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Skigymnasium Stams : Die Goldschmiede Österreichs

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Er zum Beispiel: Gregor Schlierenzauer, Absolvent des Skigymnasiums Stams Bild: AFP

Was immer Österreichs Skisportler reißen, die Sieger kommen aus Stams, dem härtesten Sportgymnasium der Welt. Es macht aus Menschen Olympiahelden - oder Verlierer. Skispringer Gregor Schlierenzauer will am Samstag ein Held werden.

          Gelber Anzug, blauer Helm, das rechte Bein locker auf die Sprunglatten gelegt. So schwebt der Gregor, wie man ihn hier nennt, in einem Sessellift wie in Zeitlupe hinauf zur Brunnentalschanze K 60. Oben steigt er aus und sieht eine Weile hinunter auf seinen ehemaligen Schulort Stams, in dem seine und so viele andere österreichische Sportlerkarrieren begonnen haben. Dann macht sich Gregor Schlierenzauer, die größte Olympia-Gold-Hoffnung Österreichs, fertig zum ersten Trainingssprung des Tages.

          Wie ein gestrandetes Schiff liegt der graue Funktionsbau im Tiroler Inntal und wirkt auf den ersten Blick nicht unbedingt wie eine Goldschmiede. „Internatschule für Schisportler Stams“ steht an der Türe, dahinter öffnet sich eine verwirrende Kombination aus Sichtbetongängen, kreisrunden Fenstern und Lüftungsrohren, aus verschachtelten Räumen und verwinkelten Sitzgruppen, aus Klassenräumen, Vierer-Schlafzimmern und, weil sich hier fast alles um Sport dreht, aus Turnhallen, Krafträumen, Kletterwand, Schwimmbad und Skistall. Ein paar der 168 Schülerinnen und Schüler huschen flink über die orangebraunen Teppichböden. Es sind die Kinder, aus denen in Stams Olympiasieger gemacht werden.

          Harte Aufnahmeprüfung

          Harald Haim ist ein pragmatisch wirkender Mitvierziger mit graumelierten Haaren und der Sportliche Leiter der Schule, in der seit über vierzig Jahren Österreichs Skielite geschmiedet wird. Haim betreut die Skispringer, und auf die Frage, was ein junger Athlet mitbringen muss, um Olympiasieger zu werden, sagt er: „Allein die Anforderungen der Aufnahmeprüfungen sind bei uns so hoch, dass nur jene, die schon ausgezeichnete Skifahrer, Snowboarder, Springer oder Langläufer sind, Chancen haben.“

          Bei der Aufnahmeprüfung wird zunächst mit Kraftmessplatten und einem Stand-Weit-Test die Sprungkraft ermittelt. Die Aspiranten springen beidbeinig aus dem Stand nach vorne. Skisprungprofis kommen auf drei Meter, als Vierzehnjähriger sollte man mindestens 2,30 Meter schaffen. Dann wird die Anatomie der Springer untersucht, die Sprunggelenkbeweglichkeit, die Bein- und Fußform. Für das Flugverhalten sind O-Beine besser als X-Beine, weil sie in der V-Position mehr Auftrieb geben. Und ein Senkfuß drückt in der Luft auf die falsche Seite. Schlierenzauer hat übrigens weder einen Senkfuß noch X-Beine. Diesen Untersuchungen wird später allerdings nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Anatomische Überraschungen, muskuläre Unregelmäßigkeiten, Entwicklungsstörungen oder Entwicklungssprünge, kurzum: Der menschliche Faktor kann jederzeit alle Messungen widerlegen.

          „Es passiert immer wieder“, sagt Haim, „dass jemand diese objektiven Anforderungen nicht erfüllt und beim Testspringen trotzdem sehr gut ist.“ Wolfgang Loitzl zum Beispiel habe beim 2400-Meter-Lauf, einem Test, der die Motivationsleistung prüft, richtig schlecht abgeschnitten. „Da gibt es kaum einen, der langsamer gelaufen ist.“ Heute zählt er zu den besten Skispringern der Welt.

          Gregor Schlierenzauer zum Beispiel

          Auch der BMI, der Body-Mass-Index, wird bei der Aufnahmeprüfung ermittelt. Dieser Wert beschreibt das Verhältnis zwischen Körpergröße und Gewicht. Nachdem das Problem Magersucht bei Skispringern in den letzten Jahren öffentlich geworden war, hatte der Internationale Skiverband einen Mindest-BMI von 18,5 eingeführt. Das heißt, ein erwachsener Springer darf bei einer Körpergröße von 1,70 nicht weniger als 53 Kilogramm wiegen. Vierzehnjährige Springer in Stams erreichen diesen Wert fast nie. „Es ist ganz normal, dass die einen BMI von fünfzehn, sechzehn oder siebzehn haben“, sagt Haim. Wenn aber ein Schüler mit fünfzehn Jahren schon einen BMI von zwanzig hat, dann raten wir ihm in Stams vom Skispringen ab. Es hätte sonst zu große Entbehrungen zur Folge. All das aber ist erst der Anfang, das Eintrittsticket in die Schule.

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