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Skigymnasium Stams : Die Goldschmiede Österreichs

Gregor, gerade zwanzig Jahre alt, wirkt noch immer wie einer der Schüler in Stams: ein dünner junger Bursche mit schelmischem Gesicht. Der einzige Unterschied besteht in den drei Trainern, die knapp oberhalb des Schanzentisches stehen; in roten Skiverband-Anoraks und mit Videokameras, Funkgeräten und Kopfhörern. Gregor Schlierenzauer geht in die Hocke, beschleunigt, und seine Skier zischen übers Eis. Dann springt er ab, explosiv und doch behende, und während seines Fluges wirkt die Welt für Sekunden völlig still. Mit einem lauten Knallen landet er bei sechzig Metern.

6.00 Uhr Aufstehen.

6.30 Uhr Morgenstudium.

7.00 Uhr Frühstück.

9.00 Uhr mit den einzelnen Trainingsgruppen zu den Sportstätten: In die nahe gelegenen Skigebiete ins Pitz- oder Ötztal, ins Kauner- oder Zillertal, ins Kühtai oder an den Hochzeiger; zur Schanze im Ort, nach Seefeld oder Innsbruck.

13.00 Uhr Mittagessen.

14.00 Uhr Unterricht bis 17.00 Uhr.

18.15 Uhr Abendessen.

19.45 Uhr Abendstudium.

22.00 Uhr Nachtruhe.

So sieht ein normaler Tag in Stams aus. Wer es dahin schafft, nimmt in Kauf, dass sich sein Leben grundlegend verändert. Von Oktober bis April gehen die Schülerinnen und Schüler kaum zur Schule, weil die Unterrichtszeiten sich am Wettkampfkalender des Skiverbands ausrichten. Während dieser Zeit lernen sie von ganz Europa aus über ein e-Learning-Programm im Internet. Ab April müssen sie den Stoff dann nachholen und von Montag bis Samstag ganztägig in den Unterricht. Im Juli haben sie eine Woche länger Schule, und wer sie nicht schafft, kann gemäß dem „Leistungsstufenmodell“ nicht sitzenbleiben, sondern muss nur ein Fach wiederholen. Dadurch sind manche Schüler bereits 25 Jahre alt, wenn sie die Matura machen, das Abitur.

Kein Mangel an Medaillen

Wenn Schuldirektor Arno Staudacher in seinem Büro die Augen hebt, dann sieht er durch große Fensterscheiben direkt in die Berge: Kreuzjochkogl, Hochhalter, Predigtstuhl - die fast 3000 Meter hohen Tiroler Gipfel erheben sich gleich hinter dem Ort und werfen Schatten auf die Schule. Staudacher trägt einen blauen Pulli und einen akkuraten Kurzhaarschnitt und sitzt an einem nüchternen Schreibtisch. „Im Skisport sind wir sicher die erfolgreichste Schule der Welt“, sagt er und überreicht die ausgedruckte Erfolgsbilanz der Schule. Seit 1972 haben ihre Absolventen 61 olympische Medaillen gewonnen; hinzu kommen 106 bei Weltmeisterschaften, 246 bei Juniorenweltmeisterschaften, 2260 bei Nationalen Meisterschaften und 25 Weltcup-Gesamtsiege.

Bis auf wenige Ausnahmen sind alle großen Namen, die man mit Österreich und Wintersport assoziiert, in Stams gewesen: Stefan Eberharter, Andreas Goldberger, Reinfried Herbst, Nicole Hosp, Anton Innauer, Andreas Kofler, Wolfgang Loitzl, Patrick Ortlieb, Manfred Pranger, Benjamin Raich, Mario Reiter, Marlies Schild, Gregor Schlierenzauer, Hubert Strolz, Ernst Vettori, Anita Wachter und auch Schweizer wie Daniel Albrecht und Sylvain Zurbriggen. Sie alle sind in Stams zu Stars geworden - in die vier Sparten Ski, Snowboard, Sprung und Nordisch eingeteilt, von zwanzig Übungsleitern trainiert, der Schulunterricht auf die Sportkarriere abgestimmt. Das „Internat für Schisportler“, das sich aus Gymnasium und Handelsschule zusammensetzt, ist eine von Bund, Land und Stift getragene „Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht“. Sie kostet die öffentliche Hand viermal mehr als eine gewöhnliche Schule, dennoch müssen die Eltern der Schüler jährlich noch 4750 Euro zuzahlen.

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