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Deutsche Biathletinnen : „Das war ein totaler Griff ins Klo“

  • -Aktualisiert am

Auch Andrea Henkel konnte in der Verfolgung nicht zulegen Bild: AP

Platz 27, 29, 30 und 41 – die deutschen Biathletinnen erleben ein Debakel in der Verfolgung bei Olympia in Sotschi. Anders als die Weißrussin Darja Domratschewa – sie gewinnt Gold.

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          Ach, wäre er doch nur früher gekommen, der Nebel. Dann wäre den deutschen Biathletinnen womöglich ein schmerzlicher Tiefschlag erspart geblieben: das schlechteste Ergebnis in einem olympischen Rennen überhaupt. Aber die Schwaden, die am Dienstagabend ins Laura-Stadion einfielen und die 30 Zielscheiben verhüllten, kamen erst, als schon alles vorbei war.

          Sämtliche Verfolger waren im Ziel, die Hierarchie, die im Sprint am Sonntag kurzfristig durcheinander gewirbelt worden war, längst wieder hergestellt, Darja Domratschewa, die Weißrussin, schrie ihre Freude über ihr erstes Gold heraus, Tora Berger aus Norwegen freute sich über Silber, und die Slowenin Teja Gregorin als einzige Überraschung war fassungslos, die erste Biathlonmedaille für ihr kleines Land gewonnen zu haben.

          Ein paar Meter weiter, auf der Empore neben der großen Tribüne stand jemand in einer weißen Kapuzenjacke und war mindestens genauso fassungslos: Gerald Hönig, der Trainer der deutschen Frauen. Und der Blick auf die Anzeigentafel zeigte, was ihn so erschüttert hatte: Evi Sachenbacher-Stehle, sechs Schießfehler, Platz 27; Andrea Henkel, drei Fahrkarten, Platz 29, Laura Dahlmeier, ein Fehler, Platz 30. Ein Ergebnis, das niemand erwartet hatte. Hönig selbst am wenigsten.

          Aber der 55 Jahre alte Thüringer ist keiner, der sich versteckt, wenn es schlecht läuft, und er ist für seine deutlichen Worte bekannt: „Ich bin ein bisschen fassungslos, dass uns gerade bei einem olympischen Rennen so ein Ausrutscher passiert“, sagte Hönig. Weil mit der Ausgangsposition vom Sprint viel mehr möglich gewesen sei. „Das haben die anderen bewiesen.“ Domratschewa von Rang neun auf eins, Berger von Platz zehn auf zwei, Gregorin von Position 15 auf drei, um nur die prominentesten Beispiel für die mögliche Aufholjagd zu nennen. „Das war heute auch unser Ziel, aber es hat in keiner Teildisziplin funktioniert“, sagte Hönig.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Zu viele Fehler am Schießstand, obwohl der als relativ einfach gilt, aber auch Laufleistungen, mit denen man nichts gewinnen kann. Geschweige denn eine Medaille. „Wir waren auf der Strecke überhaupt nicht in der Lage, dagegen zu halten oder gar zu attackieren“, lautete die Erkenntnis von Hönig, die in dem Satz gipfelte: „Das war ein totaler Griff ins Klo“.

          Aber in die Ursachenforschung ist er so kurz nach dem Rennen noch nicht eingestiegen. „Ich muss erst in Ruhe mit den Mädels sprechen.“ Die konnten zunächst – zumindest öffentlich – nicht wesentlich zur Erhellung beitragen. „Dafür gibt es keine Erklärung“, sagte Evi Sachenbacher-Stehle, um sich dann selbst ein bisschen in Schutz zu nehmen: „Ich mache das ja noch nicht so lange, da passiert das immer mal wieder“, sagte die Langlauf-Umsteigerin. Und Andrea Henkel, mit ihrer Routine und ihrer Klasse die größte Enttäuschung an diesem Abend, sagte lapidar: „Zu viele Schießfehler.“

          Unaufhaltsam Richtung Gold: Darja Domratschewa gewinnt die Verfolgung

          Aber auch nur die 32. Laufzeit. Dass sie Reizhusten hatte, mochte Hönig nicht als Ausrede gelten lassen. „Bei ihr gab es überhaupt keine Bedenken.“ Die beiden Jungen, Laura Dahlmeier und Franziska Preuss (Rang 41), lässt er ein bisschen außen vor: „Die zahlen hier noch Lehrgeld.“ Aber ansonsten ist er ratlos. Weil sich so ein Debakel überhaupt nicht mit den eigenen Ansprüchen deckt.

          Weil nichts darauf hin gedeutet hat. Die Frauen haben eine bessere Saison hinter sich als erwartet, der Formaufbau hatte gestimmt, was sich an der Kurve jeder einzelnen besonders im Januar ablesen lässt, als Andrea Henkel in Antholz sogar gewonnen hat. Das Trainingslager in Ridnaun in nahezu gleicher Höhenlage wie Sotschi und ähnlichem Streckenprofil sei hervorragend gelaufen. Und dann so etwas.

          Der aktuelle Medaillenspiegel der Olympischen Winterspiele

          Jetzt muss man schleunigst Ursachenforschung betreiben, die Köpfe frei bekommen. „Wir haben noch ein paar Wettkämpfe, aber das wird jetzt natürlich schwer“, sagt Hönig, der wie sein Assistent Ricco Groß mehr als Psychologe denn als Trainer gefragt ist. Es wird einen Regenerationstag geben, „und wir werden Einzelgespräche führen, weil es nicht die eine Ursache gibt“, kündigt Hönig an. Aber dann heißt es wieder ins Training einsteigen. Am Freitag steht der 15-Kilometer-Einzelwettbwerb auf dem Programm. „Einfach einen großen Haken dranmachen und nach vorne schauen“, empfiehlt Evi Sachenbacher. Aber das kann nicht jede.

          Ergebnisse, Damen, 10 km Verfolgung

          Gold: Darja Domratschewa (Weißrussland) 29:30,7 Min./1 Schießfehler
          Silber: Tora Berger (Norwegen) + 0:37,6/1
          Bronze: Teja Gregorin (Slowenien) + 0:42,0/1

          4. Gabriela Soukalova (Tschechien) + 0:47,6/1
          5. Walj Semerenko (Ukraine) + 0:52,9/1
          6. Anastasiya Kuzmina (Slowakei) + 0:58,4/2
          7. Olga Wiluchina (Russland) + 1:02,2/1
          8. Karin Oberhofer (Italien) + 1:07,1/1
          9. Ann Kristin Aafedt Flatland (Norwegen) + 1:09,5/0
          10. Wita Semerenko (Ukraine) + 1:09,6/2

          ...27. Evi Sachenbacher-Stehle (Reit im Winkl) + 2:45,9/6
          29. Andrea Henkel (Großbreitenbach) + 2:59,7/3
          30. Laura Dahlmeier (Partenkirchen) + 3:08,1/1
          40. Franziska Preuß (Haag) + 4:03,3/3

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