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Skigymnasium Stams : Die Goldschmiede Österreichs

Staudacher war noch vor einigen Jahren als Sportlicher Leiter für die Alpinskisparte zuständig und hat sich immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie ein Weltklasseskiläufer entsteht und wie er also das Ausbildungssystem optimieren kann, damit das passiert. „Den Fall Hermann Maier würde es heute nicht mehr geben“, sagt er. Maier war mit sechzehn aus der Skihandelsschule in Schladming geflogen, weil er aufgrund einer Wachstumsstörung die Leistung nicht mehr gebracht hatte. Einige Jahre später wurde er Österreichs erfolgreichster alpiner Skifahrer. Dass Maier vom vermeintlich perfekten System aussortiert wurde, obwohl er Talent hatte, das hat Menschen wie Staudacher zum Nachdenken gebracht. „Heute verfolgen wir den präventiven Ansatz und können von vornherein feststellen, wie belastbar eine Schülerin oder ein Schüler ist“, sagt er.

Viele Einflüsse entscheiden

Dieser neue Ansatz lässt einem Athleten mehr Spielraum in seiner Entwicklung, setzt nicht stur auf die Umsetzung von Trainingsplänen. Darin unterscheidet sich Stams heute auch grundlegend vom Modell der Sportschulen der DDR, an denen man sich früher orientierte, an denen Schäden bei den Athleten aber in Kauf genommen wurden. „Wenn ein zweiter Hermann Maier in Stams wäre, würde er nicht abbrechen, sondern nach einem speziellen Therapieprogramm weitertrainieren“, sagt Staudacher.

Und? Ist einer da? „Wenn ich das wüsste“, er hebt die Arme an, eine Ratlosigkeitsgeste, „dann wäre ich der große Guru. Aber leider kann man es nicht wissen.“

Es gibt viele Einflüsse, die bestimmen, ob ein Talent sich durchsetzt. Es gibt das Wachstum, die Pubertät, persönliche Entwicklungen. Der menschliche Faktor wirkt im negativen wie im positiven Sinne. „Als zum Beispiel Benjamin Raich nach Stams kam“, sagt Staudacher, „war er ein schmaler, unscheinbarer Bursche, und man hat nichts von seinem Potential erkennen können.“ Ohne Zweifel talentiert, wie alle, die es nach Stams schaffen, aber seine wahre Entwicklung setzte erst später ein, in der Schule. In Turin wurde er Doppelolympiasieger.

Nach dem „Abendstudium“ treffen sich die Schüler im Aufenthaltsraum, spielen am Kicker, hören Musik, schauen sich auf Laptops Youtube-Videos an und rennen dazwischen wie durch Kippstangen zwischen den Zimmern hin und her. Die dünnen und schmächtigen, das sind die Skispringer. Die kräftigen, das sind Snowboarder und Skifahrer. Sie lachen, machen sich über die Disziplin der anderen lustig und erscheinen wie ganz normale Jugendliche. Doch in den Gesichtszügen steckt eine Ernsthaftigkeit, die nicht zu ihrer Jugendlichkeit passen will. Leistungssport scheint schnell erwachsen zu machen. Ein Mädchen humpelt mit einer Knieorthese durch den Flur, ein Junge hat den Arm in einer Schlinge. Um fünf vor zehn ruft Internatsleiter Walter Schwaninger einmal über den Gang: „Um zehn ist Nachtruhe. Also verräumt's euch!“ Das war's dann. Kein Protest. Keine heimliche Party auf den Zimmern. Am nächsten Tag ist wieder Training.

Die trainierte Psyche

Gregor ist unzufrieden, als er im Sessellift wieder an seinen Trainern vorbei nach oben schwebt. „Total Christbaum-Style“, sagt er, der Sprung sei viel zu aufrecht gewesen. Seine Trainer bestätigen ihm das und rufen ihm so lange Ratschläge und Anweisungen hinterher, bis er sie nicht mehr hören kann. Es ist die letzte Trainingseinheit vor dem Weltcup in Zakopane. Dort wird Gregor Schlierenzauer in einigen Tagen mit neuem Schanzenrekord gewinnen.

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