rocky Mountains heimlich neue Sprünge einstudiert, sogenannte Doublecorks, Doppelsaltos mit dreifacher Schraube, von denen man bis dahin angenommen hatte, dass sie in der Halfpipe nicht machbar seien. Podladtchikow kommentierte Whites Halfpipe-Solo damals mit den Worten: „Es ist schade, dass er ein solcher Ego ist. Ich weiß nicht, was er alles für Sorgen und Probleme hat. Ich würde nie alleine Snowboarden gehen.“

          Als White die neuen Höchstschwierigkeiten im Sommer bei den New Zealand Open öffentlich präsentierte, löste er damit bei den Konkurrenten höchste Betriebsamkeit aus. Von einem Tag auf den anderen war klar: Wer bei Olympia eine Medaille gewinnen will, muss Doublecorks im Repertoire haben. Die Jagd nach den neuen Sprüngen forderte Ende Dezember ein prominentes Opfer, als Whites amerikanischer Rivale Kevin Pearce bei einem Trainingssturz schwerste Kopf- und Hirnverletzungen erlitt, womöglich wird er zeit seines Lebens behindert sein.

          Überraschungen und Weltneuheiten nicht ausgeschlossen

          Es war ein Unfall, nach dem auch klar wurde, dass sich White aus der Snowboardwelt, die sich traditionell über Freundschaft und Solidarität definiert, verabschiedet hat. Es müsse halt jeder im Rahmen seiner Fähigkeiten fahren, sagte er an die Adresse von Pearce, einem überaus beliebten Fahrer. White outete sich damit endgültig als Egomane, und es gibt nicht wenige in der Szene, die es ihm von Herzen gönnen würden, wenn er in Cypress das Gold einem anderen überlassen müsste, das dort für ihn nur zur Abholung bereit zu liegen scheint.

          So oder so, es wird spannend in Cypress Mountain in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag. Nicht nur wegen der Doublecorks, die mittlerweile eine Reihe von Fahrern beherrschen, natürlich auch Podladtchikow. Nein, White hat schon wieder Neues vorgelegt, einen sogenannten Double McTwist 1260, einen Doppelsalto mit dreieinhalb Schrauben. Was die anderen zu bieten haben, wird man erst im Wettkampf sehen, Überraschungen und weitere Weltneuheiten sind nicht ausgeschlossen.

          Podladtchikow jedenfalls sieht sich gut gerüstet; vor zwei Wochen bei den X-Games wurde er Zweiter, lächerliche 1,6 Punkte hinter White, der im Training gestürzt war, was ihm fast nie passiert. Ob er nervös wird? Die Snowboardwelt jedenfalls fiebert einem Wettkampf entgegen, der ein Spektakel verspricht, das es in der Geschichte dieser Sportart noch nicht gegeben hat.

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