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Team Kanada : Das 76/88-Trauma geht weiter

  • -Aktualisiert am

Unerfüllte Sehnsucht: Jennifer Heil verpasst als Zweite das historische Gold für Kanada Bild:

Die dritten Winterspiele auf heimischem Boden bringen am ersten Tag noch nicht das ersehnte Gold für den Gastgeber. Jennifer Heil kann auf der Buckelpiste nicht gewinnen. Kanada wartet also weiter auf das erste Heim-Gold.

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          O Canada – es wäre so schön gewesen. So aber kostete Jennifer Heil das Lächeln große Mühe. Es geriet ein bisschen schief, ein Lächeln, hinter dem sich Tränen verbargen. Hilflos schaute sie sich um, den Helm immer noch auf dem Kopf. Neben ihr sprang die neue Olympiasiegerin quietschend herum und beutelte die amerikanische Fahne in ihren Händen. Ein bisschen ungläubig war Jennifer Heil, dass der Wettkampf schon vorbei war und sie nichts mehr machen konnte, um den Olympiasieg doch noch zu retten. Doch es war gelaufen: Den rasanten Flutlicht-Ritt über die Buckelpiste gewann nicht die kanadische Favoritin, sondern die Amerikanerin Hannah Kearney.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die einheimischen Ski-Fans im Zielraum von Cypress Mountain klatschten natürlich trotzdem in die Hände. Es hörte sich an wie dumpfes Klopfen, denn sie trugen alle diese roten Strickfäustlinge, wie sie jeder gute Kanadier irgendwann für zehn Dollar gekauft hat, weil er damit sein Olympia-Team unterstützt. Um nicht den Siegesjubel der Konkurrentin ansehen zu müssen, ließ Jennifer Heil wieder den Blick schweifen auf der Suche nach einem Gesicht, an dem sie sich festhalten konnte. Irgendwo im Publikum befand sich Stephen Harper, Kanadas Premierminister, der nur allzu gerne beim ersten olympischen Gold seines Landes auf heimischem Boden dabei gewesen wäre. Der Mann ist natürlich Profi und fing sich schnell. „Sie hat uns heute stolz gemacht“, sagte er trotz der allgemeinen Enttäuschung.

          Jennifer Heil, die Olympiasiegerin von 2006 in Turin, hätte es schaffen können am ersten Tag der Spiele mit dem Gold. Und niemand kann behaupten, dass sie eine schwache Leistung gebracht hätte. Wie eine Nähmaschine arbeitete sie sich Buckel für Buckel durch den weichen, schweren Schnee die Piste hinunter, ihre Knie blieben geschlossen, als wären sie aneinandergeschraubt, zwei Sprünge, hoch und akrobatisch, sicher gelandet, klappten auch, doch irgendwo, im Mittelteil der Strecke, verlor sie ein bisschen den Schwung, und deshalb reichte es nicht im Vergleich mit der perfekten Amerikanerin.

          Spritzig: Jennifer Heil zwischen den Buckeln
          Spritzig: Jennifer Heil zwischen den Buckeln : Bild: AP

          Wir sagen nur: 76/88

          O Canada – es wird doch wohl nicht zu einer Verkrampfung kommen im wild entschlossenen Gastgeberteam? Wir sagen nur: 76/88. Jedes Kind in dem weiten Land weiß, was damit gemeint ist: kein Gold bei Spielen im eigenen Land. Jennifer Heil war zwar 1976 noch gar nicht geboren, als in Montreal die Sommerspiele abgehalten wurden. Und 1988, als die damaligen Cracks in Calgary um Medaillen kämpften, fing sie als vierjähriger Wildfang im Edmonton Ski Club gerade damit an, sich über kleine Schanzen zu katapultieren. Doch die alten Geschichten lassen das Land nicht los. „Das Gold kommt bald, und nicht nur das“, sagte Jennifer Heil, als sie sich wieder gefangen hatte. „Wir haben ein starkes Team und werden noch sehr stolz sein.“ Der ganzen Mannschaft allerdings ist bewusst, dass ein paar Medaillen nicht reichen werden, um die Sehnsucht des Landes zu stillen.

          Es müssen viele sein am Ende dieser Winterspiele, mit dem Eishockey-Gold als einsame Krönung. Die Funktionäre haben ihre Sprüche oft genug wiederholt. Erst vor wenigen Tagen lachte der kanadische Sportminister Gary Lunn herausfordernd und fragte: „Was wäre, wenn wir mehr Medaillen gewinnen würden als Deutschland?“ Immer wieder erklärtes Ziel ist es, den Medaillenspiegel nordamerikanischer Zählweise, also rein nach der Anzahl der ersten, zweiten und dritten Plätze, am Ende anzuführen. Etwa 35 Medaillen würden dafür gebraucht, schätzen die Kanadier. Zum Vergleich: Deutschland, das 2006 in Turin an der Spitze der Nationenwertung stand, errang damals 29 Medaillen.

          „Ich habe Silber gewonnen, nicht Gold verloren“

          Die Frage, ob eine solche Haltung nicht unkanadisch sei, beantworten die Verantwortlichen mit Nein. Als unkanadisch empfindet man im Gastgeberland mittlerweile viel eher den wenig erfolgversprechenden Hang zum „Mister Nice Guy“. Man wolle, schrieb ein Zeitungskolumnist dieser Tage, nicht mehr für andere der Bettvorleger sein. „Wir treten an, um zu gewinnen“, sagte Chris Rudge, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees für Kanada, immer wieder. „Und man kann immer noch in Würde und Demut gewinnen.“ Die nationalen Anstrengungen waren groß in den vergangenen fünf Jahren. 117 Millionen Dollar (82 Millionen Euro) ließen sich Regierung, Sponsoren und Privatleute das Projekt „Own the podium“ kosten. Ziel war es, den Medaillenkandidaten zu optimalen Trainingsbedingungen zu verhelfen. Es wurde Geld ausgegeben für Trainingsausrüstung, Betreuer, Ärzte und Physiotherapeuten. „Bei uns soll kein Olympiateilnehmer sagen, der Typ neben ihm hat eine bessere Ausrüstung als er“, erklärte Rudge flott und zitierte Victor Hugo: „Man kann eine vorrückende Armee stoppen. Aber nicht eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“

          Die Herren Politiker und Offiziellen haben gesprochen. Nun sind die Athleten dran. Ob sie die Spiele, die mit einem düsteren Unglück, mit Regen und Nebel begannen, in ein paar Tagen mit vielen goldenen Ahornblättern werden veredeln können? Jennifer Heil schob die Hand in ihre Tasche und befühlte die Zeichnung, die darin steckte. Offenbar eine Art Talisman, ein Bild von ihr, das ein Mädchen ihr geschenkt hatte. Die Frau darauf war immer noch dieselbe. Und so half ihr am Ende eine alte Sport-Floskel über die Enttäuschung hinweg: „Ich habe Silber gewonnen, nicht Gold verloren.“

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