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Biathlon-Krise : Blackout am Schießstand

  • -Aktualisiert am

Hängende Köpfe im Schneeregen: Andreas Birnbachers (l.) Versagen am Schießstand machte die Hoffnungen auf eine Medaille in der Staffel zunichte Bild: dpa

Deutsche Biathleten holen erstmals seit 1968 keine Medaille, weil sie mit den Schnellschützen nicht mithalten können. Andere haben den Trend schon vor Jahren erkannt. Nun folgt der große Umbruch - doch die Planungen werden durch das Debakel von Whistler verzögert.

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          Keine Medaille. Das erste Mal seit 1968. Ein herber Schlag für die deutschen Biathlon-Männer, die den Ruf als Medaillengaranten bei Olympischen Spielen hatten. Stärker könnte der Kontrast zu Turin 2006 nicht sein. Damals war Michael Greis mit zwei Einzel-Goldmedaillen der Held, Sven Fischer gewann Gold und Bronze, die Staffel wurde Olympiasieger. Vier Jahre später stehen Greis und Kollegen mit hängenden Köpfen im Schneeregen, der unentwegt vom Himmel fällt, und suchen nach der letzten vergebenen Chance nach Erklärungen.

          Bundestrainer Frank Ullrich, der nach der Saison Schluss macht, ist längst untergetaucht, Andreas Birnbacher, dessen Blackout im Stehendanschlag die allerletzte Hoffnung auf einen versöhnlichen Abschluss mit der Staffel zunichtegemacht hat, hat sich irgendwo in der Wachskabine verkrochen. Zum Glück ist es wenigstens noch Platz fünf geworden. Der entspricht exakt der Rangliste im Gesamtweltcup, aber sie haben sich doch besser eingeschätzt.

          Zwei fünfte Plätze – den von Greis im Verfolger eingerechnet – als olympische Highlights zu verkaufen fällt schwer, wenn man jahrelang stets Medaillen im Gepäck hatte. „Das ist bitter“, sagt Thomas Pfüller, der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), „die Biathlon-Männer stehen jetzt als die großen Verlierer da. Aber diese Mannschaft hat Substanz.“ Was aber nützt das Potential, wenn man es im entscheidenden Moment nicht abrufen kann.

          Untergetaucht: Bundestrainer Frank Ullrich
          Untergetaucht: Bundestrainer Frank Ullrich : Bild: dpa

          Im Prinzip hat es sich schon zuvor im Weltcup häufig verborgen. Ein einziger Weltcupsieg von Arnd Peiffer als Hoffnungsschimmer, die Staffel bestenfalls auf Platz drei – da muss man schon optimistisch sein. Aber bislang hat es noch immer zum Minimalziel gereicht: zwei Medaillen. Schon die letzten Weltmeisterschaften in Östersund und Pyeongchang (jeweils zwei Medaillen, aber kein Gold) haben indes gezeigt, dass die deutsche Hochzeit zu Ende geht.

          Auf der Matte vergehen wertvolle Sekunden

          Greis beklagt den mangelnden Teamspirit, aber er selbst hat sich vom Bundestrainer vor zwei Jahren ein Stück Unabhängigkeit erkämpft und sich abgenabelt. Genutzt hat er seine Freiräume nicht. Der Leitwolf mochte er nie sein, weil er zu viel mit sich selbst zu tun hatte. Das Team ist seit vergangenem Jahr im Umbruch, und für die frischen Kräfte wie Arnd Peiffer, Christoph Stephan und Simon Schempp sind diese Spiele einfach noch zu früh gekommen. Ihr direkter Vorstoß in die erste Reihe beleuchtet das eigentliche Problem: den Ausfall des Mittelalters. Erfahrene Athleten wie Birnbacher, Alexander Wolf oder Michael Rösch sind in dieser Saison den Nachweis der Weltklasse viel zu oft schuldig geblieben. Man erinnere sich, dass nur vier von sechs Biathleten die Olympianorm voll erfüllt haben.

          Fakt ist, dass die Deutschen ausgerechnet in ihrem früheren Hoheitsgebiet den Anschluss verloren haben – am Schießstand. Es geht nicht nur um Treffsicherheit, sondern auch um Geschwindigkeit. Das Tempo hat unerhört angezogen, die Weltspitze hat sich längst auf Schnellschützen wie Simon Eder aus Österreich eingestellt. Ole Einar Björndalen, mit dem Sieg der norwegischen Staffel nun sechsmaliger Olympiasieger, hat den Trend schon vor zwei Jahren erfasst und entsprechend reagiert. Wenn sich die Deutschen auf der grünen Matte hinlegen, vergehen wertvolle Sekunden bis zum ersten Schuss. Aber selbst dann fallen die Scheiben nicht.

          Das Debakel verzögert die Zukunftsplanung

          Jetzt steht in der Post-Ullrich-Ära der große Umbruch bevor, die Personen und die Strukturen auch in den beiden großen Stützpunkten ändern sich. Uwe Müssiggang, bislang allein für die Frauen zuständig, wird als Mr. Biathlon beide Mannschaften koordinieren. Mark Kirchner und Gerald Hönig, die Assistenztrainer Männer und Frauen, könnten in die Chefpositionen aufrücken. Auch die ehemaligen Weltklasse-Biathleten Ricco Groß und Fritz Fischer sollen eingebunden werden.

          Auf jeden Fall wird ernsthaft über einen Schießtrainer nachgedacht, um wieder Anschluss zu finden. Das Olympiadebakel hat die Planungen von Pfüller noch einmal verzögert: „Wir müssen erst sehr genau analysieren, was hier passiert ist. Aber ich bin überzeugt, dass wir die richtigen Antworten finden.“ Das ist auch nötig. Spätestens 2012, wenn die WM in Ruhpolding stattfindet, sollten die Skijäger wieder treffen.

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