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Skispringen der Frauen : Fiebern oder fliegen?

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Die Jüngste - mit fünfzehn: Gianina Ernst Bild: dpa

Olympia-Premiere auf der Normalschanze: Die Vorkämpferin Ulrike Gräßler und das Küken Gianina Ernst wollen an diesem Dienstag (18.30 Uhr) loslegen. Doch der Schüttelfrost hat sie fest im Griff.

          Ulrike Gräßler zittert. Die Sächsin hat Sorgen. Übers Wochenende erwischte sie eine schwere Erkältung mit Schüttelfrost und weiteren Unannehmlichkeiten. Sie musste unter einer dicken Decke das Bett im Hotel in Krasnaja Poljana hüten und ihre Teilnahme an den Übungseinheiten absagen. Um sich zu schonen und die Kolleginnen nicht anzustecken. Doch am Montag klagte auch Gianina Ernst plötzlich über Unwohlsein und Fieber. Der Infekt kommt für beide im denkbar schlechtesten Moment. Unmittelbar vor dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karrieren.

          Die 26 Jahre alte Ulrike Gräßler ist mit großer Freude nach Sotschi gekommen, um dort ihre Premiere auf der olympischen Bühne zu erleben. Sie hat dafür gekämpft wie keine andere in der über 150 Mitglieder starken deutschen Delegation. Und nun, kurz bevor der ersehnte Auftritt an diesem Dienstag (18.30 Uhr MEZ/ ARD und im FAZ.NET-Liveticker) ansteht, lässt sie ihr Körper, den sie zuvor täglich bis zu fünf Stunden in Form brachte, um die Chance bangen. Es wäre eine bittere Pointe. Ulrike Gräßler, die aus dem Ort Eilenburg in der Näche von Leipzig stammt, ist Skispringerin. Die Sportart gehört bei den Winterspielen an der russischen Schwarzmeer-Küste erstmals zum Programm. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte sich lange gegen seine Aufnahme gesträubt. Ulrike Gräßler fühlte sich durch die Ablehnung diskriminiert und war deswegen vor vier Jahren mit 14 entschlossenen Mitstreiterinnen vor ein kanadisches Gericht gezogen, um in Vancouver doch dabei sein zu dürfen. Vergeblich.

          Die Richter folgten seinerzeit der Argumentation der Funktionäre, die „wichtige Kriterien“ nicht erfüllt sahen. Vordergründig ging es um Formalien. So mussten zwei Weltmeisterschaften absolviert werden, ehe die Herren der Ringe zum Einlenken bereit waren. Das ist inzwischen geschehen. Bis auch die letzten Vorurteile verschwinden, dauert es aber wohl noch länger. Gian-Franco Kasper ist mit seinen peinlichen Sprüchen nicht der Einzige, der sich im Ton vergriff. Der siebzig Jahre alte Präsident des Internationalen Skiverbandes, zugleich auch IOC-Mitglied, sprach davon, dass ihm das Erscheinen der Skispringerinnen nicht behage, weil es ihnen ja „bei der Landung die Gebärmutter zerfetzen“ könne.

          Nicht weniger selbstgefällig äußerte sich jetzt der Trainer der russischen Skispringer, Alexander Arefiew. Er betonte in einem Interview mit der Zeitung „Iswestija“, dass Frauen auf den Schanzen nichts zu suchen hätten. „Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr das nie erlauben“, sagte der Chauvinist alter Schule: „Frauen haben einen anderen Zweck: Kinder bekommen, Hausarbeit und sich um die Familie kümmern.“ Doch die Machos der Szene haben die Entwicklung nur behindern, aber nicht verhindern können.

          Eine Karriere wie im Flug: Gianina Ernst, hier beim Olympia-Training, gilt als größtes Talent im deutschen Team

          Es sind nicht mehr nur wagemutige Exotinnen, die sich mit Lust am Risiko zu Tal stürzen, sondern es steckt ein Konzept in der Aus- und Fortbildung bei den Verbänden dahinter. Am Weltcup beteiligen sich inzwischen Teams aus 15 Nationen. Einmal in der Luft, ist dabei selbst für Experten kaum ein Unterschied zu den Männern auszumachen. Ablauf, Flugstil, technische Ausrüstung, Anzug: nahezu identisch. Die Frauen benutzen auch die gleichen Anlagen wie die Männer - und springen mitunter weiter: Weil sie weniger Körpermasse mitbringen und bei günstigen Witterungsbedingungen im Aufwind besser getragen werden. Im italienischen Ort Val di Fiemme, wo unmittelbar vor Olympia noch die zweite geforderte WM stattfand, hielt vorübergehend Sarah Hendrickson auf der Normalschanze den Rekord; die amerikanische Weltmeisterin sprang dort 108 Meter, ehe sie von einem Mann, Christoph Bieler (Österreich, 109,5 Meter), überflügelt wurde.

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