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Skigymnasium Stams : Die Goldschmiede Österreichs

Am Schwarzen Brett, gleich neben dem Büro des Direktors, hängt neben einem Stundenplan und einem Plakat zur „Berufsinfo-Messe“ ein Plan fürs „Mentaltraining“ bei Sportpsychologe Dr. Peter Kirschner. „Ich bin dafür da, dass aus den Trainingsweltmeistern echte Weltmeister werden“, sagt Kirschner in einem gedehnten Tiroler Dialekt und erzählt, dass er mit individuellen Konzentrations- und Regulierungstechniken „das ganze Potential aus den Stamsern“ herausholt. Talent und körperliche Voraussetzungen seien eine Sache. „Aber im Spitzensport geht es darum, die Leistungsfähigkeit zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt abrufen zu können. Eine gut austrainierte Psyche ist genauso wichtig wie ein gut austrainierter Körper.“

Wer es nach Stams schafft, muss mit mentalem Druck umgehen können. Dieser Druck wirkt von vielen Seiten auf die jungen Sportler ein. Die strengen Abläufe in der Schule, die Leistungsanforderungen im Unterricht und im Sport, die Erwartungen überambitionierter Eltern und immer wieder Verletzungen, die nun einmal dazugehören und doch herbe Rückschläge sind. Allein in diesem Winter gab es in Stams schon fünf Kreuzbandrisse. Eine Verletzung wegzustecken sei für einen auf Leistung geschulten jungen Menschen besonders schwierig, sagt Kirschner. Aber auch ohne Verletzung muss man in Stams, „mit dem ganzen Druck erst mal klarkommen. Wenn bei einem Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen der Kopf nicht frei ist, läuft es auch im Sport nicht.“

Mentale Trainingseinheiten

Stams hat eine Abbruchquote von dreißig Prozent. Kirschners mentale Trainingseinheiten sind freiwillig, aber immer ausgebucht. Die Schüler kommen abends zu ihm und stellen ihm ganz konkrete Fragen, zu Sport und Schule gleichermaßen: Wie bekomme ich diese Nervosität, die mich bei den Nationalen Meisterschaften so gehemmt hat, nächstes Mal besser in den Griff? Wie bewältige ich den Stress, der während der letzten Deutschklausur so an meinem Denkvermögen gezehrt hat? Kirschner hört sich in seiner ruhigen und gelassenen Art alles an, antwortet mal als Therapeut, mal als Lehrer und sagt Sätze wie diesen: „Du hast alles in dir. Du musst es nur aktivieren.“ Und manchmal sagt er auch gar nichts, weil er spürt, wenn sich jemand nur etwas von der Seele reden will.

In den letzten Tagen vor Olympia kamen plötzlich auch viele ehemalige Stamser Schüler, die sich für Kanada qualifiziert hatten, wieder zu Kirschner. Auf dem Weg zur Bestform hatten sie sich an ihre Schulzeit und den mentalen Beistand erinnert und vereinbarten noch ein letztes, vielleicht erfolgsentscheidendes, Gespräch bei Dr. Kirschner.

Trotz außergewöhnlichem Talent, perfekter Anatomie und starker Psyche, nicht jeder kann in die Weltspitze springen. Was passiert mit den anderen?

Sporttheorie als Pflichtfach

Zwanzig Lehrer kümmern sich an der Schule um den Unterricht außerhalb des Sports. Sie sind der Grund dafür, dass Stams nicht nur Goldmedaillengewinner, sondern auch Piloten, Mediziner, Therapeuten, Manager oder Politiker hervorbringt. Neben der sportlichen Leistung, so heißt es in Stams immer wieder, wird auch die schulische Leistung und die soziale Kompetenz gefördert. „Unsere sportlich weniger erfolgreichen Absolventen sind nicht zu Skilehrern verdammt“, sagt Peter Samuda, Lehrer für Englisch, Geographie und Wirtschaftskunde. Aber selbst der Unterricht hat oft Bezüge zum Sport. Sporttheorie ist ein Pflichtfach, und zum Sprachenunterricht gehört der Umgang mit den Medien. Samuda hat vor zwei Jahren noch mit einem Schüler namens Gregor Schlierenzauer in Englisch Interviews geübt. Nun sagt er : „Als sich Gregor vor ein paar Wochen auf BBC geäußert hat, haben das Freunde von mir in England gesehen. Sie haben mich angerufen und verwundert gesagt: He is not embarrassing at all!“

Nach dem dritten Sprung scheint Gregor zufrieden zu sein. Der Anlauf war gut, der Absprung, der Flug nicht mehr so aufrecht, und weil diese Analyse vom derzeit besten Skispringer der Welt kommt, kann er zu seinen Trainern auch einfach nur sagen: „Mir taugt's schon.“ Dann dreht sich Gregor Schlierenzauer, Schüler aus Stams und Goldhoffnung der Österreicher, noch einmal um und grinst.

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