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Skispringen : Neumayers Riesengaudi

Voll auf der Höhe: Dem deutschen Team gelingt der erste Weltcup-Sieg seit fünf Jahren (v.l.: Pascal Bodmer, Martin Schmitt, Michael Neumayer, Michael Uhrmann) Bild: REUTERS

Dem deutschen Team gelingt in Willingen der erste Sieg im Weltcup seit fünf Jahren. Mit Platz drei im Einzelspringen hat sich der Berchtesgadener Michael Neumayer endgültig aus dem Loch herausgebuddelt.

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          Michael Neumayer konnte gar nicht mehr genug kriegen vom Springen. Kaum hatte er nach der Landung im Auslauf abgeschwungen, setzte er zum nächsten Hüpfer an – diesmal aus dem Stand. Der war immer noch recht beeindruckend, fiel aber nicht mehr ganz so weit aus wie der Satz auf 141 Meter kurz zuvor, der ihn beim Einzelspringen am Samstag in Willingen, der dritten Station der Team Tour, auf Platz drei getragen hatte. Es war die pure Glückseligkeit, die sich in diesem Sprung unter dem Jubel der 16.000 Zuschauer bei Neumayer Bahn brach – nicht nur, weil es seine zweite Podestplazierung in einem Weltcup-Einzelspringen war, nach Rang drei in Garmisch-Partenkirchen vor zwei Jahren; sondern auch, weil die genau eine Woche vor dem olympischen Auftaktwettkampf kam, dem Springen von der Normalschanze. So freute sich Neumayer über seinen dritten Platz hinter Sieger Gregor Schlierenzauer (Österreich) und Anders Jacobsen (Norwegen) wie ein Schneekönig. „Es war eine Riesengaudi, hier zu springen“, sagte er.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Neumayers Hochgefühl wurde auch dadurch nicht getrübt, dass gleich sechs der Top-Ten-Springer im Weltcup nicht am Start waren. Simon Ammann (Schweiz), Wolfgang Loitzl und Martin Koch (Österreich), Adam Malysz (Polen), Janne Ahonen (Finnland) und Robert Kranjec (Slowenien) – sie alle hatten wegen Olympia auf die Wettbewerbe in Willingen verzichtet. „Schade für die Zuschauer, gut für mich“, kommentierte Neumayer das ausgedünnte Feld ungerührt, und auch Bundestrainer Werner Schuster ließ sich davon nicht den Spaß verderben: „Man muss diesen Erfolg trotzdem hoch einschätzen, schließlich waren auch fünf, sechs Top-Springer da.“ Und Neumayer habe mit seinem starken zweiten Sprung noch „einen Thomas Morgenstern vom Podium geschubst“ – immerhin den Doppel-Olympiasieger 2006.

          Der erste Weltcup-Sieg seit fünf Jahren

          Schuster setzte vielmehr darauf, dass der lang ersehnte positive Ausreißer seine Springer weiter beflügeln, den Glauben an sich selbst weiter stärken wird. „Wir sind bisher oft im Gleichschritt marschiert im Team, da hat kaum einer richtig brillieren können“, sagte er. „Heute hat sich endlich einer richtig hervorgetan. Das wird dem Team noch einmal einen Schub geben.“

          Der Blick geht nach oben: Michael Neumayer gibt den deutschen Skispringern in Willingen die Richtung vor

          Der machte sich schon tags darauf deutlich bemerkbar: Beim Teamspringen zeigten sich neben Neumayer auch Michael Uhrmann mit zwei Sätzen auf 141,5 Metern und Martin Schmitt voll auf der Höhe. „Diese Sprünge konnte ich richtig genießen“, freute sich Uhrmann. So gelang es ihnen zusammen mit Pascal Bodmer, im letzten Durchgang die leicht favorisierten Norweger noch zu überflügeln, und weil die österreichischen Spitzenspringer am Sonntag schon abgereist waren, hieß das: erster Weltcup-Sieg für Deutschland seit fünf Jahren. „Dass wir den Norwegern hier noch den Rang abgelaufen haben, ist eine Riesenleistung“, sagte Schuster.

          Ausgerechnet Neumayer

          Auch der Bundestrainer hatte nicht unbedingt damit gerechnet, dass am Samstag ausgerechnet Michael Neumayer in die Rolle des „Vorspringers“ schlüpfen würde. Schließlich war die Saison bis vor kurzem ziemlich vorbei gelaufen an dem 31 Jahre alten Berchtesgadener – nicht zuletzt, weil er „große mentale Probleme“ hatte, so Schuster. Neumayer selbst sagt, er sei noch im Herbst vergangenen Jahres erstklassig in Schuss gewesen. „Da war ich von der Leistung her der Leitwolf im Team. Aber dann hab ich das Anfang des Winters nicht in den Wettkampf rüberziehen können.“

          Er sprang im Weltcup regelmäßig den Top Ten hinterher, und das änderte sich auch bei der Vierschanzentournee kaum. Mit dem Resultat: „Ich bin ein Loch gefallen, aus dem ich mich erst jetzt wieder herausgebuddelt habe“ – nicht zuletzt dank der zusätzlichen Trainingseinheiten, die er während seiner Weltcup-Pause Mitte Januar einlegte. Als er zwei Wochen später in Oberstdorf wieder zur Stelle war, „habe ich richtig Lust zu fliegen bekommen“. Nun gelang ihm in Willingen sein persönlicher Höhenflug in dieser Saison. „Es war toll zu sehen, wie er sich zuletzt gesteigert hat“, sagt Schuster.

          In Vancouver um die Medaillen springen

          Das trifft – in geringerem Maße – auch auf Schmitt zu, am Samstag hinter Uhrmann Elfter. Die Qualität seiner Sprünge schwankte in Willingen noch, Schuster bemängelte: „Er hat von der Absprungkoordination her noch nicht die Vorjahrsform erreicht.“ Dennoch zeigten sich die Routiniers im Team vor Olympia besser in Form als die Jungen Bodmer und Andreas Wank. „Einer von den Youngsters muss noch ein bisschen zulegen“, sagte Schuster, „wenn wir in Vancouver um die Medaillen springen wollen“.

          Und das wollen sie. Schuster sieht dafür „eine realistische Chance“, auch wenn die Konkurrenz hinter den dominierenden Österreichern groß ist: Norwegen, Finnland, Slowenien, Japan – „es wird viel von der Tagesform abhängen“, sagt Schuster. Bei der Team Tour immerhin sind für den Bundestrainer Theorie und Praxis schon mal perfekt zur Deckung gekommen. „Wir wollten uns Selbstvertrauen holen“, sagte Schuster. „Das haben wir geschafft.“ An diesem Montag beginnt mit dem Flug nach Vancouver der nächste Praxistest.

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