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„Exot“ Dachhiri Sherpa : „Olympia statt Krieg“

  • -Aktualisiert am

Dabeisein ist zumindest ziemlich viel: Als zweiter Nepali der olympischen Geschichte ist Dachhiri Sherpa am Start Bild: REUTERS

Ein Exot der Winterspiele: Dachhiri Sherpa aus Nepal wundert sich über die Langlauf-Kollegen. Warum sind die Spiele vorbei, wenn ihr Rennen gelaufen ist?

          Das „Endurance Village“, das „Ausdauer-Dorf“, liegt direkt neben den Langlauf- und Biathlon-Wettkampfstätten, oben auf dem Psechako-Bergkamm, auf knapp 1500 Metern. Hier, hoch über Krasnaja Poljana, sind während der Winterspiele die Langläufer und Biathleten untergebracht. Es gibt eine schicke Lobby, kleine Läden und ein nettes Café, das „Art Café“, mit vielen Bildern und einem Blumenhändler drin. Dachhiri Sherpa gefällt es prima hier im Endurance Village. Es ist für zwei Wochen sein Zuhause, vom ersten Tag der Spiele bis zum letzten. Dachhiri Sherpa will so viel wie möglich mitnehmen von diesen Winterspielen. Medaillen werden nicht dabei sein.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Langläufer Dachhiri Sherpa war bei der Eröffnungsfeier Nepals Fahnenträger. Das war keine große Überraschung, es gibt keinen anderen nepalischen Teilnehmer an diesen Winterspielen, und so war das auch schon 2006 in Turin und 2010 in Vancouver. Wintersport in Nepal, das mag für Außenstehende naheliegen, vielen Einheimischen ist es fern.

          Keine Lust auf Olympia

          Nepal ist ein wunderschönes, aber auch ein bitterarmes Land, die meisten Menschen haben andere Sorgen, als Ski fahren oder rodeln zu gehen, und warum das bei Sherpa anders ist, „das“, sagt er, „ist eine lange Geschichte“. Sherpa stammt aus dem Solo Khumbu, dem Gebiet um den Mount Everest, er ist eigentlich Bergläufer, ein sehr guter Bergläufer. Als er 1995 das Himalaya Race gewann, „tausend Kilometer vom Annapurna-Basislager zum Everest-Basislager“, da wurde das Nationale Olympische Komitee Nepals auf ihn aufmerksam. Es fragte an, ob er nicht Lust hätte, im Langlauf anzutreten.

          Hatte er aber nicht. Sherpa war noch nie auf Ski gestanden, das Ganze war ihm fremd. Sieben Jahre später kam die nächste Anfrage, diesmal lockte das Komitee mit der Teilnahme an den Asien-Winterspielen 2003 in Japan. Sie sagten ihm, Langlauf, das sei leicht zu lernen, ihn reizte die Perspektive, nach Japan zu fahren – Sherpa biss an. „Ich wusste damals nicht viel von Ski, Skirennen oder Skipräparierung, ich habe nur für mich allein trainiert“, sagt er. Trotzdem fuhr er nach Japan und lief das 30-Kilometer-Skatingrennen. „Ich kam ins Ziel, aber es war sehr schwer.“ Vor den Spielen in Sotschi hat er ein Stipendium des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bekommen.

          Laufe für sein Land: Dachhiri Sherpa in Krasnaja Poljana

          Die Trainingssituation hat sich dadurch verbessert, und dank der Hilfe von Freunden auch die Tüftelei mit dem Material, um das er sich jetzt nicht mehr allein kümmern muss. Was sich nicht verändert hat, sind die Ziele. Er hat sich nur für ein Olympia-Rennen qualifiziert, die 15 Kilometer klassisch an diesem Freitag, (11 Uhr/ live in der ARD und F.A.Z.-Olympia-Liveticker und „wahrscheinlich werde ich Letzter“, sagt Sherpa. „Aber das macht nichts, einer ist immer Letzter, das ist eben so bei einem Rennen.“ 2006 wurde er 94. von 96 Läufern, vier Jahre später 92. von 95. Siege, Plätze, Resultate, das ist ihm nicht so wichtig. Er ist seit 15 Jahren Bergläufer, er hat mehr als 100 Rennen gewonnen, sagt er. Nicht dass er die alle gezählt hätte, das hat seine Frau getan, eine Französin, mit der er seit langem in der Schweiz lebt, als Veranstalter von Bergläufen in Nepal, Indien oder Indonesien.

          Mehr als nur der Lauf

          Sherpa wundert sich manchmal über Langlauf-Kollegen, die tagelang nur ihr Rennen im Kopf haben, an nichts anderes mehr denken, nichts wahrnehmen, und wenn das Rennen dann vorbei ist, ist für sie auch Olympia vorbei. Sherpa geht es bei den Spielen darum, „unsere Nation, unsere Kultur zu repräsentieren, Menschen kennenzulernen, sich mit ihnen auszutauschen“. Und darum, die Idee Olympias, das Zusammenkommen von Athleten aus aller Welt, weiterzutragen. „Die junge Generation in vielen Ländern kennt nur Krieg, von klein auf“, sagt er. „Olympia ist eine gute Möglichkeit, etwas mit den Leuten zu teilen, ihnen etwas anderes zu geben als Krieg.“ Das ist nicht immer einfach, schon gar nicht in Nepal. Da hat kaum einer die Möglichkeit, die Spiele zu verfolgen, „die meisten Leute in den Bergen“, sagt Sherpa, „haben keinen Fernseher, in Katmandu bekommen viele keine internationalen Sender, nur lokale, und selbst wenn sie einen bekommen, gibt es manchmal keinen Strom“.

          Sherpas Traum ist es, in Nepal eine kleine Langlaufanlage aufzubauen, um jungen Sportlern eine Perspektive zu eröffnen, sie mit Langlauf in Kontakt zu bringen. Er ist in Gesprächen mit dem Nationalen Olympischen Komitee und dem Skiverband. „Ich hoffe, ich kann in einigen Jahren etwas für die Nepaler tun“, sagt er. „Im Moment ist es nur mein Traum.“ Sherpa ist jetzt 44 Jahre alt, es werden seine letzten Olympischen Spiele als Athlet sein. „In unserer Religion, dem Buddhismus, sind die Drei und die Sieben wichtige Zahlen“, sagt er – und dies sind nun seine dritten Spiele.

          Offiziell gilt Dachhiri Sherpa als zweiter nepalischer Athlet in der Geschichte der Winterspiele, nach dem Langläufer Jayaram Khadka 2002. Genau genommen hat Nepal aber sogar einen Goldmedaillengewinner zu bieten – im Alpinismus. Der lag dem Begründer der modernen Spiele, Pierre de Coubertin, besonders am Herzen, er wollte schon bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 die beste alpinistische Leistung in den vier Jahren vor den Spielen auszeichnen. Es dauerte dann aber bis 1924, ehe bei den Winterspielen in Chamonix erstmals Medaillen im Alpinismus vergeben wurden – an die britische Everest-Expedition 1922, den ersten ernsthaften Versuch, den höchsten Berg der Welt (8850 Meter) zu besteigen.

          Sie stieß bis auf rund 8300 Meter vor, so hoch wie nie ein Mensch zuvor. Im Februar 1924 überreichte de Coubertin am Fuß des Mont Blanc persönlich die Medaillen an zwölf britische und ein australisches Expeditionsmitglied. Ihr Leiter Charles Bruce setzte sich später dafür ein, dass acht weitere Mitglieder ausgezeichnet werden, sieben indische Träger und der nepalische Gurkha-Offizier Tejbir Bura, der beim Rekordvorstoß Richtung Gipfel dabei war. Das IOC willigte ein und vergab acht weitere Medaillen. Weil es sich um eine multinationale Gruppe handelte, wurde die Auszeichnung aber unter der Nationalität geführt, die die Expedition anführte, und das waren die Briten. Tejbir Buras Olympia-Medaille kann sich heute jeder anschauen. Nur ist auch das für viele Nepaler nicht so einfach. Sie liegt im Gurkha-Museum in Winchester. Im Süden Englands.

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