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Martin Schmitt und Simon Ammann : Den Sieg im Selbstbild

„Es fühlt sich wieder gut an”: Werden die Olympischen Spiele zu einer Trendwende für Schmitt? Bild: dpa

Noch vor der Eröffnungsfeier müssen die Skispringer ran. Zwei von ihnen haben besondere Achterbahn-Geschichten: Simon Ammann ist Favorit für das Springen auf der Normalschanze. Martin Schmitt ist in Whistler dem olympischen Geist auf der Spur.

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          War es Ahnungslosigkeit oder schon so etwas wie psychologische Kriegsführung? Jedenfalls hat sich Simon Ammann schon ein bisschen gewundert, als ihn bei seiner Ankunft auf dem Flughafen Vancouver ein Journalist fragte, ob das denn seine ersten Olympischen Spiele seien. „Nein, das sind meine vierten“, hat der Schweizer Skisprung-Heros den Mann belehrt und auch die zwei Goldmedaillen, die er 2002 bei seinem Coup in Salt Lake City gewonnen hat, nicht unterschlagen. „Er hat das aber elegant überspielt“, sagt Ammann, „und mit der gleichen Begeisterung weitergefragt.“

          Der Journalist war Österreicher, und wie man weiß, sind dessen Landsleute Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern, Wolfgang Loitzl und Andreas Kofler neben dem Polen Adam Malysz die schärfsten Gegner des 28 Jahre alten Schweizers beim Kampf um Gold. Vielleicht wollte der Mann nur ein bisschen am Selbstbewusstsein des Schweizers kratzen. Aber das ist schwer in diesen Tagen.

          Ammann führt im Gesamt-Weltcup, hat das letzte Weltcup-Springen gewonnen, an dem er vor den Olympischen Spielen teilnahm - und gleich am ersten Trainingstag auf der nagelneuen Normalschanze im Callaghan Valley gab er das Maß vor. „Ach, da ist schon noch Potential nach oben“, sagt der Schweizer. Und die nötige Erfahrung für die großen Wettkämpfe bringe er sowieso mit. Er hat ja auch seine Leidensgeschichte mit dem Tiefpunkt Olympische Spiele 2006. Was soll ihm noch groß passieren? Es klingt selbstbewusst, aber keineswegs arrogant.

          Für Olympia gemacht: Siege von Ammann in Whistler wären keine Überraschung

          Werner Schuster, der Trainer der deutschen Skispringer, ist auch Österreicher, aber einer mit hoher Fachkompetenz, und er trainierte die beiden Schweizer Simon Ammann und Andreas Küttel, bevor er zum Deutschen Skiverband wechselte. Er glaubt, dass sich seine österreichischen Landsleute an dem Schweizer auf der Normalschanze (Qualifikation: Freitag, 19.00 MEZ; Entscheidung: Samstag, 18:45 Uhr; FAZ.NET-Liveticker: Olympia 2010) die Zähne ausbeißen dürften. „Die Österreicher sind zwar gut aufgestellt, aber Ammann hat mich zuletzt in Klingenthal schon sehr beeindruckt.“ Solche Top-Leute, die zwei Sprünge hundertprozentig auf höchstem Niveau hinunterbringen, das schickt Schuster gleich hinterher, habe er derzeit nicht in seinem Team. Aber ganz so hoffnungslos sieht es wohl doch nicht mehr aus.

          Gemeinschafts-Bad statt Vier-Sterne-Hotel

          Vor ein paar Wochen hätte Schuster das Wort von der „Außenseiterchance“ bestimmt nicht in den Mund genommen, jetzt spricht der Bundestrainer auf die Frage eines kanadischen Journalisten sogar von „dangerous outsider“, und er begründet das auch: „Unser Plan war, bei der Team-Tour Selbstvertrauen zu tanken - und der ist aufgegangen.“ Natürlich haben sich bei letzter vorolympischer Gelegenheit in Willingen vor allem Michael Neumayer und das Team hervorgetan, aber wahrscheinlich hat Schuster mit noch größerer Aufmerksamkeit registriert, wie einer, der eine ähnlich bewegte Achterbahn-Geschichte wie Simon Ammann hat, mit jedem Sprung wieder besser in die Spur gekommen ist: Martin Schmitt, vor Wochen noch das angeblich ausgezehrte Sorgenkind, ist die schöpferische Pause offenbar bestens bekommen.

          Frisch und hungrig wirkt er, andererseits aber locker und entspannt. Und er erzählt, dass er als alter Hase bei seinen vierten Olympischen Spielen doch in gewisser Weise auch Debütant sei. „Ich wohne zum ersten Mal im Olympischen Dorf.“ Was durchaus gewöhnungsbedürftig ist, wenn man Vier-Sterne-Hotels gewohnt ist und sich plötzlich mit fünf anderen Athleten das Bad auf dem Gang teilen muss, und wenn die Wände so dünn wie Gardinen sind.

          Lange vermisstes Fluggefühl

          Aber vielleicht ist Martin Schmitt dem olympischen Geist mehr denn je auf der Spur. Denn während andere darauf hinweisen, dass Vancouver 2010 ja erst am Samstag anfange, sagt Schmitt: „Für mich haben die Spiele mit dem ersten Aufwachen im Dorf begonnen. Man spürt, dass es ein besonderer Wettkampf ist.“ Was aber viel wichtiger ist als olympisches Flair: „Es fühlt sich wieder gut an.“

          Das hat der 32 Jahre alte Schwarzwälder zuletzt nicht sehr oft gesagt. Er meint damit gar nicht so sehr den neuen champagnerfarbenen Anzug, sondern vielmehr das Fluggefühl, das er lange vermisst hat. Schon sein letzter Sprung auf der Großschanze von Willingen war technisch sauber, vielleicht sogar so eine Art Trendwende: „Und hier habe ich auf der kleinen nahtlos daran angeknüpft.“ Wo viele Kollegen mit Umstellungsproblemen zu kämpfen haben. Schmitt war gar nicht weit weg von Ammann.

          „Ein Mann für große Ereignisse“

          Natürlich darf man das nicht überbewerten, aber „wenn man auf Tuchfühlung mit den Besten ist, gibt einem das Selbstvertrauen“, sagt Schmitt. Die Schanze im Callaghan Valley hat zwar keine besonderen Tücken, aber sie verzeiht auch keine Fehler. Jeder Meter jenseits der 100-Meter-Marke ist hart erkämpft. „Man muss sauber und exakt springen“, sagt Schmitt. „Die Formkurve steigt, ich bin bereit für Olympia.“

          Das hört der Bundestrainer gerne, denn es ist doch immer noch so: Wenn es Martin Schmitt gut geht, geht es auch dem deutschen Skispringen gut. Schuster glaubt noch immer an das Potential, das in dem Team-Olympiasieger von 2002 schlummert. Denn der Weltmeister von 2001 hat wohl etwas, was andere nicht haben: „Martin ist ein Mann für große Ereignisse, der hat den Sieg in seinem Selbstbild“, sagt Schuster. Auch wenn er für dieses Selbstbild immer tiefer graben muss. Den Spaß hat Schmitt aber nicht verloren. Als ihn jemand fragt, ob er seine letzten Spiele besonders genieße, sagt er: „Im Moment gefällt es mir eigentlich ganz gut - und wer weiß, wenn München für 2018 den Zuschlag erhält...“

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